Volvo S80 Tempomacher

Volvos neues Topmodell lässt das Image schwedischer Behäbigkeit vergessen. Berater Gerrit Seidel kostete das Temperament des S80 im Auftrag von manager magazin voll aus.

Als Gerrit René Seidel in den Volvo S80 steigt, erkennt er auf Anhieb die "Produktsprache" der schwedischen Marke wieder.

Damit meint der für Zentraleuropa zuständige Managing Director der Unternehmensberatung Arthur D. Little die Bedienlogik der neuen großen Limousine, die zum ersten Mal in der Geschichte der schwedischen Marke auch mit einer Acht-Zylinder-Maschine ausgeliefert wird.

Der Grund für Seidels Volvo-Expertise: Privat fährt er das mit drei Sitzreihen ausgestattete SUV-Modell XC 90, ideal für eine Familie mit vier Kindern. Auch im S80, dem neuen Flaggschiff der Ford-Tochter, findet der 40-Jährige sofort die Fernbedienung für das Navigationsgerät. Routiniert klickt er sich damit durch das Menü, das Volvo-Neulinge nur schwer verstehen. "Wenn man sich einmal daran gewöhnt hat, dass der Monitor erst oben aus dem Armaturenbrett herausfahren muss, dann ist alles ganz einfach", sagt er mit unverkennbar bayerischem Zungenschlag.

Die Probefahrt führt vom Wiesbadener Büro der Berater zunächst auf die A3 Richtung Köln. Seidel findet das seltene Glück der freien Strecke. Die 315 PS der V8-Maschine bringen die Tachonadel bis zum Anschlag - bei der Marke von 260 Stundenkilometern.

"Leider hat auch der größte Volvo nur mäßiges Überholprestige", stellt Gerrit Seidel nach mehreren harten Bremsmanövern fest. Die werden nötig, weil etliche Trödler und Träumer die linke Spur nicht räumen wollen. "Beim Blick in den Rückspiegel kann sich mancher nicht vorstellen, dass ein Volvo so schnell angedüst kommt", sagt Seidel.

"Glatt in die Dienstwagenflotte aufnehmen"

Umso lieber kostet der Unternehmensberater das enorme Temperament aus, das der Achtzylinder bei jedem Tritt aufs Gaspedal freisetzt. "Auch das ein Novum", findet Gerrit René Seidel, "das nicht zum behäbigen, grundsoliden Volvo-Image passt, dafür aber deutlich mehr Fahrspaß bringt".

Zu Beginn der Fahrt hat er noch die komfortable Federung gelobt. Auf der Autobahnausfahrt, die Seidel "zu Prüfzwecken" mit quietschenden Reifen nimmt, wünscht er sich dann aber doch einen Schalter, mit dem sich das Fahrwerk härter stellen ließe. Damit, so der Bankenexperte, würde die deutliche Seitenneigung in scharf gefahrenen Kurven vermindert. Doch bei Volvo gibt es so etwas nur als Extra, nicht im Testwagen.

Auf dem Rückweg versucht sich Seidel erneut an der "Produktsprache" des Volvo, diesmal an der Bedienung des Radios. Der Versuch misslingt: Die entscheidenden Tasten sind kaum auffindbar in der Mittelkonsole vergraben, die Anzeige ist weit von den Knöpfen entfernt. So lässt sich der ursprünglich gewählte Sender nicht ein zweites Mal finden. "Das muss Volvo dringend überarbeiten", sagt der Berater kühl.

Beim Fototermin nimmt er den S80 innen und außen unter die Lupe. Die Linienführung findet Seidel "ausgesprochen gelungen". Vor allem die sanft geschwungene Dachform gebe dem größten Volvo "ein eigenständiges Profil", sagt der Consultant, der dienstlich einen Audi Q7 fährt. Nur "die Haptik der Bedienhebel" stört ihn: "Plastik pur. Kein Premiumgefühl."

Außerdem findet Seidel die Kofferraumklappe zu klein: Der Bayer spielt Eishockey. Die schwere Tasche mit mehreren Schlägern, Helm und Körperprotektoren, passt da nicht durch.

Dennoch, bilanziert Seidel, "ist der Volvo S80 ein sehr gutes Auto. Arthur D. Little sollte ihn glatt in die Dienstwagenflotte aufnehmen."


Steckbrief

mm-Kritik: Der Allradantrieb, das Fahrwerk und vor allem der drehfreudige V8-Motor bringen das S80-Topmodell weit weg vom biederen Image älterer Volvo-Modelle. Allerdings sind die Sitze der großen Limousine zu weich und bieten zu wenig Seitenhalt. Windgeräusche setzen bereits bei Tempo 100 ein, das Navigationsmenü ist schwer verständlich.

Technik: V8-Zylinder mit 315 PS/232 kW; aus 4414 ccm; Spitze: 250 km/h.

Preis: ab 66.400 Euro (Executive Ausführung, V8 AWD).

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