Wallenberg Schwedisches Modell

Scania, SEB & Co. - wie die stärkste skandinavische Unternehmerdynastie ihre Beteiligungen führt und verteidigt. Das einmalige Konglomerat und beispiellose Netzwerk der Wallenbergs.

Flughafen Zürich-Kloten am Abend des 5. Februar. Die Passagiere warten auf das Boarding für Flug SK 1606 nach Stockholm. Unter den Wartenden ist auch ein rund 50 Jahre alter Mann mittlerer Größe mit lockigem, leicht grauem Haar und einer gesunden Gesichtsfarbe.

Beim Einsteigen drehen die wenigen, die ihn kennen, verwundert die Köpfe. Der Mann wandert nach hinten durch und lässt sich in Reihe 16 der Economy Class nieder.

Der bescheidene Hinterbänkler ist Jacob Wallenberg (51), der einflussreichste Wirtschaftsführer Schwedens. Er ist Anführer des Wallenberg-Clans, dessen ungeschriebenes Motto seit 150 Jahren lautet: "Mehr Sein als Schein".

Über ihre Holding Investor AB  dominieren die Wallenbergs zehn Weltkonzerne mit schwedischen Wurzeln. Ob ABB , AstraZeneca, Electrolux , Ericsson , Scania , SE Banken oder SKF  - alle gehören schon seit vielen Jahrzehnten zum Einflussbereich der Wallenbergs. Keine Familiendynastie in der industrialisierten Welt beherrscht ein Land so wie die Wallenbergs ihr Schweden. Angreifer schlagen sie entschlossen zurück, wie MAN-Chef Håkan Samuelsson bei seinem gescheiterten Versuch, den Lastwagenhersteller Scania zu übernehmen, leidvoll erfahren hat.

Diese traditionellen Beteiligungen an Schwedens Topunternehmen sind der eine, der leidlich bekannte Besitz des Wallenberg-Imperiums. Die durchweg börsennotierten Konzerne machen rund 85 Prozent der Assets aus.

Die andere Seite ist eher unbekannt, weil relativ neu: Über EQT Partners sind die Wallenbergs in den vergangenen Jahren massiv in das Private-Equity-Business eingestiegen. Sie kaufen sich in kleine und mittelgroße Unternehmen quer durch alle Branchen ein.

Und dieses Geschäft soll zunehmen - vor allem auch in Deutschland. Ziel ist es, so Jacob Wallenberg, den Asset-Anteil der nicht börsennotierten Unternehmen mittelfristig auf 25 Prozent zu erhöhen.

Spagat zwischen Altem und Neuem

Die Wallenbergs bewegen sich damit in zwei Welten mit sehr unterschiedlichen Zeithorizonten - einerseits in der langlebigen Konzernwelt, andererseits im recht kurzlebigen Private-Equity-Geschäft. Und in beiden sind sie erfolgreich. Keinem Unternehmen gelingt dieser Spagat zwischen diesen beiden Extremen, zwischen Altem und Neuem, wie den Wallenbergs.

Wallenberg - das unmögliche Investmenthaus aus Schweden.

Auf den ersten Blick werden beide doch so unterschiedlichen Geschäfte räumlich wie personell getrennt von Stockholm aus geführt. In der Linnégatan 6 residiert EQT Partners, in der Arsenalsgatan 8C - rund zehn Minuten Fußmarsch entfernt - hat die Investor AB ihr Domizil.

Die Zentrale von Investor ist bescheiden. Kein Schild lässt erkennen, dass sich hier eine wichtige Schaltzentrale der europäischen Wirtschaft befindet. Nur rund 100 Leute arbeiten hier, aber darunter sind die besten, die Schweden zu bieten hat: mehrsprachig, international denkend und agierend, nett, aber tough.

Vier Stockwerke rumpelt der antiquierte Aufzug nach oben. Hinter der schweren dunklen Holztür auf der vierten Etage residiert Jacob Wallenberg mit seinem kleinen Mitarbeiterstab, darunter seine langjährige Mitarbeiterin Beatrice Engström-Bondy, Senior Adviser und Schwester des bekannten Schweizer Regisseurs Luc Bondy.

Heute ist Jacob Wallenberg im Büro, ansonsten ist er viel unterwegs. Gestern war er - wir wissen es bereits - in Zürich. Morgen fliegt er nach Japan. Jacob gilt als exzellenter Netzwerker, der die Großen dieser Welt aus Wirtschaft und Politik kennt.

