Thomas Cook Enjoy your job

Er kam als armer Einwanderer nach England und schaffte eine Traumkarriere. Jetzt soll Manny Fontenla-Novoa den Reisepionier Thomas Cook in neue Dimensionen führen - und mit ihm den Mutterkonzern KarstadtQuelle.

Schon wieder spannen seine Wangen, kurz vor Ausbruch eines breiten Grinsens. Die runden, tief liegenden Augen haben ein neues Vorzeigeobjekt erspäht.

"Das ist Melanie", präsentiert der Chef, den hier alle nur "Manny" nennen. "Melanie ist unser Held", schmeichelt der Vorgesetzte. Die junge Frau reckt pflichtbewusst die Arme zum stummen Jubel. Sie habe, erläutert Manny, die Ausschreibung für mehrere begehrte Wechselstuben an britischen Flughäfen gewonnen. Geldwechsel ist ein Nebengeschäft für den Reiseriesen Thomas Cook, aber ein überaus lukratives. Thank you, nice to meet you, und weiter geht's.

Ein Rundgang mit Manny Fontenla-Novoa (52) durch die englische Zentrale von Thomas Cook gleicht einer Oscarverleihung: überall nur gute Laune und Spitzenleistungen.

Mit schnellen Schritten in blank poliertem, teurem Schuhwerk durchmisst er das Großraumbüro und kommt vor dem Schreibtisch eines etwa 40-jährigen Mitarbeiters im offenen weißen Hemd zu stehen. "Hi, Simon! Simon ist unser neuer Marketingmann. Hat der Konkurrenz ganz schön zugesetzt, dass er zu uns gekommen ist."

Die Lobhudelei mag kalkuliert sein. Und doch ist sie so gut wie echt. Manny kann gar nicht anders, als mit entwaffnendem Optimismus voranzustürmen. Ein Hurra auf das Unternehmen und das große Team gehört unbedingt dazu.

"Ich will, dass ihr stolz seid auf Thomas Cook, auf eure Arbeit, auf euren Chef", rief er den Mitarbeitern zu, als er sich Mitte Dezember in Deutschland als neuer Chef vorstellte. Nicht alle verstanden ihn; Fontenla - in Spanien geboren, in England aufgewachsen - spricht kein Wort Deutsch. Herzlichen Applaus kassierte er trotzdem.

Einige kannten ihn auch schon und wussten um seine Volkstümlichkeit, etwa bei Betriebsfesten, bei denen er geradezu Animateursqualitäten beweist.

Sein Vorgänger, Thomas Holtrop, hatte die Crew mit Desinteresse und Druck gedemütigt. Manny schickt schon mal Mails wie diese: "Enjoy your job!"

Aufmunterung könnte der Manager nun selbst gebrauchen. Er hat einen der härtesten Jobs abbekommen, den Europas Reisegewerbe zu bieten hat. Der Neue soll, kurz gesagt, beweisen, dass im Reisegeschäft großen Stils die Zukunft liegt. Genau das Gegenteil schien zuletzt belegt, durch die schwere Krise des Marktführers Tui .

Die Schande des Bankrotts

Mannys Dienstherr aber sieht die Rettung ausgerechnet im Urlaubsgeschäft: Thomas Middelhoff (53).

Der übernahm vor zwei Jahren das Kommando beim Handelshaus KarstadtQuelle , das damals fast pleite war. Mitte Februar sicherte sich KarstadtQuelle alle Anteile von Thomas Cook; 50 Prozent besaß der Konzern schon zuvor. Gleich darauf platzte Middelhoff mit einem spektakulären Deal heraus: Thomas Cook fusioniert mit MyTravel , der britischen Nummer drei. Im Juni soll das vereinte Reisereich stehen, die Thomas Cook Group: gigantisch groß, strotzend vor Kraft, angeführt von einem Wirbelwind ersten Ranges, Manny eben. So weit der Plan.

Der erste öffentliche Auftritt des neuen König Cook, Anfang Februar bei der Präsentation der Jahresbilanz, enttäuschte viele Neugierige. Manny, der Bunte, las ein farbloses Statement vom Blatt ab - hastig, als wolle er die Sache möglichst schnell hinter sich bringen. Repräsentieren liegt ihm nicht. Er hat allerdings auch wenig Übung darin.

Der neu ernannte Vorstandsvorsitzende ist als Mann der Tat groß geworden, nicht als Sachwalter oder erhabene Autorität. Nie besuchte er eine Hochschule. Er zehrt von einer reichen praktischen Erfahrung. Und von einer ungewöhnlichen Vita, die ihn vor allem eines gelehrt hat: zähes Streben nach Glück.

Fontenla, jüngstes von fünf Kindern, stammt aus Cuntis, einer Kleinstadt im Nordwesten Spaniens. Seine Eltern besaßen einen Werkzeug- und Baustoffhandel, sie waren wohlhabend. Bis das Geschäft in Not geriet. Die Mutter ging nach London, als Zimmermädchen, um Geld aufzubringen. Das Geschäft konnte sie dennoch nicht retten. Nach und nach siedelte die gesamte Familie über, der Kleinste zuletzt, mit elf Jahren.

