Landwirtschaft Bauern-Bonanza

Der Trend zur Bioenergie macht's möglich: Mit Bauernhöfen lässt sich wieder richtig Geld verdienen. Profi-Investoren kaufen jetzt Agrarbetriebe.

Nein, wie ein Bauer sieht Bernhard Termühlen wirklich nicht aus. Das feingeschnittene Gesicht, der Nadelstreifenanzug, die goldenen Manschettenknöpfe: So wie Termühlen hier im Hamburger Hotel "Vier Jahreszeiten" sitzt, bei Assam-Tee und Petits Fours, könnte er auch aus einer der Privatbanken rund um die Binnenalster herübergeschlendert sein.

Doch der Schein trügt. Termühlen, bis 2003 Vorstandschef des Heidelberger Finanzdienstleisters MLP , ist heute einer der größten Landwirte der Republik. Wie eine Bernsteinkette ziehen sich die termühlenschen Güter an der Ostseeküste entlang, von Angeln über Mecklenburg und Vorpommern bis nach Polen hinein. Insgesamt gehören ihm mehrere tausend Hektar Ackerfläche, meist bebaut mit Raps oder Getreide.

"Warum investieren Sie ausgerechnet in Ackerland, Herr Termühlen?"

Die Andeutung eines Lächelns huscht über das Gesicht des 51-Jährigen. Diese Frage musste er schon oft beantworten. Termühlen nimmt noch einen Schluck Tee und sagt dann leise: "Fruchtbarer Boden wird schon bald zu den knappsten Ressourcen auf unserem Planeten gehören."

Das wäre zumindest mal etwas Neues. Jahrzehntelang konnte von Knappheit in der Landwirtschaft keine Rede sein. Überproduktion war die Regel. Die Preise kannten nur eine Richtung: abwärts! Mit durchschnittlich 41 Hektar sind die meisten familiengeführten deutschen Bauernhöfe viel zu klein, um sich rentabel bewirtschaften zu lassen. Ihr Überleben beruht allein auf Subventionen aus Brüssel und auf Selbstausbeutung der Besitzer: 16-Stunden-Tage, kaum Urlaub.

In solch eine trostlose Branche investierten in der Vergangenheit höchstens vermögende Städter, die sich den heimlichen Traum vom Leben als Gutsherr erfüllen wollten, am besten direkt vor den Toren Hamburgs oder Münchens und mit Range Rover vor dem Herrenhaus. Diese Lifestyle-Bauern holen meist so wenig Rendite aus ihrem Boden, dass sie sich regelmäßig mit dem Finanzamt herumstreiten müssen, ob es sich nicht eher um Liebhaberei handelt.

Doch tatsächlich, das trostlose Bild ist passé, die Landwirtschaft hat sich von einer sterbenden in eine Zukunftsbranche verwandelt. "Es herrscht Aufbruchstimmung", frohlockte zu Jahresbeginn Bauernverband-Präsident Gerd Sonnleitner, der die Lage des deutschen Nährstands sonst meist in düsteren Farben malte.

Die Ursachen der Wiedergeburt

Die Landwirtschaft erlebt eine unverhoffte Renaissance. Eine Wiedergeburt, die mehrere Ursachen hat:

  • Immer größere Mengen von Agrarrohstoffen werden für die Produktion von Energie benötigt, für Biodiesel, Biogas oder Ethanol. Folge: Die Preise für Weizen, Mais und Raps steigen.

  • Die Bioenergie beschert Landwirten nicht nur höhere Abnahmepreise für ihre Produkte, sondern auch gänzlich neue Geschäftszweige - etwa durch den Betrieb von Biogasanlagen.

  • Und schließlich steht die Landwirtschaft in Schwellenländern wie China oder Indien vor einem gewaltigen Technisierungsschub - was wiederum den Herstellern von Landmaschinen goldene Zeiten bescheren dürfte.