Doch vor allem ist er Aufsichtsratschef von Investor. "Ein sehr aktiver Chef", wie er selbst sagt. Börje Ekholm (44), seit September 2005 Vorstandschef von Investor, ist ein altes Wallenberg-Gewächs und akzeptiert deshalb die Machtverhältnisse im Hause.

Da gibt es noch Vater Peter, inzwischen 80 Jahre alt. "Er entscheidet nichts mehr", sagt Jacob. Klar, er berate sich öfter mit ihm. Denn: "Warum soll ich auf dessen Erfahrung verzichten?"

Die vierte Generation hat abgedankt

Die Verhältnisse sind geklärt: Die vierte Generation hat abgedankt, die sechste steckt noch in den Kinderschuhen, deshalb herrscht jetzt und in den nächsten Jahren die fünfte. Dazu zählt neben Jacob vor allem sein Cousin Marcus (50). Er ist der Introvertiertere der beiden. Und er ist nur die Nummer zwei, auch wenn das im Hause Wallenberg nie jemand so ausdrücken würde.

Marcus ist Aufsichtsratschef von SE Banken, dem traditionell wichtigen Machtzentrum im Geflecht der Wallenberg-Firmen.

Peter (47), der Bruder von Jacob, spielt dagegen keine allzu große Rolle. Er begnügt sich mit dem Job des Hoteldirektors. Aber immerhin leitet er das Stockholmer "Grand Hôtel", das erste Haus am Platz, seit ewigen Zeiten im Besitz der Wallenbergs.

Doch es sind vor allem Jacob und Marcus, die immer wieder mal den Familienbesitz verteidigen müssen - wie im Falle Scania.

Durch eine feindliche Übernahme wollte MAN  den Konkurrenten Scania schlucken. In Wallenbergs Umfeld mokiert man sich darüber, dass der deutsche Konkurrent - ausgerechnet geführt von dem Schweden Håkan Samuelsson, der es eigentlich hätte besser wissen müssen - reichlich naiv glaubte, mal eben so ein Kronjuwel aus dem Wallenberg-Imperium herauskaufen zu können.

Nicht, dass man etwas gegen Ausländer oder gar Mergers mit ihnen hätte. "Schauen Sie sich ABB oder AstraZeneca an. In beiden Fällen haben wir mit ausländischen Konkurrenten fusioniert und sogar die Firmensitze nach Zürich beziehungsweise London verlagert", sagt Jacob Wallenberg.

Aber auf diese unfreundliche Weise à la MAN lässt man sich nicht vereinnahmen. Wallenberg verbündete sich deshalb mit dem Scania-Großaktionär Volkswagen  und schlug die Offerte zurück. Dabei kamen sich Jacob Wallenberg und VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch in mehreren Gesprächen näher. Ob die beiden nun gemeinsam MAN übernehmen werden? Wallenberg lächelt und sagt dazu nichts, aber auch gar nichts.

Nur so viel ist ihm zu entlocken: Bei Scania habe man nun nach MANs Rückzug einige Optionen. Eine Fusion unter mehr oder weniger Gleichen mit MAN und VW Nutzfahrzeuge, eine Kooperation mit MAN oder weiterhin Stand alone der hoch profitablen Scania.

Gerüchteküche der Investor AB

Aber auch unabhängig von der Attacke auf Scania - Investor steht immer im Brennpunkt. Fast täglich tauchen Gerüchte auf. Investor-Relations-Manager Oscar Stege Unger leistet sich dann manchmal einen Scherz, indem er Anrufer so abwimmelt: "Unsere Abteilung für Gerüchte ist heute geschlossen. Rufen Sie bitte morgen wieder an."

Die aktuellen Gerüchte ranken sich vor allem um SEB, AstraZeneca und Electrolux.

  • SE Banken: Schwedens neue Regierung will einige staatliche Beteiligungen privatisieren, darunter ist auch der 20-Prozent-Anteil an Nordea , der größten skandinavischen Bank. Das würde gut passen, zumal die SEB nach wie vor Ambitionen außerhalb Schwedens hat. Jacob Wallenberg sagt nur: "Wir sollten Augen und Ohren offen haben, wenn die Regierung verkaufen will."