Die Emigration besiegelte einen enormen Abstieg. Die Familie hauste in einer viel zu kleinen Mietwohnung, teilte sich Bad und Außenklo mit anderen Entwurzelten. Die Eltern litten überdies unter der Schande des Bankrotts. In der Heimat konnten sie sich nicht mehr blicken lassen.

"Die beste Entscheidung meines Lebens"

Fontenla beteuert dennoch, er sei "fantastisch aufgewachsen". "Ich hatte ein Ziel im Leben: dazu beizutragen, dass wir eines Tages nach Hause zurückkehren können."

Lachend erzählt er Anekdoten, die ebenso zu Tränen rühren könnten. Wie er in der Schule seinen Vornamen an die Tafel schreiben sollte: Jesús Manuel. Die Mitschüler wollten gar nicht mehr aufhören zu lachen. Jesus! Und Manuel ... - hieß so nicht ein trotteliger Kellner in einer Fernsehserie? Freunde tauften ihn gottlob "Manny". Ein Schutzschild, den er bis heute gern trägt.

Köstlich findet Manny auch die Episode, als er sich einmal das Deo seines Vaters lieh. Es war Haarspray. Der Vater hatte es jahrelang versehentlich als Deodorant benutzt, die englische Aufschrift hatte er nicht verstanden.

Der Familie helfen, das hieß für Manny: nebenher arbeiten, seit er zwölf war. Er füllte Supermarktregale auf, stand hinter der Käsetheke, schob den Dessertwagen in einem Edelhotel; einmal bediente er sogar Frank Sinatra.

Mit 18 verließ er die Schule, "ohne sehr fundierte Ausbildung". Doch die Wirtschaft brummte, und er hatte die Wahl, zur Barclays Bank  zu gehen oder zu Thomas Cook. Was die Mutter ihm riet, war klar. Ihn aber zog es zum Reisekonzern.

Der Spanier kann zu Recht behaupten, er habe seine Karriere ganz unten begonnen - im Keller der Londoner Zentrale. Dort betrieb Thomas Cook eine eigene Druckerei für die vielen Formulare des Hauses. Der Neuling hielt die Bestellungen der einzelnen Abteilungen nach und schrieb die internen Rechnungen. Nach anderthalb Jahren rückte er in die Finanzverwaltung auf.

Thomas Cook hielt auch privates Glück für ihn bereit. Hier lernte er die Liebe seines Lebens kennen, gleich an einem der ersten Arbeitstage. Er sah sie von hinten und war entzückt. Als sie sich umdrehte, war er vollends entflammt. Zwei Jahre später heiratete das spanisch-englische Paar. Er war 20 Jahre jung, sie gerade mal 18. Weitere zwei Jahre darauf bekamen sie ihr erstes Kind. Spätestens da war Mannys Traum von der Rückkehr verflogen. Nur die Mutter und eine Schwester zogen später wieder nach Galizien.

"Die beste Entscheidung meines Lebens war es, zu Thomas Cook zu gehen", resümiert Fontenla. "Und die zweitbeste, Thomas Cook zu verlassen."

Fährte in eine sonnige Zukunft

Mitte der 80er Jahre - das Unternehmen war inzwischen ins beschauliche Peterborough umgezogen, gut hundert Kilometer nördlich von London - begann ihn seine Arbeit zu langweilen. Die interessantesten Posten, als Controller etwa, waren ihm mangels Ausbildung verwehrt. Und die ausgeprägte Bürokratie des Hauses war ihm zu stickig.

Fontenla wechselte als Manager zu ILG, einem großen Reiseveranstalter in Nordengland. Endlich konnte er frei zu Werke gehen. 1991 fiel ILG dem Golfkrieg zum Opfer. Manny und drei Mitstreiter bedienten sich aus der Konkursmasse, fanden einen Investor und zogen ihren eigenen Veranstalter auf, Sunworld. Fünf Jahre später verkauften sie Sunworld an Thomas Cook. Manny ging mit, er war wieder zu Hause. Fortan in gehobenen Positionen.

Arbeiten bräuchte er eigentlich gar nicht mehr. Der Manager gilt als finanziell unabhängig. Seine Frau, heißt es, habe Vermögen eingebracht; er selbst dürfte beim Sunworld-Verkauf einen guten Schnitt gemacht haben. Privat fährt er gleich ein ganzes Arsenal edler Sport- und Geländewagen. Die Uhr an seinem Handgelenk ist genau das, was man salopp einen dicken Wecker nennt.

"Früher dachte ich: Hör am besten mit 55 auf, und genieß das Leben, solange es noch geht", bekennt Manny. Heute sehe er die Sache ganz anders. Was nicht heißen soll, dass er sich Freude verkneift. "Ich wüsste keine Betätigung", sagt er ohne erkennbare Ironie, "die mir mehr Spaß macht als mein Job."

