Editorial Kontrollverlust

Die Aktionäre machen mobil, jetzt sind die Chefkontrolleure dran.
Von Arno Balzer

Die Hauptversammlungs-Saison hat begonnen. Und diesmal füllen die Aktionärstreffen die Hallen wie noch nie. Allein 13.000 Menschen strömten zu Siemens  in die Münchener Olympiahalle. Der Run wird sich in den kommenden Wochen wohl fortsetzen: Auch bei DaimlerChrysler  (4. April), Volkswagen  (19. April) oder Continental  (24. April) werden Rekordbeteiligungen erwartet.

Grund für den massenhaften Zulauf ist nicht etwa, dass die Akteure auf der Bühne - Vorstände und Aufsichtsräte - besonders gelungene Darbietungen abliefern. Nein, diesmal sitzen die Hauptdarsteller im Auditorium. Und sie lassen sich nicht mehr wie früher mit Würstchen, Kartoffelsalat und ein paar Euro Dividende abspeisen, wenn ihnen die Führung eines Unternehmens missfällt.

Beispiel Siemens: Die Konzernspitze konnte ihren Eigentümern zwar ordentliche Geschäftszahlen präsentieren, doch die beherrschenden Themen der Hauptversammlung waren Schmiergelder, BenQ-Pleite, Kartellstrafen und die Frage, ob Aufsichtsratschef Heinrich v. Pierer überhaupt der richtige Mann sei, bei Siemens aufzuräumen.

Dass Aktionäre so vehement ihren Frust über Unternehmensführungen herauslassen, ist Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins. Mit reichlich Kapital im Rücken mucken die Investoren auf, wenn die Prinzipien einer ordentlichen Unternehmensführung verletzt werden, wenn Aktionärsrechte missachtet werden oder die Chefkontrolleure lieber eigenen Geschäftsideen nachgehen, statt die Interessen der Kapitalgeber zu vertreten.

Anlässe für Attacken finden sich, leider, immer wieder: Bei Volkswagen wollen etliche Fondsmanager Oberaufseher Ferdinand Piëch nicht entlasten, weil er Europas größten Automobilkonzern nach Gutsherrenart wie einen Familienkonzern führt. Und bei Continental werfen kritische Aktionäre Chefkontrolleur Hubertus v. Grünberg einen dubiosen Beratervertrag vor.

Diese und ähnliche Fehlleistungen unseres Spitzenpersonals dürfen freilich nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Corporate-Governance-Bewegung in den vergangenen Jahren hierzulande Fortschritte erzielt hat. Konzerne wie die Allianz , BASF  oder Linde  gelten auch in der internationalen Financial Community als ordentlich geführt und beaufsichtigt. Das deutsche System der Unternehmenskontrolle ist besser als sein Ruf. Umso ärgerlicher sind Fälle wie Siemens, Volkswagen oder Continental, die kurzfristig orientierten Zockern Anlass bieten, den gesamten Standort in Misskredit zu bringen - um anschließend umso leichter Jagd auf Unternehmen machen zu können.

Unsere Titelgeschichte über den Aufstand der Aktionäre lesen Sie ab Seite 32.

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