Mittwoch, 22. Mai 2019

Motivation Ausweitung der Arbeitszone

4. Teil: "Der Machtstab des Agierens"

Das Geheimrezept des Vielarbeitens, so scheint es, ist so schlicht wie effektiv: Arbeit empfinden Extremjobber nicht als Anstrengung, sondern als Privileg. Das hat damit zu tun, dass sie ihr Pensum frei einteilen, selbstbestimmt arbeiten können. "Wer den Machtstab des Agierens in der Hand hält, kann besser mit Druck umgehen und mehr leisten als jemand, der nur Befehle ausführt", sagt Zeitmanagement-Guru Lothar Seiwert. Studien unter Mitarbeitern des öffentlichen Dienstes in Großbritannien zeigen: Die Position in einer Hierarchie beeinflusst sogar Gesundheit und Lebenserwartung stark. Entscheider leben länger.

 Wieso tun Sie das? Extremjobber sagen, warum sie ihren Beruf lieben
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Wieso tun Sie das? Extremjobber sagen, warum sie ihren Beruf lieben
Natürlich bewegen sich gerade Manager oder Anwälte nicht im anforderungsfreien Raum. Per Mail, Handy und Blackberry prasseln täglich Hunderte von Informationen auf sie ein, ständig muss irgendetwas entschieden werden. Aber wie sie reagieren, bleibt ihnen allein überlassen.

Hubertus Meinecke (36) etwa, Partner bei der Boston Consulting Group, hat gerade seinen Zehn-Uhr-Termin abgesagt. Gestern um Mitternacht rief ein Kunde an, dringend müsse man noch einmal die Präsentation für den Vorstand durchgehen: "Acht Uhr morgen früh passt Ihnen doch?" Kein Problem für Meinecke, in dessen Büro im Hamburger Chile-Haus sich Pokale stapeln, der Marathon läuft ("Jedes Jahr einen, plus einen längeren Lauf") und Sport liebt und deshalb auch überraschende Herausforderungen. "Ich fände es schrecklich, morgens genau zu wissen, wie der Tag abläuft."

Neulich, auf der Fahrt zu den Schwiegereltern, fiel ihm auf, dass er an diesem Tag noch nicht gelaufen war. Noch im Zug zog er Sportklamotten über, gab dem Taxifahrer am Bahnhof seine Aktentasche und die Adresse der Schwiegereltern - und rannte selbst zu Fuß hin.

Der Berater, mit klobiger Läuferuhr unterm Maßanzug, hat den Ehrgeiz, in den 12 bis 14 täglichen Arbeitsstunden möglichst viel zu erledigen. Auf seinem Tisch stapeln sich 100 Grußkarten für Kunden, Arbeit für mindestens einen halben Tag. "Ich will das in zwei Stunden schaffen, das spornt mich an."

Längst ist der "gestresste Manager" mit Schlafproblem und Herzrhythmusstörung zum Klischee geronnen. Doch Vielarbeiter wie Meinecke demonstrieren etwas anderes - und werden von der Stressforschung bestätigt: "Anders als etwa Cholesterin wirken Stressoren nicht auf alle gleich", sagt Stressexperte Ludger Ciré vom Vorsorgespezialisten Prevent in Karlsruhe, "den einen nervt ständiges Handyklingeln, für den anderen ist es Lebenselixier." Die Grenze zum Workaholic, süchtig nach Stress, ist aber fließend; jeder muss selbst beobachten, auf welcher Seite der Linie er steht.

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