Lehman Brothers Brother in Arms

Richard Fuld ist der härteste, wildeste und beste Chef, den Lehman Brothers jemals hatte. Zweimal rettete er die Bank vor dem Untergang. Jetzt greift er auch in Deutschland an: "Wir müssen da etwas Gas geben."
Von Klaus Boldt und Ulric Papendick

Hätte Richard Severin Fuld Jr. (60) das Pech gehabt, seine Karriere bei einer deutschen Bank zu beginnen, aus dem heutigen Chef des Investmenthauses Lehman Brothers  wäre vermutlich nicht viel geworden.

In Gelddingen zwar von natürlicher Begabung, war der jüngere Fuld im unerschöpflichen Hin und Her des guten Benehmens eher ungewandt: Seine Kollegen bezeichnete er hin und wieder, aber wenn, dann mit Vorliebe und Genauigkeit, als "fucking bankers". Freilich schimpfte er es nicht nur dahin, sondern schnaufte, grunzte, brummte es, was durchaus gefährlich klang und eigenartig. "Gorilla" war sein zweiter Vorname.

Heute, gut zwei Jahrzehnte später, ist Richard Fuld gereift und für alle nur noch "Dick", jedenfalls wenn er in der Nähe steht und zuhören könnte.

Sobald er sich aber hinter dem Schreibtisch in seinem Ledersessel zurücklehnt, die Hände im Schoß faltet, zu seinen "Jas" und "Neins" Daumen und Augenbrauen hebt in einer sorgfältigen Geste tiefer Ruhe, wenn er über Wettbewerb und Kampfgeist und Moral sinniert, dann - könnte man meinen - flackert in seinen Augen immer noch so etwas wie eine Art Dschungelfeuer.

Fuld ist Amerikaner, natürlich weiß er, was er seinem Publikum schuldig ist, und bietet deshalb ein Bild des völligen Ungerührtseins. Die Liane könnte reißen: Ihm machte das nichts aus.

Er sei, sagt er später, der einzige Banker, der im Stehen mit seinen Händen den Boden berühre. Ja, Fuld kann auch Witze über sich reißen. Er schwebt inzwischen über den Dingen. Er ist cool.

Kampfflieger mit der Sonne im Rücken

Sein Eckbüro im 31. Stock der New Yorker Lehman-Zentrale ist nicht besonders groß, nicht einmal für amerikanische Verhältnisse, und es ist ohne Firlefanz eingerichtet, ganz wie ein sehr teures Hotelzimmer, nur ohne Bett, und es hat viele Fenster und bietet jede Menge gute Sicht.

Aber er schaut von seinem Schreibtisch zur Tür. Wie ein Kampfflieger hat auch Richard Fuld die Sonne lieber im Rücken. Außerdem: Je mehr Fenster ein Büro hat, desto weniger darf man sich beim Hinaussehen erwischen lassen.

Auf Fulds Schreibtisch, wahrscheinlich aus einem Stück tiefdunkler Eiche geschnitzt, stehen zwei Monitore: Der linke ist kaputt oder ausgeschaltet oder überflüssig, auf dem rechten bewegt ein Bloomberg-Moderator seine Lippen, Charts-Bänder laufen durchs Bild.

Der CEO der viertgrößten Investmentbank der Welt ist mittelgroß, recht muskulös, sportlich und ein Mann von glatten, fließenden Bewegungen. Er hat ein Profil, für das sich ein Bildhauer interessieren würde, und wenn er schweigt und nur so guckt, fährt er sich gern mit seinen Fingerspitzen über Kinn und Wangen, ganz als prüfe er seine Rasur oder meditiere übers Rasieren oder das Akquirieren im Allgemeinen. Das sieht sehr smart und sehr lässig aus.

Im Gespräch weiß er gut umzugehen mit dem Stilmittel der langen Pause sowohl wie mit den tiefen, leisen Tönen. Auf Konkurrenten soll seine ganze Art beängstigend wirken. Denn ständig muss man fürchten: Fuld wisse mehr, als er sagt - oder sei völlig desinteressiert.