Gewiss, die Aufgabe hat Glanz. Der Doppelpack aus Thomas Cook und MyTravel bleibt dem Branchenprimus Tui, der mit der Übernahme des britischen Reisekonzerns First Choice ebenfalls deutlich zugelegt hat - auf den Fersen. Jetzt kann Manny den Rivalen weiter jagen. Andererseits starrt die Mission vor Fährnissen und Widersprüchen.

KarstadtQuelle-Boss Thomas Middelhoff preist den Tourismus als Megatrend, mithin als Fährte in eine sonnige Zukunft. Tatsächlich ringt die Branche - was die klassischen Massenanbieter angeht - seit Jahren mit mickrigem Wachstum, Hyperkonkurrenz und stetig sinkenden Spannen. Ausgerechnet die Touristik soll dem schwankenden Handelsgeschäft von KarstadtQuelle stützend zur Seite stehen. Dabei ist gerade sie anfällig für Flauten und Weltkrisen aller Art.

Streichen, schließen und abstoßen

Wenn es Gewinner am Reisemarkt gibt, dann sind es die Internetportale wie Expedia , die mit Reisen handeln, ohne selbst in Vermögenswerte zu investieren. Thomas Cook hingegen legt sich mit MyTravel noch mehr eigene Reisebüros, Hotels und Flugzeuge zu.

Fontenla versucht erst gar nicht, eine klare Linie aufzuzeigen. Stattdessen lobpreist er die Flexibilität. Den Verkauf einzelner Reisebausteine - Übernachtung, Flug, Mietwagen - via Internet will er forcieren. Aber auch die althergebrachte Pauschaltour ist ihm recht: "Die Pauschalreise ist nicht sexy", argumentiert er, "aber sie bringt gutes Geld."

"Manny ist ein sehr guter operativer Mann", urteilt ein ehemaliger Weggefährte. "Der kennt den Markt und seine Kalkulation. Aber erwarten Sie von ihm keine großen Strategien." Die behält sich wahrscheinlich ohnehin sein künftiger Chairman vor, Thomas Middelhoff.

Die Börse wird Fontenla zunächst daran messen, wie er die Fusion meistert. Schnell soll er die versprochenen Synergien herausquetschen, mindestens 110 Millionen Euro.

Der Weg ist vorgezeichnet: Der Chef wird Stellen streichen, Reisebüros und Callcenter schließen, Flugzeuge abstoßen. Darin hat er einige Übung. Schon bei Thomas Cook focht er eine Sanierung durch. 2001 hatte die britische Landesgesellschaft noch 50 Millionen Pfund verloren. Im vergangenen Jahr meldete sie 83 Millionen Pfund Gewinn - den größten Anteil im Konzern. Mehr als 2000 Stellen fielen seiner Radikalkur zum Opfer.

Manny spricht mit belegter Stimme von seinen Schmerzen, wenn er Mitarbeiter hinausbitten muss. Zimperlich ist er dennoch keineswegs. Gleich am ersten Tag als neuer Konzernherr setzte er die gesamte Entourage seines Vorgängers an die Luft, einschließlich Sekretärin.

Für trübe Gedanken hat Manny keine Zeit. "Ich will", trompetet er, "dass dies die beste und aufregendste Zeit in der Geschichte von Thomas Cook wird." Ein großes Wort. Immerhin nimmt er es da mit 166 Jahren durchaus ruhmreicher Historie auf. Enjoy your job.

Vom Pionier zum Weltkonzern

Vom Pionier zum Weltkonzern: Eine Fusion katapultiert Thomas Cook in neue Höhen

Pioniertat: Am 5. Juli 1841 veranstaltete der Engländer Thomas Cook eine Zugfahrt einschließlich Verpflegung für rund 500 Passagiere. Sie gilt als die erste Pauschalreise der Welt - und bildete den Nukleus eines bald weitweit auftretenden Touristikkonzerns.

Pate: Seit Februar 2007 gehört Thomas Cook vollständig dem Handelshaus KarstadtQuelle. In Deutschland besitzt der Konzern damit unter anderem den Veranstalter Neckermann Reisen und die Charterfluglinie Condor.

Perspektive: Eine Großfusion soll Thomas Cook künftig näher an den europäischen Marktführer Tui hieven. Im Juni will Thomas Cook mit MyTravel fusionieren, der Nummer drei in Großbritannien und in Europa.

Das neue Gemeinschaftsunternehmen Thomas Cook Group wird an der Londoner Börse notiert sein und von der britischen Hauptstadt aus geführt werden. KarstadtQuelle wird mit 52 Prozent der maßgebliche Hauptaktionär sein und das Unternehmen voll konsolidieren.

Als CEO des neuen Reiseriesen ist Manny Fontenla-Novoa nominiert, bis Jahresende noch flankiert vom MyTravel-Chef Peter McHugh. Chairman des Verwaltungsrats (Board) wird KarstadtQuelle-Chef Thomas Middelhoff. Die Londoner Börse begrüßte die Ankündigung der Fusion mit Kursgewinnen der MyTravel-Aktie.

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