McKinsey-Chef "CNN und Internet"

Der Klimawandel ist für die deutsche Wirtschaft mehr Chance als Bedrohung - wenn man es richtig anpackt. Der neue McKinsey-Chef Frank Mattern plädiert für eine andere Industriepolitik und warnt im Gespräch mit manager magazin davor, Private Equity zu verteufeln.
Von Arno Balzer und Dietmar Student

mm: Herr Mattern, gerade erlebt die deutsche Wirtschaft ihre Wiederauferstehung, da drohen die Kosten des Klimawandels alle langfristigen Wachstumsprognosen zunichtezumachen. Sind die deutschen Unternehmen auf die notwendige ökologische Wende vorbereitet?

Mattern: Es wird Sie überraschen, aber ich glaube, dass der Klimawandel für viele unserer Unternehmen sogar eine riesige Chance ist.

mm: Das überrascht uns in der Tat.

Mattern: Wir sind in Deutschland zum Beispiel Technologieführer bei erneuerbaren Energien. Wir haben dort einen Vorsprung, der auf beträchtliche Investitionen und auch Subventionen zurückzuführen ist. Bei der Energieerzeugung werden diese Technologien eine immer größere Rolle spielen. Umwelttechnik ist ein großes Thema. Auch bei der Kernenergie, über die ja derzeit vor dem Hintergrund des Klimawandels wieder heftig gestritten wird, haben wir technologisch eine Menge zu bieten.

mm: Sie plädieren für einen Ausstieg aus dem Ausstieg aus der Atomkraft?

Mattern: Man sollte in der Tat darüber nachdenken, und zwar losgelöst von ideologischen Zwängen. Wir müssen die CO2-Emissionen weiter reduzieren. Erneuerbare Energien sind nur ein Teil der Lösung. Ein anderer ist die Kernenergie. Der Ausstieg ist beschlossen worden, als das Ausmaß des Klimawandels noch nicht als so dramatisch angesehen wurde.

mm: McKinsey-Beschäftigte sind ja Vielreisende. Was tun Sie persönlich gegen den Klimawandel? Haben Sie sich schon Fahrradklammern gekauft?

Mattern: Die hatte ich schon, danke der Nachfrage. Aber natürlich ist das ein Thema, das uns bewegt. Ein junger Berater hat mir vor einigen Wochen eine E-Mail geschrieben und die Frage gestellt, was wir als deutsches Büro von McKinsey selbst zum Klimaschutz beitragen können. Er hat vorgeschlagen, dass wir Emissionsrechte für unsere internationalen Flugreisen kaufen.

mm: Haben Sie die Kosten dafür schon kalkuliert?

Mattern: Ja, die sind überraschend niedrig. Sie können ins Internet gehen und derzeit schon für einige Euro Emissionszertifikate für eine Flugreise nach New York kaufen. Da frage ich mich dann: Wenn das so billig ist, was bewegt es eigentlich? Aber das ist eine andere Debatte.

"Jetzt nicht zurücklehnen"

mm: Muss die Politik in Sachen Klimaschutz schärfer regulieren?

Mattern: Ich warne davor, Vorschriften einzuführen, die den Anpassungsprozess der Wirtschaft überfordern. Sicher, wir können über eine Vorreiterfunktion für Deutschland oder Europa reden. Aber den Klimawandel stoppen - oder, realistischerweise, verlangsamen - können wir nicht allein. Wenn die Chinesen und Amerikaner nicht mitmachen, bewegen wir hier wenig. Da hilft auch ein Verbot von Stand-by-Funktionen nicht.

mm: Vom Klimawandel einmal abgesehen, haben wir den Eindruck, dass eine große Selbstzufriedenheit in die Führungsetagen vieler deutscher Unternehmen eingekehrt ist. Die Konjunktur läuft, der Arbeitsmarkt zieht ordentlich an, die Konzerne vermelden Rekordgewinne, das Gröbste ist geschafft ...

Mattern: ... das ist auch vielerorts so.

mm: Also alles im Lot?