Bernhard Termühlen ist keineswegs der einzige vermögende Privatinvestor, der sich vom neuen Glanz des Ackers locken lässt. Die Familie Rethmann, Inhaber des Entsorgungskonzerns Remondis, gehört zu den größten Landbesitzern in den neuen Bundesländern. Haymo Rethwisch, Erbe des Berufsbekleidungskonzerns Boco, residiert auf einem 2000 Hektar großen Gut in Vorpommern. Heinz Fiege, zusammen mit seinem Bruder Hugo geschäftsführender Gesellschafter des Logistikkonzerns Fiege, hat die Agrargesellschaft Zingst auf dem Darß übernommen: 4000 Rinder auf 4000 Hektar Weidefläche.

Es ist kein Zufall, dass all diese Investoren vor allem Land in Ostdeutschland gekauft haben. Als Erbe der ehemaligen landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften gibt es hier zusammenhängende Flächen von mehreren hundert oder gar tausend Hektar, und auch die Bodenpreise sind deutlich günstiger als im Westen.

Für den 62-jährigen Heinz Fiege bedeutet das Agrarinvestment auch eine Rückkehr zu seinen Wurzeln. Er wuchs auf einem Bauernhof im Münsterland heran, bevor er in die Speditionsbranche wechselte. Derzeit begnügt sich Fiege damit, einmal im Monat auf dem Darß nach dem Rechten zu schauen. Doch die Frequenz seiner Besuche soll zunehmen, wenn er im Laufe der kommenden ein, zwei Jahre in den Aufsichtsrat des Logistikers wechselt. "Landwirtschaft ist 'ne schöne Branche", sagt Fiege mit westfälischem Zungenschlag, "und damit lässt sich auch schönes Geld verdienen."

Wertsteigerungsfantasien in Polen

Ein gut geführter Großbetrieb in den neuen Bundesländern wirft inklusive Agrarsubventionen pro Jahr rund 5 Prozent laufende Kapitalrendite ab. Kein üppiger, aber dafür ein stetiger Ertragsstrom bei geringem Risiko. Im Portfolio von vermögenden Investoren nimmt die Landwirtschaft folgerichtig meist jene Position ein, die sonst von Anleihen oder Immobilien gehalten wird.

So richtig spannend aber werden Agrarinvestments erst durch die Wertsteigerungsfantasie. In Polen, wo Termühlen investiert hat, kostet Ackerland derzeit noch einmal 60 bis 70 Prozent weniger als in den neuen Ländern, dafür sind auch die EU-Subventionen niedriger. Für die Zeit nach 2013 müssen die Subventionen zwischen den Mitgliedsstaaten neu ausgehandelt werden. Die meisten Experten rechnen mit einer Angleichung zwischen alten und neuen EU-Mitgliedern - wodurch Ackerland in Osteuropa deutlich an Wert zulegen könnte.

Wertsteigerungsfantasie steckt auch in der massiven Förderung von nachwachsenden Rohstoffen. 2006 verbrauchten die 112 US-Ethanolfabriken bereits ein Fünftel der einheimischen Maisernte, der Preis für Mais hat sich dadurch in den USA verdoppelt. Auch in Deutschland müssen die Mineralölkonzerne seit Anfang 2007 ein gutes Prozent Ethanol in ihr Benzin kippen, die Getreidepreise liegen bei uns etwa 40 Prozent über dem Vorjahresniveau.

Dank der Steuerbegünstigung von Biodiesel sind hierzulande auch die Preise für den Rohstoff Raps kräftig gestiegen, die Ölsaat kostet 20 Prozent mehr als noch vor einem Jahr. Weil Getreide als Futtermittel teurer wird, klettern auch die Preise von Rind- und Schweinefleisch - was wiederum die Margen für Landwirte wie Fiege erhöht, die ihre Tiere auf eigenen Weiden grasen lassen. Der Aufwärtstrend bei den Preisen dürfte anhalten. Bis 2014 rechnet die OECD mit weiteren Preissteigerungen, ausgelöst durch Bioenergie.

