Metro Alle gegen einen

Zerschlagungsszenarien, Misere bei Kaufhof und Real, bohrende Fragen vom Aufseher - der Druck auf Metro-Primus Hans-Joachim Körber wächst.

So ganz der Alte ist Hans-Joachim Körber (60) in diesen Tagen nicht. Der gewöhnlich mit souveräner Arroganz auftretende Chef des Handelskonzerns Metro wirkt gereizt, genervt, verunsichert. So zuletzt auch wieder vor wenigen Tagen bei der Präsentation der Geschäftszahlen 2006 zu beobachten.

Zu schaffen macht ihm mancherlei. Da sind zunächst einmal die anschwellenden Gerüchte über eine Zerschlagung des hoch verschuldeten Konzerns. Die Einzelteile, so haben Finanzinvestoren ausgemacht, könnten weit wertvoller sein, als der Kurs der Metro-Aktie  aussagt.

In dieser Situation muss Körber sich fragen, ob er seiner Großaktionäre, der Ruhrdynastie Haniel, der Familie Schmidt-Ruthenbeck und des Metro-Urvaters Otto Beisheim (83), noch sicher sein kann. Verkaufen sie, ist das Ende der Metro AG besiegelt, Körber wäre seinen schönen Posten los.

Zum Unwohlsein des Konzernchefs trägt auch Eckhard Cordes (56) bei, der Repräsentant des Großaktionärs Haniel und Vorsitzende des Metro-Aufsichtsrats. Cordes stellt Körber eine Menge unangenehmer Fragen zu den Schwachstellen des Unternehmens.

Hinzu kommt ein zwischenmenschliches Problem im Vorstand. Der zweite Mann im Konzern, Personalchef Zygmunt Mierdorf (54), der sich Hoffnungen auf die Nachfolge Körbers macht, entwickelt sich zum internen Gegenspieler. Umso erstaunlicher, als beide langjährige Weggefährten sind und auch private Kontakte pflegten.

Und dann nervt da noch ein Außenstehender. Thomas Middelhoff (53), selbst ernannter Großsanierer des Metro-Konkurrenten KarstadtQuelle , denkt gut hörbar über ein Zusammengehen der Warenhäuser von Karstadt mit denen der kriselnden Metro-Tochter Kaufhof nach. Nur: Körber will Kaufhof gar nicht verkaufen, wenigstens noch nicht - und wenn, dann keinesfalls an Middelhoff.

Kahlschlag und Großwindanlage

Offiziell dementiert KarstadtQuelle jegliches Interesse an Kaufhof. Allerdings ist die Idee einer Fusion bei Karstadt nicht ganz neu.

Ob und wie der Zusammenschluss funktionieren könnte, haben schon mehrere Interessenten durchrechnen lassen, unter anderem der frühere KarstadtQuelle-Chef Wolfgang Urban (61) und Private-Equity-Häuser.

Wenn ein solcher Warenhausmonopolist wirtschaftlich betrieben werden soll, ist ein furchtbarer Kahlschlag unvermeidlich. Eine der beiden Hauptverwaltungen müsste geschlossen werden, in den deutschen Innenstädten würden womöglich mehr als ein Drittel der Kaufhof- und Karstadt-Filialen aufgegeben, weit mehr als 10.000 Mitarbeiter entlassen werden.

Zu Ende gedacht, können weder Middelhoff noch die KarstadtQuelle-Großaktionärin Madeleine Schickedanz (63) ein Interesse daran haben, für ein Blutbad im deutschen Einzelhandel verantwortlich gemacht zu werden - mit allen negativen Folgen für das Image von KarstadtQuelle.

Ganz abgesehen von der Frage, ob der Konzern nach den jüngsten Akquisitionen im Touristikbereich überhaupt den Kaufpreis aufbringen könnte. Selbst ohne Immobilien würde Kaufhof wohl etwa eine Milliarde Euro kosten.

Gleichgültig, ob Middelhoff es tatsächlich ernst mit Kaufhof meint: Körber ärgert sich maßlos über das Gerede, das die verhassten Zerschlagungsgerüchte nährt - auch wenn solche Spekulationen den Kurs der Metro-Aktie hochschießen lassen und auf diese Weise vorübergehend gewissen Schutz bieten.

Am liebsten würde Körber dem KarstadtQuelle-Chef den Mund verbieten lassen. Während der Metro-Primus sich wohl selbst als größten deutschen Handelsstrategen sieht, hält er Middelhoff für eine Großwindanlage.

Herzbergs Majestätsbeleidigung

Bei der Beurteilung des Kollegen hat Körber wahrscheinlich recht, bei der Selbsteinschätzung geht er fehl. Visionen sucht man beim Metro-Chef vergebens, eher ist Körber ein Konsolidierer, ein Bewahrer. Risiken geht er gern aus dem Weg - vor allem, wenn sie seine eigene Person betreffen.

So ist der Metro-Chef selbst mit verantwortlich dafür, dass Außenstehende über eine Abspaltung von Kaufhof reden. Denn Körber, der offiziell alle Zerschlagungsszenarien als abwegig hinstellt, sorgt sich sehr wohl: Zur Entwicklung von Abwehrstrategien hat er Investmentbanker von J. P. Morgan eingeschaltet.

