Kommentar Lasst das Geld von der Kette!

Frisierte Wechselkurse passen nicht zu einer reifen globalen Wirtschaft. Es wird Zeit, die Währungen von der Kette zu lassen. Statt ihrerseits über Manipulationen nachzudenken, sollten die Europäer alles tun, um die Währungswelt zu befreien.

Wir Europäer gelten derzeit als Deppen der Weltwirtschaft. Zu blöd - oder zu borniert -, um uns Vorteile zu verschaffen. Zu verschlafen - oder zu zerstritten -, um im globalen Powerplay mitzuspielen.

Das populäre Argument geht so: Während die meisten Regierungen und Notenbanken der Welt ihre Währungen nach Gutdünken zu ihrem jeweiligen nationalen Vorteil manipulierten, hielten sich die Europäische Zentralbank (EZB) und die Regierungen wichtiger Euro-Staaten, voran die Bundesregierung, mit ideologischen Bekenntnissen zum freien Spiel der Wechselkurse auf.

Unangenehme Folge: Der Euro werde so stark, dass er den Aufschwung erdrossele. Voreilige Schlussfolgerung: Auch die Europäer müssten dämpfenden Einfluss auf den Außenwert nehmen.

Das ist reichlich kurz gedacht. Denn erstens ist unklar, wie denn der Euro nachhaltig geschwächt werden könnte, ohne die Inflation im Euro-Land anzuheizen. Zweitens, und das ist langfristig weit wichtiger, sollten die Europäer helfen, das pervertierte globale Währungssystem zu reparieren, statt es selbst noch weiter zu beschädigen.

Eine seltsame Spaltung hat die Globalisierung hervorgebracht: Die Märkte für Güter und für Kapital sind weitgehend frei. Aber das Misstrauen gegenüber dem Funktionieren der Devisenmärkte ist so groß, dass die Mehrheit der Staaten der Welt die Preise ihrer Währungen politisch festlegt oder systematisch beeinflusst; den Extremfall stellen übrigens die Euro-Staaten dar, die ihre nationalen Währungen gleich ganz aufgegeben haben und seit 1999 mit ihren Euroland-Partnern zu unverrückbar festen Umtauschverhältnissen verbunden sind, auch wenn der Euro-Kurs nach außen flexibel ist.

Nur 30 Länder der Erde trauen sich derzeit noch, die Bestimmung der Wechselkurse den Devisenmärkten zu überlassen. Und selbst in dieser Gruppe gibt es einige, namentlich Japan, deren Notenbanken phasenweise ganz massiv die Kurse mittels Interventionen manipulieren.

Sicher, das Gros der Güter- und Kapitalflüsse wird immer noch in freien Währungen abgewickelt. Weil aber praktisch alle derzeitigen Boomnationen - zuvörderst China, Indien, Russland, die Golfstaaten - ihre Wechselkurse frisieren, nimmt der Einfluss falsch bewerteter Währungen auf die Weltwirtschaft rasch zu.

Schmerzhafte Verspannungen

Die Fixkursstrategie fußt auf einem dunklen Gefühl: auf Angst. Viele Staaten, gerade die boomenden Newcomer der Globalisierung, fürchten sich vor den Attacken der Spekulanten, die in den 90er Jahren mehrfach Pingpong mit Währungen spielten und zeitweise ganze Volkswirtschaften in Krisen stürzten.

Und sie bangen um ihre Wettbewerbsfähigkeit, weshalb sie versuchen, mit unterbewerteten Währungen ihren Export auf Touren zu halten. Dafür nehmen sie in Kauf, dass sie viel größere, schlicht unkalkulierbare Risiken eingehen.

Denn das Herumfingern an den Kursen hat die derzeitigen weltwirtschaftlichen Ungleichgewichte erst verursacht. Weil insbesondere Asiaten und Araber seit Jahren massiv intervenieren, um ein Erstarken ihrer Währungen zu verhindern, haben sie Dollar-Reserven in grotesken Größenordnungen angehäuft - und damit die Amerikaner zu unmäßigem Konsum verleitet.

Ob die Finanzwelt ohne größere Blessuren aus dieser Situation wieder herausfindet, ist offen. Bei flexiblen Kursen hingegen hätte es vielleicht hier und da Verwerfungen gegeben, aber die viel größere Gefahr eines globalen Crashs samt Dollar-Krise - ein Szenario, das derzeit manchen Manager um den Schlaf bringt - wäre ausgeblieben.

Freie Wechselkurse sind ein höchst effektives Instrument, Verspannungen im internationalen Wirtschaftsgefüge frühzeitig zu lösen, bevor sie richtig wehtun. Wie schmerzhaft Anpassungen ohne Wechselkursflexibilität sind, erlebt gerade das Euro-Land: Es wird von einer Kette langwieriger Kostenkrisen gebeutelt - erst Deutschland, dann Italien, Frankreich, bald vielleicht Spanien.

Ohne den Euro könnten die nationalen Währungen abwerten und die nationale Wettbewerbsfähigkeit wieder herstellen. So aber müssen die Bürger jahrelang schmerzliche Lohnzurückhaltung üben.

Frisierte Wechselkurse passen nicht zu einer reifen globalen Wirtschaft. Es wird Zeit, die Währungen von der Kette zu lassen. Statt ihrerseits über Manipulationen nachzudenken, sollten die Europäer alles tun, um die Währungswelt zu befreien.

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