Er sagt Dinge wie: "Ich stelle gern Athleten ein, weil die wissen, wie man nach einem verlorenen Kampf wieder aufsteht und weitermacht. Die verkriechen sich nicht in irgendeinem Loch und geben auf." Er grinst ... hört aber in der Mitte des Grinsens auf, als fiele es ihm schwer, die Mundwinkel zu liften oder als lohne sich die Anstrengung nicht.

Dick Fuld ist einer der mächtigsten Finanzmanager New Yorks, das heißt, der ganzen Welt. Er ist eine Legende, eine Sagengestalt: Er hat aus einem heruntergekommenen Handelshaus eine Bank gemacht, die heute ohne Zweifel zur Elite der Wall Street gehört - mal abgesehen davon, dass ihre Zentrale seit fünf Jahren einige Meilen weiter im Norden Manhattans liegt, in Midtown, unweit des Times Square.

Fall und Aufstieg des Hauses Lehman

Fuld ist der Inspirator eines Korpsgeists, der selbst unter den von Gier und Kampf getriebenen Investmentbankern, die alle nicht für ihre Schlaffheit bekannt sind, seinesgleichen sucht.

Er nutzte die Krisen, die Lehman in den 80er und 90er Jahren an den Rand des Ruins getrieben hatten, um ein entschlossenes, im Ab- und Aufstiegskampf erfahrenes Team um sich zu scharen. Mit diesem verschworenen Haufen errichtete er ein Geldhaus, das heute in nahezu allen Sparten des Investmentbankings zur ersten Garnitur gehört.

Auch in Deutschland will Fuld zur Sache kommen: Rund 200 Leute in Frankfurt und London sollen Größen wie der Deutschen Bank  Marktanteile abjagen im Geschäft mit Fusionen, Börsengängen und im Wertpapierhandel: "Wir müssen da etwas Gas geben."

Er lächelt. Aber nur ganz schwach.

Was diesen Mann antreibt, kann nur verstehen, wer die Geschichte von Lehman Brothers kennt. Keine Wall-Street-Bank ist je so tief gefallen und so hoch aufgestiegen wie das 1850 von deutschen Einwanderern im Bundesstaat Alabama gegründete Kreditinstitut.

Anfang der 80er Jahre hatten die Partner das einst stolze Haus derart heruntergewirtschaftet, dass Lehman an American Express  verkauft werden musste. Zehn Jahre lang versuchte der Kreditkartenriese vergeblich, die angeschlagene Investmentbank auf Kurs zu bringen, sortierte sie schließlich aus und brachte sie 1994 an die Börse.

Überlebenschancen gab dem ausgebluteten Geldhaus, das damals lediglich im Handel mit festverzinslichen Anleihen über gewisses Renommee verfügte, kaum einer. Doch Ende 1993 bekam das Unternehmen einen neuen Vorstandschef: Er hieß Richard Fuld.

Zunächst machte sich der Neue daran, die zerstrittenen Lager innerhalb der Bank zu versöhnen: Taktisch klug und für einen "Gorilla" unerwartet geschmeidig nutzte Fuld die zwanghaften Erfordernisse der Krise, um die Wertpapierhändler und Firmenberater auszusöhnen: Fuld gelang das Kunststück, die endlosen Debatten darüber zu beenden, wem die Bankgewinne (oder -verluste) zu verdanken seien. Heute gilt das Miteinander von "Tradern" und "Bankern" im Hause Lehman innungsweit als mustergültig.

The Big Move

Aber Fuld machte auch Neugeschäft: Der ehemalige Anleihehändler investierte Millionen in den Ausbau des Aktienhandels, warb Fusionsberater von der Konkurrenz ab. Ja, viele gaben ihm einen Korb - aber viele faszinierte die Idee, das legendäre Wall-Street-Haus wieder zu alter Größe zu führen.

