Was macht eigentlich Jürgen Richter?

Jürgen Richter steckte Zeit seines Berufslebens in einer grauen Schale höflichen Misstrauens. Der ehemalige Chef des Axel Springer Verlags stand quasi immer draußen vor der Tür. Heute berät er, trägt vor und erfreut sich der Wertschätzung einflussreicher Freunde.
Von Klaus Boldt

Jürgen Richter (65), der frühere Chef des Axel Springer Verlags  und einer der hervorragenden Vertreter des hiesigen Medienwesens, macht an diesem Wintermontagmorgen einen guten und austrainierten Eindruck.

Und das ist keine Selbstverständlichkeit: Vergangene Woche war er in Kalifornien, gestern und vorgestern noch in Deutschland, jetzt sitzt er in der Lobby des "Four Seasons" in New York und wirkt (erstaunlich für Richter-Verhältnisse, die ja selten glatt und einfach sind) lässig und erquickt, man könnte sagen: obenauf wie ein Fregattenwimpel.

Von Sonntag bis Dienstag war er in Los Angeles gewesen, im Auftrag der Bankiersfamilie Oppenheim, als deren Senior Advisor er neuerdings befreiend operiert. Welchen Rat er in welchen Angelegenheiten erteilt, darüber schweigt Richter. Eisern. Man erzählt sich, er beschwinge die IT-Interessen der Oppenheim-Junioren.

Das ist gut möglich, Richter kennt sich in der Szene aus: Er ist Aufsichtsratschef des Internetportals Lycos , das zu Bertelsmann gehört, er lehrt Kulturmanagement an der Hamburger Musikhochschule, ist zudem Kurator beziehungsweise Stifterrat bei IJP Internationale Journalistenprogramme und der Stiftung Lesen. Er berät, trägt vor und erfreut sich der Wertschätzung einflussreicher Freunde.

Dies sind insofern erfreuliche Nachrichten, als Richter Zeit seines Berufslebens in einer grauen Schale höflichen Misstrauens steckte: Dieses Misstrauen hatte ihm viele Idioten vom Leibe gehalten, zuweilen aber auch Menschen, die im Schilde nur Gutes führten. Man muss sich Richter vorstellen als einen Mann, der innerlich quasi immer draußen vor der Tür stand. Das war bei Springer so und zuletzt bei Bertelsmann.

Glaube an die Geradlinigkeit

Er sagt, er sei "bekannt dafür, die Wahrheit zu sagen". Das stimmt: Richter glaubt an die Geradlinigkeit, er hasst das prahlerische Gehabe und Geseire jener Galanteriemanager, die für ernsthafte Arbeit kaum noch zu gebrauchen sind. Dass er Karriere machte, ohne sich kaputtzubiegen, erfüllt ihn mit Stolz.

Für den Deutschen Diplomatie-Preis kam Richter natürlich nie infrage: Als Springer-Chef etwa hatte er sich forsch und schwunghaft auch jenen Aspekten des Wirtschaftens zugewandt, die man als die übergeordneten bezeichnet, in Sonderheit der Ethik und der inneren Pressefreiheit. Doch seine Versuche, die Springer-Blätter liberaler auszurichten, scheiterten. Er war isoliert. Nach drei Jahren musste Richter gehen.

Noch heute wird seine Stimme so schneidend wie klarer Frost, wenn er über seinen Ex-Arbeitgeber spricht: "Bild" betreibe "Kampagnen-Journalismus", sei "ethisch und moralisch" verwahrlost; dem Vorstandschef Mathias Döpfner attestiert er eine "Selbstbedienungsmentalität".

Was Richter in New York macht? Nun, er schaut, wie man hier das Lesen fördert. Das ist alles. Und er liebt die Reiserei.


Zur Person

Jürgen Richter ist einer der profiliertesten deutschen Medienmanager. Ein großes Finale war ihm indes bei keiner seiner Berufsstationen vergönnt: Die Medien-Union schliff er als Geschäftsführer zu einem Ertragsjuwel, doch als der Sohn des Verlegers antrat, war Richters Zeit vorbei.

1994 wurde er Vorstandschef des Axel Springer Verlags, schloss mit Rekorden ab, musste das Haus aber nach Konflikten mit dem damaligen Aktionär Leo Kirch verlassen. Von 1998 bis 2002 führte Richter die Bertelsmann-Fachverlage, stieg zu einer mächtigen Figur im Konzern auf, trat aber zurück, nachdem der Verkauf der Sparte bekannt geworden war.

Richter, verheiratet und Vater einer Tochter, ist AR-Chef von Lycos und ein enger Vertrauter des Lycos-Chefs und Bertelsmann-Erben Christoph Mohn.

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