Commerzbank Müllers Männer

Bei der Commerzbank ist der Kampf um die Nachfolge von Vorstandschef Klaus-Peter Müller eröffnet. Wer führt die Bank aus der Sackgasse?
Von Ulric Papendick

Knapp 250 Meter über der Frankfurter Innenstadt, in Deutschlands höchstem Büroturm, ist die Stimmung recht lässig. Jacketts tragen die Vorstandsmitglieder der Commerzbank  im Büro nur, wenn es unbedingt nötig ist. Die Türen stehen meist offen, der Umgangston erinnert eher an eine Uni-Mensa als an ein Zentrum der Hochfinanz.

Die Truppe, die hier im 47. und 48. Stock arbeitet, ist eines der jüngsten Managementteams, die einen deutschen Topkonzern steuern. 49 Jahre sind die acht Vorstände der Commerzbank im Durchschnitt alt, und wohl niemand ist auf diesen Umstand so stolz wie der Chef selbst.

Klaus-Peter Müller (62), seit knapp sechs Jahren Vorstandssprecher des Instituts hat fast alle Mitglieder seines Topgremiums persönlich ausgesucht. Er hat, das betont er gern, eine Mannschaft geschaffen, die zusammenhält. Ein echtes Team.

Wer die Truppe in diesen Tagen trifft, bemerkt allerdings leichte Risse in der vermeintlich so verschworenen Gemeinschaft. Mehr oder weniger diskret bringen sich die obersten Commerzbanker in Stellung. Es geht immerhin um die Nachfolge auf dem Chefsessel.

Bereits nächstes Jahr, so vermuten Insider in Frankfurt, könnte Frontmann Müller an die Spitze des Aufsichtsrats wechseln. Bislang hatte er stets betont, seinen bis 2010 laufenden Vertrag erfüllen zu wollen. Auch jetzt wiegelt der Chef ab: Weder Vorstand noch Aufsichtsrat hätten sich mit dem Thema befasst. Dennoch halten es viele Commerzbanker für wahrscheinlich, dass Müller seinen Vorgänger Martin Kohlhaussen (71) bereits 2008 auch als Chefkontrolleur ablösen wird.

Und damit ist das Rennen eröffnet. Fast eine Handvoll Commerzbank-Vorstände - Finanzchef Eric Strutz (42) und Firmenkundenmann Martin Blessing (43), aber auch Privatkundenvorstand Achim Kassow (40) und Investmentbanker Nicholas Teller (47) machen sich Hoffnungen auf die Müller-Nachfolge (siehe: Das Schaulaufen der Commerzienräte). Egal wer am Ende oben sitzen wird, er muss hochbegabt sein. Die Bank steckt strategisch in der Sackgasse.

Nach mehreren Strategieschwenks und Restrukturierungsrunden, nach diversen Zu- und Verkäufen wirkt die Commerzbank ein wenig wie die Villa Kunterbunt. Die verschiedenen Geschäftsfelder passen nicht recht zueinander, manche Bereiche sind überdimensioniert, etliche zu klein, um dauerhaft erfolgreich zu sein.

"Let it be"

Die Bank überzeugt eigentlich nur im Geschäft mit mittelständischen Firmen. Das Filialsegment hingegen ist mit einem Marktanteil von etwas mehr als 2 Prozent ausgesprochen schwachbrüstig. Ihr Investmentbanking haben die Commerzbanker nach kostspieligen Expansionsversuchen wieder zurechtstutzen müssen. Und die Akquisition des Immobilienfinanzierers Eurohypo  hat Müller ein voluminöses Hypothekengeschäft eingebracht, dessen Rentabilität nur schwer zu steigern ist.

Alles in allem keine sonderlich attraktive Mischung - zumal das Geschäftsmodell recht einseitig auf den deutschen Markt fixiert ist. Um in großem Stil im europäischen Ausland zuzukaufen, fehlt es der Bank aber an Größe und Kapitalkraft.

