Auswanderer Aktion Heimreise

Unsere Wirtschaft muss junge Auswanderer zur Rückkehr bewegen. Die Alternative hingegen ist trüb: Wenn die Auswanderungswelle weiterrollt, dann wird der deutsche Aufschwung rasch an seine Grenzen stoßen - wegen Humankapitalmangels.

Hilfe, wir finden nicht mehr genügend Fachkräfte - dieser Ruf tönt inzwischen immer lauter durchs Land. Der Aufschwung ist noch nicht einmal in allen Regionen der Bundesrepublik angekommen, da fassen Unternehmen und Arbeitsmarktforscher schon einen akuten Mangel an Qualifizierten ins Auge.

Trotz vier Millionen Arbeitslosen und nicht eben opulenter Wachstumsraten von um die 2 Prozent: Der Faktor Mensch wird zum Engpass. Offenkundig hat Deutschland nicht mehr genügend fähige Köpfe, um eine ausgedehnte Phase schnellerer Expansion durchzuhalten - Folge der demografischen Entwicklung und des antiquierten Bildungssystems.

Verschärft wird die Lage durch die Auswanderungswelle; wir haben im manager magazin in den vergangenen Jahren mehrfach darüber berichtet. Allein 2004 und 2005 gingen jeweils knapp 150.000 Bundesbürger ins Ausland. Ein Aderlass, der mittlerweile reale ökonomische Bremswirkungen entfaltet. Aber die Auslandsdeutschen stellen auch ein Reservoir an hoch Qualifizierten dar, das die Unternehmen anzapfen können, ja anzapfen sollten.

Dies ist das wichtigste Ergebnis einer aktuellen mm-Umfrage: Viele Auswanderer wären zur Rückkehr bereit - wenn sie denn ein konkretes, attraktives Jobangebot erhielten. Auch niedrigere Steuern und Abgaben sowie eine durchgreifende Entbürokratisierung könnten ihnen Deutschland wieder schmackhaft machen. Aber auch das ist klar: Von sich aus werden die meisten nicht zurückkehren.

Die Umfrage bietet rare Einblicke in die Motive, Wünsche und Erfahrungen deutscher Wirtschaftsflüchtlinge. Zwar sind die Ergebnisse nicht repräsentativ - befragt wurden Hunderte von Teilnehmern des Auswanderer-Blogs bei manager-magazin.de -, aber sie werfen ein hochinteressantes Schlaglicht auf den Charakter der größten deutschen Emigrationswelle seit Ende des 19. Jahrhunderts. Bislang ist dieses Phänomen weitgehend unerforscht: Die meisten Migrationsexperten befassen sich lieber mit Einwanderung und Ausländerintegration hierzulande - dafür gibt's nämlich reichlich Staatsgelder.

Zu wenig Freiheit, zu enge Spielräume

Die mm-Befragung zeigt, wie sehr sich die Bundesrepublik und Teile ihrer mobilen Eliten auseinandergelebt haben. Mit der Wirtschaftsmisere der vergangenen Jahre allein ist die Unzufriedenheit der Emigranten und Emigrationswilligen jedenfalls kaum zu erklären.

Der Frust hat eine kulturelle Dimension: Es ist insgesamt die deutsche Art zu leben und zu arbeiten, die die jüngeren Hochgebildeten, die große Mehrheit der Befragten, außer Landes treibt.

Zu wenig Freiheit, zu enge Spielräume - das ist der mit Abstand am häufigsten genannte Auswanderungsgrund; 81 Prozent geben an, "die Möglichkeiten, sich im Ausland zu entfalten, sind größer". Zwei Drittel beklagen die "pessimistische Stimmung/Grundhaltung" in Deutschland.

Es wird nicht leicht sein, den Treck zur Umkehr zu bewegen oder auch nur zu stoppen. 77 Prozent der Befragten geben an, das Leben an ihrem neuen Wohnort sei angenehmer als in Deutschland; 69 Prozent sagen, es sei leicht gewesen, in der Fremde beruflich Fuß zu fassen. Umgekehrt ist der Leidensdruck bei den noch hier lebenden emigrationswilligen Befragten hoch: Eine Mehrheit plant, Deutschland "für immer" zu verlassen.

Der Aufschwung bietet nun die Chance, für den Lebensstandort D. zu werben. Statt die neudeutschen Republikflüchtlinge mit pseudopatriotischem Unterton zu beschimpfen oder sie mit rabiater Umverteilungsrhetorik zu verschrecken, müssen Politik und Verwaltung endlich Rückwege in die Heimat ebnen.

Gefordert sind aber vor allem die Unternehmen: Wie die Umfrageergebnisse zeigen, werden ohne konkrete Jobperspektiven und größere Entfaltungsspielräume, auch im Job, alle sonstigen Bemühungen wirkungslos sein.

Gerade die Wirtschaft hat großes Interesse an einer Trendumkehr: Je mehr kluge Köpfe zurückkehren, desto besser wird sich Deutschland entwickeln. Desto attraktiver wird die Bundesrepublik auch für dringend benötigte hoch qualifizierte Ausländer sein. Die Alternative hingegen ist trüb: Wenn die Auswanderungswelle weiterrollt, dann wird der Aufschwung rasch an seine Grenzen stoßen - wegen Humankapitalmangels.

Auswandererumfrage: No Direction Home

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