Mattern: Wir haben in Deutschland ein stattliches Wirtschaftswachstum, und die Unternehmen haben frühzeitig und erfolgreich restrukturiert. Aber man darf sich jetzt nicht zurücklehnen. Die Globalisierung hat einen neuen, fundamental verschärften Wettbewerb entfacht. Die Veränderungen gehen weiter. Der Anpassungsprozess muss sich fortsetzen.

mm: Glauben Sie, der schleichende Niedergang, den Deutschland seit Mitte der 90er Jahre erlebt hat, ist gestoppt?

Mattern: Ich würde nicht von "schleichendem Niedergang" sprechen. Wir sind im vierten Jahr in Folge wieder Exportweltmeister, es gibt eine Reihe deutscher Branchen, die zur absoluten Weltspitze gehören. Wir haben mehr weltweit führende Autounternehmen als irgendein anderes Land. In der Logistik stehen wir sehr gut da, in der Chemie. Ich wehre mich dagegen, die deutsche Wirtschaft schlechtzureden.

mm: Alles größtenteils Branchen, die ihren Zenit überschritten haben.

Mattern: Diese klassischen Industriebranchen haben jede Menge Zukunft. Ein wesentliches Problem liegt woanders: Deutschland hat immer noch keine Strategie für ein schnelleres Wachstum des Servicesektors. Dabei ist das für die volkswirtschaftliche Dynamik entscheidend. Mancher gefällt sich darin, auf unsere vermeintlich alten Industrien einzuprügeln, aber das Thema unserer Dienstleistungsschwäche gehen wir nicht an.

"Wir reden uns die Köpfe heiß"

mm: Wo macht sich denn die von Ihnen beklagte Dienstleistungsschwäche besonders bemerkbar?

Mattern: Der größte Teil des Servicesektors ist der öffentliche Sektor, dort wird die Frage, wie man die Produktivität steigern kann, überhaupt nicht diskutiert, obwohl das für die Wachstumsentwicklung unserer Volkswirtschaft von zentraler Bedeutung ist. Wir reden uns die Köpfe heiß über alle möglichen Vorschläge zur Gesundheitsreform, aber dass wir mit diesen Maßnahmen kaum ein effizienteres Wirtschaften erreichen, das interessiert kaum jemanden.

mm: Andere Länder scheinen entschlossener ihre Konzerne und Branchen zu unterstützen.

Mattern: Sie haben recht. Wir müssen verstärkt jene Branchen unterstützen, die wir in den nächsten 10, 20 Jahren nicht verlieren dürfen, und uns die Frage stellen, woher unser Wohlstand kommen soll. Der scharfe Wettbewerb, vor allem um Kapital und Unternehmensansiedlungen, erfordert eine andere Strategie als bisher - bei den Unternehmen, aber auch in der Politik.

mm: Welches sind denn die Branchen, an denen wir ein nationales Interesse haben müssen?

Mattern: Damit meine ich den ganzen industriellen Kern unserer Volkswirtschaft - etwa Auto-, Maschinen- und Anlagenbau, Chemie, Energie, aber auch Dienstleister wie Banken und Versicherungen.

mm: Hat die Bundesregierung im Falle Eon/Endesa zu wenig getan?

Mattern: Unsere europäischen Nachbarn, und das gilt auch für Spanien, glänzen durch eine robuste Interessenpolitik. Wir hingegen haben einen sehr offenen Kapitalmarkt und ausländische Investoren immer willkommen geheißen. Wir dürfen zwar nicht in einen Wettlauf der gegenseitigen Blockierungen und Regulierungen eintreten, an dessen Ende es den europäischen Markt nicht mehr geben wird. Aber wir brauchen zweifelsohne eine Renaissance der Industriepolitik in Deutschland.

"Industriepolitik aus einem Guss"

mm: Es gibt ja nicht nur den Fall Eon/Endesa. Bei EADS wollen die Franzosen die Deutschen aus der Konzernführung drängen; die Deutsche Börse ist damit gescheitert, die von Frankreich dominierte Euronext zu übernehmen. Muss die Bundesregierung unsere Wirtschaftsinteressen entschiedener vertreten?