Bleibt nur die Konsolidierung im Inland - diese Fantasie versucht Müller, der als oberster Verkäufer seiner Bank einiges Talent entwickelt hat, aufrechtzuerhalten. Doch die Story von der wahren deutschen Bank, mit der der Commerzbank-Chef in den vergangenen Monaten punkten konnte, verfängt bei seinen Investoren immer weniger. Der Aktienkurs hinkt seit Monaten gegenüber dem Dax und anderen Kreditinstituten hinterher. Müller & Co. riskieren, irgendwann doch noch zum Übernahmeziel eines ausländischen Bankriesen zu werden.

Damit es nicht so weit kommt, hat der Bankchef diverse Initiativen gestartet. Schließlich gebe es, ist Müller überzeugt, mehr als genug Möglichkeiten, um aus eigener Kraft besser zu werden. Davon können die Commerzbanker sogar ein Lied singen: Auf einem Strategiemeeting Ende November auf der thüringischen Wartburg besang Investmentbankchef Nick Teller vor der versammelten Führungsmannschaft die Behördenmentalität des Konzerns. Zum Beatles-Klassiker "Let it be" zog Teller über die langen Entscheidungswege und verkrusteten Strukturen seiner Bank her, die sich nach Meinung vieler Spitzenleute allzu oft selbst im Weg steht.

Diese Lethargie macht allerdings auch vor Müllers Verbesserungsvorschlägen nicht Halt. So hängt etwa die Anfang 2006 gestartete Initiative "Service to Perform", mit der in der Informationstechnologie und im Zahlungsverkehr unter anderem durch Stellenstreichungen kräftig Geld gespart werden soll, um Monate hinter dem Zeitplan her.

Und trotz mehrerer Anläufe hat es die Commerzbank noch immer nicht geschafft, ihr Geschäftsfeld Staatsfinanzierung, das sowohl von der Eurohypo als auch von der mehrheitlich zum Bankkonzern gehörenden Essenhyp betrieben wird, unter einem Dach zu vereinen. Der von der Deutschen Bank angeheuerte Fachmann Michael Reuther (47) soll den Bereich nun endlich konsolidieren.

Kreditfabriken und Zukunftsfilialen

Auch das Filialgeschäft, mit Achim Kassow ebenfalls von einem früheren Deutschbanker geleitet, gleicht einer Dauerbaustelle. Mit immer neuen Angeboten versucht der umtriebige Kassow sein Institut für die Privatkundschaft interessanter zu machen. Bislang mit mäßigem Erfolg: Die Bank hat gut fünf Millionen Kunden, der Marktanteil liegt bei etwas über 2 Prozent. Längst ist das Geldhaus von hoch spezialisierten und kostengünstigen Angreifern wie der Direktbank ING Diba  (sechs Millionen Kunden) abgehängt worden.

Um seine Kundenkartei endlich substanziell aufzupolstern, hat Kassow neuerdings die Kontoführungsgebühr komplett gestrichen; er zahlt jedem Kleinsparer sogar noch 50 Euro extra für die Eröffnung eines Girokontos. Aus seiner Sicht eine lohnende Investition, immerhin liege der durchschnittliche Ertrag pro Kunden mit Girokonto oberhalb von 700 Euro jährlich. Erst einmal hat das großzügige Angebot die Bank allerdings knapp zwölf Millionen Euro an Einnahmen gekostet, weil auch 170.000 Altkunden das kostenfreie Girokonto für sich reklamiert haben.

Ob sich nun auch der erhoffte Ansturm von Neukunden einstellt, ist fraglich. Mit ihren bundesweit nur gut 800 Filialen ist die Bank den Sparkassen und Volksbanken, aber auch Postbank , Dresdner und Deutscher Bank  weit unterlegen.