Indes, der Aufschwung währte nur kurz: 1998 erschütterte eine Zahlungskrise Russlands die Finanzmärkte. Gerüchte tauchten auf: Lehman stehe vor der Insolvenz. Der Aktienkurs der Bank ging zu Boden, als hätte man der Firma ins Herz geschossen. Bange Kunden zogen waggonweise ihr Geld ab.

Verzweifelt kämpfte Fuld um sein Lebenswerk, warb persönlich um Vertrauen, besuchte Kunden um Kunden, intervenierte bei Aufsichtsbehörden und Ratingagenturen. Lehman kam mit dem Leben davon. Es war gute, große Arbeit.

Drei Jahre später aber schien alles vergeblich gewesen zu sein: Der Terroranschlag vom 11. September 2001 hatte das beim World Trade Center gelegene Lehman-Hauptquartier in Trümmer gelegt. Doch war es der Entschluss- und Zauberkraft Fulds zu verdanken, dass Lehman auch dieses Unglück überlebte.

Die Geschichte gehört inzwischen zu den Legenden der Wall Street, ja zu den Wirtschaftswundern der Stadt New York selbst: The Big Move. Schon drei Tage nach dem Anschlag hatte Fuld das komplette "Sheraton Hotel" in der Nähe des Times Square gemietet und die Hotelzimmer in Büros verwandelt, Zimmertüren aushängen, Betten hinausstellen lassen. Zwei Banker teilten sich ein Hotelbüro, versammelt wurde sich in der Lobby, dort befand sich das Kommunikationszentrum. Es war wie bei den Pfadfindern, es war eine logistische Meisterleistung. Weitere drei Tage später, zur Wiedereröffnung der Börse, nahm auch Lehman Brothers die Arbeit wieder auf.

Keine vier Wochen darauf kaufte Fuld dem Konkurrenten Morgan Stanley  einen 32 Stockwerke hohen Turm aus Glas und Stahl ein paar Blocks weiter für 700 Millionen Dollar ab. Lehman hatte eine neue Firmenzentrale: "Die Tragödie vom 11. September hat unsere Leute noch enger zusammenrücken lassen."

Tatsächlich, sagen Szenekenner, verbinde die Lehman-Truppe eine Art ruppige "Underdog-Mentalität". Der New Yorker Wirtschaftsprofessor Roy Smith, früher bei Goldman Sachs  Banker, befindet: "Die sind hart im Nehmen."

Büro mit Reliquien der Familie

Und hoch bezahlt: Mit Aktienoptionen und anderen Wohltaten gelang es Fuld, seinen Leuten ein Drittel der Bankaktien zuzuschanzen. Fuld selbst ist der größte individuelle Lehman-Aktionär. Der Wert seines Pakets liegt schon jetzt bei 240 Millionen Dollar. In den nächsten zehn Jahren sollen Aktien im Wert von 186 Millionen Dollar hinzukommen.

Jetzt fragt man sich natürlich, warum arbeitet dieser 60-Jährige noch? Warum spielt er nicht Golf, schreibt ein Buch oder verbringt seine Zeit daheim auf seinem Anwesen im Edelvorort Greenwich, Connecticut, wo in der Nähe Hedgefondsmagnaten wie Eddie Lampert wohnen, der ein Freund von ihm ist? "Meine Frau will mich tagsüber zu Hause nicht sehen, also bleibe ich hier." Jetzt grinst er. Und zwar richtig.

Nicht, dass ihm sein Privatleben einerlei wäre. Überhaupt nicht. Im Gegenteil, selbst in wichtigen Meetings, berichten Mitarbeiter, gehe Fuld ans Telefon, sobald eines seiner Kinder anrufe.

Überall in seinem Büro stehen Reliquien der Familie: Fotos der Kinder, der Ehefrau, Fotos von ihm selbst mit Freunden und Bekannten. Große Fotos, kleine Fotos. Hübsch gerahmt. Es reicht in Amerika nicht, einfach nur erfolgreich zu sein: Ein erfolgreicher Mann muss auch ein "family man" sein, sonst zählt der Erfolg nur zur Hälfte.