Mattern: Wir brauchen eine Industriepolitik aus einem Guss. Eine solche Industriepolitik identifiziert Schlüsselbereiche und geht systematisch Standort- und Wettbewerbsnachteile an. Das heißt: Die Unternehmen, die Forschungspolitik, die staatlichen Institutionen in ihrer Gesamtheit sind gefordert.

mm: Wo sind die Grenzen? Warum sollen wir nationale Champions fördern, zum Beispiel in der Kreditwirtschaft?

Mattern: Der Begriff nationaler Champion ist aus meiner Sicht überstrapaziert worden. Richtig bleibt: Die Kreditwirtschaft ist zwar nur verantwortlich für 7 Prozent der inländischen Beschäftigung. Aber sie ist ein eminent wichtiger volkswirtschaftlicher Faktor. Und was sehen wir? Das Investmentbanking findet schon längst nicht mehr innerhalb der deutschen Grenzen statt. Jetzt wächst auch das Retailbanking in internationale Dimensionen. Unsere Nachbarländer haben das längst registriert. Sie haben inzwischen Strukturen mit großen Marktteilnehmern und mit internationalem Netzwerk. Das haben wir in Deutschland bislang vernachlässigt.

mm: Der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Peter Struck, hat die Bildung eines Industriekabinetts innerhalb der Bundesregierung angeregt, das industriepolitische Entscheidungen vorbereiten soll. Motto: Wenn Politikern nichts mehr einfällt, gründen sie ein Gremium?

Mattern: Zumindest erkenne ich darin den Versuch, sich dieser Frage zu stellen. Gegen ein Gremium ist ja per se nichts zu sagen. Es kommt darauf an, was es bewegen kann.

"Wir reden nur über den Ausverkauf"

mm: Mit den inzwischen sehr potenten Private-Equity-Investoren ist in diesem Wettbewerb eine neue Art von Spielern aufgetaucht. Wie sollte die Industriepolitik mit denen umgehen?

Mattern: Wer Private Equity verteufelt, handelt jedenfalls nicht in deutschem Interesse. Jetzt haben wir endlich jemanden, der in den deutschen Mittelstand investieren will, und das Erste, was passiert, ist ein großer Aufschrei: Wir reden nur noch über den Ausverkauf. Natürlich gibt es Transaktionen von Private-Equity-Firmen und besonders von Hedgefonds, über die man geteilter Meinung sein kann. Aber fundamental ist das ein Zufluss von Kapital in einen wesentlichen industriellen Kern unserer Volkswirtschaft. Insoweit ist das eine gute Sache.

mm: Also alle Türen auf für Heuschrecken?

Mattern: Ich glaube, das Phänomen wird überschätzt. Selbst in England oder Amerika machen Private-Equity-Investoren nur einen niedrigen einstelligen Prozentsatz der gesamten Börsenkapitalisierung aus. Was da abläuft, ist faktisch eine neue, wenn auch teure Form, Unternehmen zu führen, weil die Investoren sehr hohe Renditen erwarten. Aber es ist sicher eine Weiterentwicklung. Ich glaube, dass Private Equity unsere Industriestruktur letztendlich erheblich verbessern wird.

mm: Die Bundesregierung will bis 2009 rund 15 Milliarden Euro in die Forschung investieren. Ziel ist, Deutschland an die Spitze der innovativsten Länder zu bringen. Ist ein solches Vorhaben realistisch?

Mattern: Wir sind Jahrzehnte zurück in der Frage der Verknüpfung von Wissenschaft und Wirtschaft. Das holen wir so schnell nicht auf. Wir sind zwar besser geworden, aber der Abstand zu den besten Innovationsclustern der Welt nimmt nicht ab, weil die auch ständig besser werden.

mm: Besteht noch Hoffnung?

Mattern: Es gibt keine Alternative. Wir müssen Zukunftstechnologien unter vollem Einsatz weiterentwickeln, zum Beispiel die Nanotechnologie. Natürlich sind die 15 Milliarden Euro nicht genug. Das ist eine Art Startfinanzierung. Dann muss das private Kapital hinterherkommen. Und dann müssen auch erfolgreiche Unternehmenskonzepte dahinterstehen, die sich rechnen. Sonst investiert keiner.