  • AstraZeneca: An dem schwedisch-britischen Pharmagiganten hat Investor nur noch einen mickrigen Kapital- wie Stimmanteil von 3,4 Prozent. Lohnt es denn noch, daran festzuhalten? "Solange wir dort mitreden können, bleiben wir dabei", sagt Jacob Wallenberg und verweist auf die drei Sitze im Board von AstraZeneca. Das ist das Prinzip wallenbergscher Beteiligungspolitik: Nur wenn sie auch Einfluss auf die Geschäftspolitik haben, halten sie an ihrem Engagement fest. Jacob Wallenberg nennt es "engaged ownership".

  • Electrolux: Der Weiße-Ware-Gigant kam durch die 2006 erfolgte Abspaltung des Gartengeräteherstellers Husqvarna ins Gerede. Einige vermuteten, dass das der Beginn des Ausverkaufs von Electrolux sei.

    Dazu will Jacob Wallenberg nichts sagen, er flüchtet vielmehr ins Grundsätzliche: Man stehe zu seinen Beteiligungen - in guten wie in schlechten Zeiten. Das Festhalten an den Problemfällen der vergangenen Jahre - Electrolux und Ericsson - habe das bewiesen. "Wir sind ein langfristiger Investor." Trotzdem könne auch mal ein Unternehmen verkauft werden wie jüngst die IT-Firma WM-data.

Mehr als personifiziertes Schmuckwerk

Im großen Wallenberg-Reich wird keiner allein gelassen, hier hilft jeder jedem. Es findet ein permanenter Austausch zwischen den Firmen statt - formell wie informell. Die wichtigsten Manager treffen sich regelmäßig zu Meetings. Die Wallenbergs sowie die Vorstände von ABB bis Scania diskutieren und referieren dann über firmenübergreifende Themen, wie zum Beispiel den Wachstumsmarkt China.

Es ist dieses Netzwerk, das das Wallenberg-Imperium so einzigartig und vielleicht so erfolgreich macht. Wenn ein Electrolux-Manager ein Problem hat, das ein Ericsson-Kollege vielleicht schon mal in seinem Unternehmen gelöst hat, ruft er diesen an und bittet um kollegialen Rat. So simpel funktioniert das Netzwerk auf informeller Ebene.

Dieses Teamwork verdienter Manager aus den alten Industrien ist auch die Klammer zu der neuen Wallenberg-Welt des Private Equity. Mögen Investor und EQT ansonsten im Tagesgeschäft getrennt operieren, ihre Netzwerke überschneiden sich - und das ist auch erwünscht.

Und sie wachsen. So hat sich EQT in den vergangenen Jahren einen Stab von rund 60 Beratern zugelegt. "Das ist in Europa fast einmalig", schwärmt der ehemalige J.-P.-Morgan-Deutschland-Chef und EQT-Berater Claus Löwe. Natürlich sind altgediente Ex-Vorstandschefs, aber auch amtierende CEOs von Wallenberg-Unternehmen dabei.

Dazu kommen erfahrene Manager von außen wie zum Beispiel Rolf Eckrodt (Ex-DaimlerChrysler) oder Eckhard Cordes (Haniel), der sogar im dreiköpfigen Investitionskomitee von EQT sitzt, das letztendlich über jedes Investment den Daumen hebt oder senkt.

Auch die EQT-Beraterschar trifft sich regelmäßig zum Austausch. So findet jedes Jahr ein zweitägiges Meeting in Schweden statt. Natürlich sind auch die Wallenbergs dabei. "Das ist ein sehr feines, sehr informelles Meeting", sagt Ex-Bertelsmann-Chef und EQT-Berater Mark Wössner.

Wössner & Co. beraten EQT vor und nach dem Kauf eines Unternehmens. Sie sind dabei nicht nur Türöffner oder personifiziertes Schmuckwerk wie die vielen Berater anderer Private-Equity-Firmen. Sie werden in die Pflicht genommen. Dazu gehört, dass sie beim beratenen Unternehmen nach dem Kauf den Aufsichtsratsvorsitz übernehmen und sich bitte schön mit eigenem Geld an der Firma beteiligen sollen.