Bei zwei Private-Equity-Häusern soll J. P. Morgan bereits einen Kaufhof-Verkauf sondiert haben. Zwar lässt Metro offiziell verlauten, niemand habe einen Auftrag, die Tochter anzubieten. Kaufhof ist allerdings das Unternehmen, das sich am leichtesten aus dem Metro-Verbund herauslösen ließe.

Pikanterweise haben ausgerechnet die Aktienanalysten von J. P. Morgan in einer jüngst veröffentlichten Studie die Veräußerung von Kaufhof - aber nicht an KarstadtQuelle - als "wahrscheinlich" bezeichnet. Und vermutlich würde Körber dem folgen, wenn er damit eine totale Zerlegung des Konzerns abwehren könnte.

Zudem wäre der Metro-Chef, wenn ein Verkauf schnell über die Bühne ginge, die Folgen seiner gescheiterten Personalpolitik los. Seit mehr als einem Jahr lässt er einen Nachfolger für den glücklosen Kaufhof-Chef Lovro Mandac (56) suchen. Ende 2006 ging dann Vertriebsvorstand Stefan Herzberg (41), weil Körber ihm bedeutet hatte, dass er nicht Mandac-Nachfolger werde.

Die Kündigung Herzbergs kam für Körber einer Majestätsbeleidigung gleich. Herzberg gilt als sein Zögling, einst war er Vorstandsassistent der Metro. Vor zwei Jahren kaufte Körber ihn für eine Ablöse von einer Million Euro aus einem laufenden Vertrag bei der Douglas-Tochter Christ heraus. Zum Undank kündigte Herzberg bei Kaufhof nach nur 18 Monaten.

Retourkutsche vom Chef

Körbers Reaktion: Er stellte Herzberg zwar im November von seinen Aufgaben frei, verweigert ihm aber bis heute, seinen neuen Job als Chef der KarstadtQuelle-Tochter Neckermann.de anzutreten. So bekommt Herzberg womöglich bis zum Ende seiner Vertragslaufzeit im Februar 2008 Geld fürs Nichtstun - weil der Metro-Chef es so will.

Wegen dieser Personalie geriet Körber bereits im Herbst mit seinem Vorstandskollegen Mierdorf aneinander. Der regte sich darüber auf, dass Körber Herzbergs Kündigung drei Monate lang für sich behalten hatte, ohne wenigstens ihn, den Personalvorstand des Konzerns, zu informieren.

Die Retourkutsche ließ nicht lange auf sich warten. In einer Sitzung Anfang Januar kanzelte Körber mit dem ihm eigenen Zynismus den Kollegen Mierdorf ab. Es ging um die anhaltende Misere bei der SB-Warenhaus-Tochter Real, für die seit August 2006 Mierdorf als sogenannter Coach verantwortlich zeichnet.

Offenbar wollte sich der ehrgeizige Manager für höhere Aufgaben empfehlen, als er die Verantwortung für die Real-Sanierung übernahm. Womöglich aber hat er sich verrechnet, und das Projekt Real kostet ihn den Job. Es bedeutet gewöhnlich nichts Gutes, wenn der Metro-Chef beginnt, über einen Kollegen ätzende Kommentare abzugeben.

Spitze Bemerkungen macht Körber nach Angaben von Insidern auch über seinen Aufsichtsratschef Cordes. Tenor: Der hat vom Handel nicht die geringste Ahnung, dem müssen wir erst mal erzählen, wie der Laden läuft.

In der Realität sind die Fragen des kühlen Beobachters Cordes zielsicherer und bohrender, als dem Metro-Chef lieb sein kann - etwa nach aktuellen negativen Entwicklungen bei Kaufhof und Real oder Körbers Personalpolitik.

Neuer Vertrag als Giftpille

Auch das ein Grund für den Metro-Chef, sich um seine berufliche Zukunft zu sorgen. Sein derzeitiger Kontrakt läuft Ende Februar 2009 aus. Das ist eigentlich noch lange hin, und nach dem Aktienrecht darf frühestens ein Jahr vor Ablauf ein Anschlussvertrag unterzeichnet werden.

Dennoch verwandte sich ein Körber wohlgesinntes Aufsichtsratsmitglied, bei dem es sich um den Beisheim-Vertrauten Erich Greipl (66) handeln soll, schriftlich bei Cordes für eine vorzeitige Vertragsverlängerung.

Dies wäre zwar eine Umgehung geltenden Rechts - gleichwohl technisch möglich. Man müsste nur den alten Vertrag aufheben und gleichzeitig einen neuen abschließen.

Doch Cordes sieht keinen Anlass, einen solch umstrittenen Weg zu gehen, nur um Körbers Wohlfühlfaktor zu steigern. Warum sollte er ohne Not die Gestaltungsfreiheit der Großaktionäre einschränken, falls die wirklich verkaufen wollen? Für einen Erwerber würde ein neuer, langjähriger Vertrag des Vorstandschefs wie eine Giftpille wirken.

Die Beziehung zwischen Cordes und Körber dürfte gestört sein, auch wenn beide dies offiziell bestreiten. Am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos traten sie vor die Presse und betonten ihr ausgezeichnetes Verhältnis zueinander. Und Cordes verwies zum wiederholten Male darauf, dass Haniel auch langfristig bei Metro als Großaktionär engagiert bleiben wolle.

Der Auftritt geriet etwas zu demonstrativ, um überzeugend zu wirken. Für Kenner der Szene ist gewiss: Binnen 18 Monaten passiert etwas bei Metro - letztlich gleichgültig, ob mit oder ohne Körber.

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