Gewiss, einen Nachfolger hat sich Fuld schon ausgesucht: Joe Gregory (54), den operativen Kopf der Firma. Gregory soll übernehmen, wenn Dick mal müde werden sollte. Das heißt, irgendwann einmal. Denn Fuld ist gut in Form.

Der Blick aus seinem Büro geht nach Nordwesten hinaus, fliegt davon, über den Hudson hinweg, der zwischen den Häuserschluchten glitzert, nach New Jersey und sozusagen über den Kontinent bis zum Pazifischen Ozean.

Möglicherweise steht die neue Zentrale der Hearst Corporation ein bisschen im Weg und UBS  weiter hinten. Doch die meisten Häuser in dieser Richtung sind recht niedrig, sodass sich in Fulds Umgebung rasch der Eindruck des Alles-Überragenden einstellt.

Besonders malerisch gestaltet sich sein Wirken an dieser Stätte zur blauen Stunde, im Winter so zwischen vier und fünf am Nachmittag: Dann wird es so romantisch, dass man am liebsten ein Stück Butterkuchen bestellen oder ein Kaminfeuer entfachen möchte.

Neue Wachstumsregionen

In Asien, sagt Fuld, lägen die Märkte der Zukunft. Dorthin will er expandieren.

Die Ertragsbasis seines Geldhauses soll breiter werden. Als zweite Wachstumsregion hat er Europa ausgemacht. Hier beschäftigt Lehman etwa 5000 Leute, die meisten von ihnen in der neuen Europa-Zentrale in den Londoner Docklands. Die Hälfte des Umsatzes, hat Fuld seinen Leuten diktiert, soll die Firma künftig außerhalb der USA erzielen.

Mit 37 Prozent ist Lehman von diesem Ziel nicht weit entfernt. Fast ein Drittel der knapp 25.000 Banker arbeitet bereits jenseits der USA. Auch in Deutschland hat Lehman viel Fachpersonal angeheuert: In diesem Jahr gehörte das Geldhaus zu den fünf größten Fusionsberatern hierzulande.

Selbst der Erfolg im fernen Germany beruht zu einem großen Teil auf dem persönlichen Engagement des Meisters. Leistungsträger wie Christian Meissner (37), den Co-Head Investmentbankings, oder den früheren Goldman-Sachs-Banker Jerry McConnell (50) hat der Konzernchef persönlich angeworben.

Auch bei wichtigen Kundenterminen ist Fuld nicht selten dabei. "Dick ist unser wertvollstes Asset", sagt Jeremy Isaacs (42), Lehman-Chef in Europa, "die Kunden lieben es, ihn zu sehen." Er ist ein gefragter Mann.

Alle fünf Minuten geht sein Telefon: Es gibt einen dieser höflichen Sinus-Summtöne von sich. Nicht laut, aber auch nicht so leise, dass man es überhören könnte. Offenbar kommt man bei Lehman Brothers nicht voran, wenn man den Boss nicht um Rat oder Erlaubnis fragen kann. Und es sieht ganz so aus, als ob sich Richard Fuld gern um Rat oder Erlaubnis fragen ließe.

Wenn er Besuch empfängt, ist der Besuch natürlich wichtiger. Dann nimmt er den Hörer nicht ab, sondern lässt es dabei bewenden, sich vorzubeugen, aufs Display zu linsen und sich wieder zurückzulehnen, ohne auch nur eine Miene zu verziehen. Dann reibt er sich Wange und Kinn mit seinen Fingerspitzen, faltet die Hände in seinem Schoß und setzt seinen Satz an der richtigen Stelle mit der richtigen Geschwindigkeit und der richtigen Lautstärke genauso leise fort wie vorher, ganz als könnte seinen Worten jeden Moment die Luft ausgehen. Man macht sich direkt Sorgen um sie.