"Wir sind keine Milliardäre"

"Wir haben bei EQT einen industriellen Ansatz", erklärt Jacob Wallenberg. Die EQT-Manager schlachten nicht aus, sondern wollen das übernommene Unternehmen durch Investitionen voranbringen.

Wallenberg selbst mischt sich in das EQT-Business allerdings wenig ein. Denn er hat ja Conni Jonsson (46), Chef von EQT Partners und der Vater dieses konsequenten Konzepts. Mit auf seine Initiative hin wurde bereits 1994 EQT gegründet. Heute hat EQT 22 Partner und 120 Beschäftigte. Und längst hat die etwas andere Private-Equity-Firma ihren skandinavischen Heimatmarkt verlassen und sich vor allem in Deutschland engagiert.

Jacob Wallenberg will das florierende Private-Equity-Business weiter ausbauen. Dieses Offensein für Neues, aber gleichzeitig das Festhalten an Traditionen - das war schon immer die Devise der Wallenbergs. Und so haben sie in den vergangenen 150 Jahren schon einige technologische Sprünge und wirtschaftliche Klippen gemeistert.

In der fünften Generation regieren sie nun. Die meisten Familienunternehmen sind da schon längst gescheitert. Warum aber überlebten die Wallenbergs?

Jacob muss darüber nicht lange nachdenken. Der Grund sei sehr einfach. "Wenn meine Verwandten und ich morgens aufstehen, haben wir denselben Grund zur Arbeit zu gehen wie jeder andere Mensch auch - wir müssen Geld verdienen." Deshalb seien sie ganz anders motiviert als die vielen anderen Müßiggänger aus reichen Familiendynastien.

Wie? Die armen Wallenbergs? "Wir haben schon genug Geld zum Leben, aber viele denken, wir sind sehr, sehr reich", lächelt Jacob Wallenberg. Aber das stimme nicht. Das in den vielen Wallenberg-Unternehmen verdiente Geld fließt in die Stiftungen und nicht in ihre Privatschatullen.

"Glauben Sie mir: Wir sind keine Milliardäre, wir sind keine Rockefellers", sagt Jacob Wallenberg, sagt es am Morgen nach seinem Economy-Class-Flug aus Zürich.

Liquide und solide

Liquide und solide: Wie EQT in Deutschland Firmen auf- und verkauft

Macher: Die EQT-Truppe in Deutschland ist eine Mischung aus Jung und Alt. Jung sind die Partner und Mitarbeiter in den Büros in Frankfurt und München. Alt sind die Berater, meist erfahrene Ruheständler. Dazu zählen unter anderen Jan von Haeften (Ex-Metro), Mark Wössner (Ex-Bertelsmann), Rolf Eckrodt (Ex-DaimlerChrysler), Peter Grafoner (Ex-Linde) oder Harald Einsmann (Ex-Procter & Gamble).

Die Alten beraten die Jungen vor, während und nach dem Kauf eines Unternehmens. Außerdem können beide auf das Know-how der Wallenberg-Firmen zurückgreifen. So haben zum Beispiel Motorenexperten von ABB und Scania vor dem Kauf den Motoren- und Getriebehersteller MTU Friedrichshafen durchleuchtet.

Strategie: "EQT ist ein Private-Equity-Fonds mit Fokus auf Wachstum", sagt Marcus Brennecke, Deutschland-Chef von EQT. Das heißt: EQT setzt nicht nur auf Kostenreduzierungen, sondern auf Umsatzwachstum seiner Unternehmen.

Das zeigt sich auch bei den Beteiligungen hierzulande: Kabel Baden-Württemberg, BHS Getriebe, Carl Zeiss Vision, Leybold Optics, Pfaff-Silberblau (Antriebstechnik), Symrise und die Tognum (ehemals MTU), bei der schon wieder ein Teilausstieg geplant ist. Ein solcher ist im Falle Symrise über die Börse bereits erfolgt. Dabei hat EQT rund 750 Millionen Euro verdient.

Image: "Wir wurden in der Heuschrecken-Debatte bislang nicht genannt", freut sich Brennecke. EQT hat einen soliden Ruf in der Private-Equity-Branche.

Denn: "Der Name Wallenberg schafft Vertrauen", sagt Tognum-Aufsichtsratschef Rolf Eckrodt. Das konnte man im Falle MTU/Tognum sehen: Die Schweden gewannen dort das Bieterduell gegen die amerikanischen Haie von KKR.