Nicht nur als Lieferanten von immer knapperen Rohstoffen können Landwirte vom Bioenergie-Boom profitieren - sondern auch als Erzeuger. Heinz Fiege überlegt derzeit, ob er seinen Darßer Hof nicht um eine Biogasanlage ergänzen sollte. Wenn Fieges Rinder in den Wintermonaten im Stall stehen, produzieren sie reichlich Gülle - wichtigster Rohstoff für Biogas. Mit dem Gas ließe sich Strom erzeugen, für den die Elektrizitätskonzerne in Deutschland laut Gesetz Einspeisevergütungen oberhalb des normalen Strompreises zahlen müssen - ähnlich wie bei Windkraft- oder Solaranlagen.

Vorsorglich hat sich Fiege schon einmal über die Aktivitäten jenes Mannes informiert, der wie kaum ein Zweiter Erfahrung darin besitzt, aus Gülle Geld zu machen: August Hansen, Geschäftsführer und Gesellschafter der Biokraft Viöl GmbH & Co. KG.

Ertrag aus Subventionen

In seinem ersten Leben war Hansen Bauer, 20 Hektar eigenes Land und noch etwas dazugepachtet. Der typische westdeutsche Familienhof. Doch im Jahr 2000 wurde Hansens Pachtvertrag nicht verlängert, auf der verbleibenden Fläche hätte sich die Landwirtschaft nicht mehr gelohnt. Im Alter von 50 Jahren suchte der gelernte Landwirt Hansen plötzlich einen neuen Job.

Der Mittelpunkt von Hansens zweitem Leben liegt an der Landstraße von Schleswig nach Bredstedt. Kurz hinter dem Dorf Viöl geht's an der Tankstelle links rein. Zwei grüne Gärtanks, groß wie Mietshäuser, in denen mit Maissilage vermischte Rinderausscheidungen bei 40 Grad Blasen werfen. Zwei Generatoren verwandeln das so gewonnene Gas in Strom und Fernwärme. Daneben eine kleine Bürobaracke, in der ein Wandkalender des Orion Versands von der Nähe zu Flensburg kündet.

Es war 2003, als auf Initiative des Bürgermeisters von Viöl 63 örtliche Landwirte und zwei Dutzend weitere Kommanditisten zusammenkamen, um gemeinsam eine Biogasanlage zu betreiben. Und weil alle in der Gegend wissen, dass man sich auf August Hansen verlassen kann, machten die Kommanditisten ihn zu ihrem geschäftsführenden Gesellschafter.

Seit Dezember 2004 ist die Anlage am Netz, eine der größten in Deutschland. Sie produziert knapp 10.000 Megawattstunden Strom pro Jahr, heizt 90 Häuser, dazu die Schule und das nahe Freibad. Und wenn nachts eine der vielen Pumpen ausfällt und der angestellte Betriebsleiter nicht rechtzeitig vor Ort ist, dann wird Hansen von seinem Handy aus dem Schlaf geklingelt, und eine Computerstimme rezitiert ihm, um was für eine Störung es sich handelt. "Soll bloß keiner glauben, dass es mit einer Biogasanlage so einfach wäre wie mit 'nem Windrad auf'm Hof", brummt Hansen, "von wegen einmal aufstellen und nur noch kassieren."

Doch solange die Technik funktioniert und solange Fuhrunternehmer Asmus mit seinem grünen MAN-Tanklaster, zärtlich "Gülle-Taxi" getauft, genug Dung von den umliegenden Höfen herankarrt, so lange verdient die Biogasanlage auch Geld. Mit 5 bis 6 Prozent pro Jahr sollen sich die Anteile der Kommanditisten rentieren, 2007 wird erstmals ausgeschüttet. Die Einspeisevergütung ist auf 20 Jahre festgeschrieben. Den Bau der Anlage subventionierten zusätzlich die EU und das Land Schleswig-Holstein.