Kassow und Müller wollen mit einem etwas hochtrabend "Filiale der Zukunft" genannten Konzept dagegenhalten. Rund 250 Minigeschäftsstellen, die dank verstärkten Einsatzes von Selbstbedienungsautomaten mit deutlich weniger Personal auskommen, sollen die bundesweite Präsenz der Bank bis Ende dieses Jahres deutlich verstärken. Zugleich will Kassow die Filialen künftig auch samstags öffnen. Um die Gewerkschaften auf seine Seite zu bekommen, hat er sogar die Einstellung von 700 neuen Kundenberatern zugesichert.

Gleichzeitig drängen der Privatkundenmann und sein Vorstandschef aber auf weitere Sparanstrengungen in der Verwaltung. Eine "Kreditfabrik", in der die Bearbeitung von privaten Darlehen für Commerzbank und Eurohypo zusammengefasst wird, soll gemeinsam mit Stellenkürzungen in der IT und im Zahlungsverkehr jährliche Einsparungen in dreistelliger Millionenhöhe bringen.

Mit diesem Mix aus mehr Kundenservice und weniger Abwicklungskosten soll der Privatkundenbereich, der vergangenes Jahr unter dem Strich einen Verlust erwirtschaftete, wieder eine deutlich zweistellige Eigenkapitalrendite einspielen. Gelingt dies rasch, hat Kassow, der intern Interesse an der Müller-Nachfolge angemeldet hat, zumindest eine Außenseiterchance auf den Chefposten.

Der Mann mit der Giftpille

Eher noch dürftiger sind die Aussichten des obersten Investmentbankers und Hobbymusikers Nick Teller. Dem umgänglichen Briten ist es zwar gelungen, das unter seinem Vorgänger Mehmet Dalman (48) ebenso überdimensionierte wie unprofitable Kapitalmarktgeschäft der Commerzbank kräftig einzudampfen und wieder rentabel zu machen.

Von ihren einstigen Ambitionen, in der Königsdisziplin des Geldgeschäfts vorn mitzumischen, hat sich die gelbe Bank indes weitgehend verabschiedet. Heute verdient die Kapitalmarktsparte ihr Geld hauptsächlich in Nischen wie der Entwicklung von Optionsscheinen für Privatkunden und der Zins- und Währungsabsicherung für mittelständische Firmen. Den Wertpapierhandel auf eigene Rechnung, mit dem andere Geldhäuser Milliarden scheffeln, hat Teller hingegen mangels Erfolges eingestellt.

Auch eine auf Fusionen und Übernahmen spezialisierte Beratertruppe, wie sie anderen Geldhäusern zur Geschäftsanbahnung mit der Firmenkundschaft dient, kann die Commerzbank nicht vorweisen. Immerhin hat Teller gemeinsam mit seinem für Firmenkunden zuständigen Vorstandskollegen Martin Blessing jüngst eine Arbeitsgruppe eingesetzt mit dem Ziel, künftig mehr auf die Bedürfnisse von Mittelständlern zugeschnittene Kapitalmarkt-Dienstleistungen anzubieten.

Die Betreuung mittelgroßer deutscher Unternehmen ist schließlich das Kerngeschäft der Bank - und ihr profitabelstes Segment. Spartenchef Blessing, der zuvor bereits das Privatkundengeschäft der Bank recht erfolgreich managte, kann sich nach Meinung vieler in Frankfurt neben Finanzvorstand Eric Strutz die größten Hoffnungen machen, Konzernchef Müller als CEO zu beerben.

Keinerlei Ambitionen dürfte hingegen Bernd Knobloch (55) haben, der Chef der Commerzbank-Tochter Eurohypo. Der Immobilienexperte, der einen Börsengang seines Instituts einer Übernahme durch "die Gelben" vorgezogen hätte, sieht seine Zukunft eher als "Mr. Real Estate" denn als Primus einer Geschäftsbank. Bis heute fühlt sich Knobloch nicht recht wohl bei der neuen Adresse.