"Da helfen uns Eliteuniversitäten"

mm: Wie können wir die jungen, guten Forscher aus dem Ausland zurückholen oder dazu bringen, hier - als Gründer - etwas zu unternehmen?

Mattern: Zunächst: Wir wollen unsere jungen Forscher nicht alle hierbehalten. Wir wollen nicht, dass die alle deutschtümelnd vor sich hin forschen. Sondern wir wollen, dass sie nach Amerika, nach China gehen und sich dort weiterentwickeln. Aber wir müssen sie ermutigen, dass sie wieder zurückkommen. Das Umfeld für Gründer im Silicon Valley oder an der amerikanischen Ostküste ist nun mal sehr gut. Da helfen uns sicherlich Eliteuniversitäten; davon muss es einige mehr geben.

mm: Wieso werben wir nicht Forscher aus anderen Staaten an? In Indien oder China sind die für deutlich weniger Geld zu bekommen.

Mattern: Das stimmt in der Tat. Es wird auch Druck auf das Lohnniveau in der Forschung geben, da Weltklasseforschung und Entwicklung nicht nur in München oder im Silicon Valley stattfindet, sondern auch in Bangalore und in Shanghai. Vor diesem Hintergrund müssen wir aufpassen, dass der Ingenieurberuf und die wissenschaftliche Karriere für unseren Nachwuchs attraktiv bleiben.

mm: Welche neuen Anforderungen ergeben sich bei all diesen Trends für Ihre Berater? Wie sieht der McKinsey-Partner des 21. Jahrhunderts aus?

Mattern: Wir verändern uns mit der Wirtschaft. Die Führungskraft des 21. Jahrhunderts ist in der Lage, weltweit zu arbeiten. Früher genügte es, unsere besten Leute mal ein Jahr nach Amerika zu schicken. Heute senden wir unsere Berater quer durch Europa, nach Amerika, nach Asien. Das ist Teil eines systematischen Förderprogramms, das die drei wesentlichen Wirtschaftsregionen umfasst. Niemand anders als wir kann dies in dem Maße bieten.

"Auf Augenhöhe mit unseren Klienten"

mm: Lassen die jungen Leute das mit sich machen, sind die flexibel genug?

Mattern: Die Einstellungen der Leute, die heute von den Universitäten kommen, haben sich fundamental verändert. Die sind mit CNN und Internet aufgewachsen. Das heißt, weltweite Kommunikation und Transparenz ist für die etwas völlig Normales. Die wollen ins Ausland, weil sie globalisierungshungrig sind.

mm: Herr Mattern, Sie stehen seit Anfang dieses Jahres an der Spitze von McKinsey in Deutschland. Haben Sie sich schon mit dem FC-Bayern-Syndrom vertraut gemacht?

Mattern: Was meinen Sie?

mm: McKinsey ist wie der FC Bayern München - mit großem Abstand der erfolgreichste Klub in Deutschland und deshalb von allen gejagt und von vielen gehasst.

Mattern: Wenngleich ich Ihre Schlussfolgerung nicht in vollem Umfang teile: Der Vergleich ehrt uns. Aber wir sind konstanter, wir wechseln unsere Trainer nicht so oft aus.

mm: Bayern München hat in dieser Saison den alten Trainer wieder zurückgeholt.

Mattern: Das war eine außergewöhnliche Entscheidung, die Bayern waren schon immer völlig einzigartig.

mm: Was wollen Sie anders machen als Ihr Vorgänger? Wohin soll sich McKinsey unter Ihrer Führung entwickeln?

Mattern: Ich möchte, dass McKinsey in Deutschland auf Augenhöhe mit unseren Klienten arbeitet und deren erster Partner für strategische und operative Fragen sowie die unternehmerische Ausrichtung ist.

mm: Das wollen andere auch. Die Boston Consulting Group ist Ihnen seit Jahren auf den Fersen und macht Ihnen vor allem im Kerngeschäft mit den großen Dax-Firmen Konkurrenz. Angst?

Mattern: Ich habe mit Interesse zur Kenntnis genommen, wie sehr sich unsere Wettbewerber offenbar mit uns beschäftigen. Wir beschäftigen uns mit unseren Klienten. Und daran wird sich auch nichts ändern.

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