Das ist die Schattenseite der neuen deutschen Agrarblüte. Ob Biogas oder Rapsdiesel, ob Viehzucht auf dem Darß oder Getreideanbau in Angeln: Der Aufschwung beruht vor allem auf politischen Entscheidungen. Auch bei den rentablen Großfarmen in den neuen Bundesländern stammt heute rund die Hälfte des Ertrags aus Agrarsubventionen. Und die Förderung der Bioenergie bezahlen Stromkunden und Autofahrer über höhere Preise.

Renaissance der Landwirtschaft

Genug Gründe, warum die Renaissance der Landwirtschaft zwar bei Investoren und Agrarfunktionären Begeisterung auslöst, nicht aber bei Wirtschaftswissenschaftlern. "Ich befürchte, dass wir in eine neue, noch teurere Phase der Agrarpolitik hineinschlittern", sagt Stefan Tangermann, Professor für Agrarökonomie und Direktor für Handel und Landwirtschaft bei der OECD. "Wenn Regierungen alternative Energieträger fördern wollen, dann sollten sie lieber fossile Rohstoffe höher besteuern anstatt nachwachsende zu subventionieren." Unter Umweltaspekten für Tangermann ebenfalls widersinnig: Die strengen Importbeschränkungen, mit denen die EU Ethanol aus brasilianischem Zuckerrohr von ihrem Binnenmarkt fernhält - immerhin der einzige Ersatzstoff, der sich derzeit unter Marktbedingungen tatsächlich günstiger produzieren lässt als Benzin.

Der Agrarsektor im Schwellenland Brasilien zählt heute zu den effizientesten der Welt. Ein Hinweis darauf, in welchen Regionen sich die Renaissance der Landwirtschaft noch weit stärker bemerkbar machen dürfte als in den durchsubventionierten und abgeschotteten Bauernbiotopen USA und EU. Nämlich in Schwellenstaaten wie Indien oder China, wo die Pflüge heute meist noch von Tieren gezogen und die Ernten von Hand eingebracht werden.

Immer mehr Menschen zieht es dort in die Städte, auf dem Land werden die Arbeitskräfte knapper. Die neue Mittelschicht verlangt nach Fleisch und Joghurt statt nur nach Reis und Bohnen. Bis 2030 dürfte sich der weltweite Fleischverbrauch fast verdoppeln. Um ein Kilo Fleisch zu erzeugen, braucht man rund sieben Kilo Futtergetreide.

Folge: Die Landwirtschaft in Indien, China und den übrigen Schwellenländern steht vor einem gewaltigen Mechanisierungs- und Produktivitätsschub. Beim Landmaschinenhersteller Claas zum Beispiel rechnet man damit, dass der weltweite Markt für Landmaschinen in den kommenden Jahren um jeweils 5 Prozent wachsen wird.

Eines der Produkte, mit denen Claas in den neuen Wachstumsmärkten punkten will, steht bereits heute im Auslieferungszentrum des Claas-Stammwerks Harsewinkel bei Gütersloh. Neben einem Großmähdrescher mit satellitengestütztem Autopiloten nimmt sich der Crop Tiger vorsintflutlich aus. Bloß ein Stück Segeltuch schützt den Fahrer der Reiserntemaschine vor der Sonne, das Armaturenbrett besteht aus drei Kippschaltern. Doch dafür kostet der Crop Tiger, gefertigt im Claas-Werk Faridabad, auch nur 28.000 Euro - rund ein Zehntel seines Hightech-Pendants. Genau richtig für den indischen Farmer, der mit dem Kauf seiner ersten Erntemaschine teilhaben will an der globalen Bauern-Bonanza.

Die westlichen Agrarier können ihren Wohlstand auf subtilere Weise zum Ausdruck bringen: mit einem edelstählernen Auspuff-Phallus an ihrem Ackerschlepper vom Typ Claas Xerion. Das glänzende Rohr kostet 1100 Euro Aufpreis - und wurde im vergangenen Jahr von 90 Prozent der Kunden mitbestellt.