Schließlich ist es sein Hypothekengeschäft, das mit einer im Vergleich zu den anderen Banksparten eher mäßigen Rendite und hohen Eigenkapitalbindung die Kennzahlen des gesamten Konzerns belastet. Zwar betont Knobloch bei jeder Gelegenheit, der aus dem Immobilienbereich stammende Ertragsanteil der Commerzbank liege mit etwa 41 Prozent durchaus im Rahmen europäischer Großbanken. In Frankfurter Finanzkreisen wird die Eurohypo-Akquisition dennoch eher als "Poison Pill", als Abschreckung für potenzielle Käufer der Bank, betrachtet denn als sinnvolle strategische Ergänzung.

Eine verpasste Chance

Müller weiß das - und lenkt nach Kräften ab. Versuchte der Bankchef noch vor wenigen Wochen, sein Institut als die wahre deutsche Bank zu positionieren, schwärmt er neuerdings lieber vom Wachstum der polnischen Banktöchter BRE und M-Bank, die dem Institut mittlerweile 1,6 Millionen zusätzliche Kunden bescheren. Zudem betont der Bankchef gern, dass sein Institut - wohl auch dank einiger buchungstechnischer Raffinessen im Wertpapierhandel - ein knappes Drittel der Erträge im Ausland einfährt.

Aus Sicht vieler Großinvestoren ist die Commerzbank jedoch nach wie vor vor allem eine deutsche Veranstaltung. Und auf dem Heimatmarkt gibt es für das Institut nur wenig Chancen auf eine schnelle Umsatz- und Ergebnisverbesserung.

Das ginge nur über größere Zukäufe, und die sind nicht in Sicht. Egal ob die Landesbank Berlin (LBB) oder die Deutschland-Tochter der schwedischen SEB-Bank - alle Kaufgelegenheiten, die sich auf dem hiesigen Markt demnächst auftun könnten, seien nur Arrondierungen, gesteht der Commerzbank-Chef ein.

In Berlin rechnet sich Müller wohl ohnehin keine allzu großen Chancen aus - zu teuer dürfte die heiß umkämpfte LBB werden, als dass ein börsennotiertes Unternehmen wie die Commerzbank die Akquisition gegenüber den Aktionären rechtfertigen könnte.

Einer verpassten Chance trauert Müller heute noch nach: Dass Ex-Kanzler Gerhard Schröder (62) die Deutsche Postbank 2004 nicht der Commerzbank, sondern Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann (59) anbot, hat CDU-Mann Müller fürchterlich geärgert.

Der ansonsten hervorragend verdrahtete Bankchef, der sich neuerdings mit einem Professorentitel schmücken kann, hätte den Deal liebend gern gemacht. Auf dem Flur der Chefetage hatten manche bereits über eine Umbenennung des Geldhauses in "Com-Post-Bank" gewitzelt. Gemeinsam mit der Postbank würde sein Institut schließlich mit annähernd 20 Millionen Privatkunden und einem Marktanteil von fast 10 Prozent genau den nationalen Champion formen, den Berliner Politiker seit Langem einfordern.

Wenn er im Filialgeschäft überhaupt nicht vorankommt, bleibt Müller noch eine andere Alternative. Ähnlich wie andere Geldhäuser auch, könnte die Commerzbank ihr Firmen- und ihr Privatkundengeschäft in zwei eigenständige Bereiche trennen. Durch einen Verkauf des Filialnetzes könnte sich Müller anschließend das Geld besorgen, um im europäischen Firmenkundengeschäft zu expandieren.

Von diesem Szenario will in Frankfurts höchstem Büroturm momentan zwar offiziell niemand etwas wissen. Doch die Alternative dürfte der gelben Truppe auch nicht wirklich sympathisch sein: am Ende doch von einem Ausländer geschluckt zu werden.

Commerzbank: Schaulaufen der Commerzienräte

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