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Grundig Intermedia Zweiter Überlebenskampf

Die aus der Insolvenz gerettete Traditionsmarke Grundig leidet unter hohen Verlusten und steht damit am Rande des Abgrunds.
Von Anne Preissner und Ursula Schwarzer

Das nördliche Langwasser gilt nicht gerade als Vorzeigestadtteil Nürnbergs. Die alten Gebäude der einstigen Wirtschaftswunderikone Grundig und die monumentalen Überbleibsel von Hitlers Großmannssucht verschandeln die Gegend. So trist ist es in dieser Ecke Frankens, dass sich manch einer, der dort arbeitet, eine schönere Welt ausmalt.

Auch Hubert Roth (52), der fast 30 Jahre bei Grundig angestellt war und die Insolvenz hautnah miterlebt hatte, träumte von einer rosigen Zukunft. Als Geschäftsführer der Nachfolgegesellschaft Grundig Intermedia wollte er 2007 mit seinen Fernsehern in Europa einen Marktanteil von 10 Prozent erobern, mehr als eine Milliarde Euro Umsatz machen und erkleckliche Margen erzielen.

Leider versäumte Roth es in seiner Euphorie, das Unternehmen ordentlich zu managen. Zudem konnte er sich gegenüber seinen Eigentümern nicht durchsetzen, was der Firma schadete. Denn die paritätischen Gesellschafter, die türkische Beko Elektronik und die britische Alba, zeigten manchmal mehr Interesse an den heimischen Konzernen als am Schicksal der deutschen Beteiligung. Bittere Folge: Die Anfang 2004 formierte Grundig Intermedia steht heute am Rande des Abgrunds.

Nur weil sich die Eigentümer verpflichtet hatten, Anfang des Jahres das Kapital der Tochter von jetzt nur noch 1,8 Millionen Euro um mehr als 40 Millionen Euro zu erhöhen, kann Grundig Intermedia - vorerst - weiterexistieren.

Ein einziges Mal - im Geschäftsjahr 2004/2005, das bis 31. März lief - schaffte Grundig ein ausgeglichenes Ergebnis. 2005/2006 wies die Firma dann einen Verlust aus: neun Millionen Euro Minus bei einem Umsatz von 430 Millionen Euro. Von April bis Ende September 2006, binnen eines halben Jahres also, summierte sich das operative Defizit gar auf 20 Millionen Euro.

Am 3. August sahen die Gesellschafter Handlungsbedarf. Die Chefs von Alba und Beko trafen sich am Münchener Flughafen und baten Roth, sich von Grundig zu verabschieden. Später erklärte Alba-Chairman John Harris (74) seinen Aktionären, das Grundig-Management habe "sich geweigert, die Kostenbasis und die Unternehmensstruktur zu verbessern".

Als Roths Nachfolger wurde Hans-Peter Haase (65) berufen. Der ehemalige Geschäftsführer der Firma Bosch-Siemens-Hausgeräte schuftet nun auf mehreren Baustellen, um der schwankenden Firma ein neues Fundament zu schaffen.

Seine wichtigste Aufgabe: Das Vertrauen der Händler wiederherzustellen. Die sind empört über die hohen Fehlerraten bei Grundig-Fernsehern. Pikanterweise werden die Geräte zu einem großen Teil bei Miteigentümer Beko (außerdem bei einigen asiatischen Herstellern) zusammengeschraubt. Vor Kurzem hat Beko allerdings eine eigene Fertigungslinie für Grundig eingerichtet und das Qualitätsmanagement verbessert.

Viel Zeit bleibt nicht

Ein weiteres Ärgernis geht ebenfalls auf den türkischen Lieferanten zurück: Der hat unter Labels wie Medion, Phocus oder Beko große Mengen von Fernsehern in den europäischen Markt gedrückt. Die waren baugleich, aber billiger als Grundig. Der Parallelvertrieb vergrätzte den Handel. Eigentlich hätte der damalige Geschäftsführer Roth gegen die Mutter in Istanbul aufbegehren müssen. Doch erst heute, sagt Nachfolger Haase, "ist das Thema vom Tisch".

Was geblieben ist, sind die zu hohen Kosten bei der deutschen Firma. Daher wird nun die 450-köpfige Grundig-Belegschaft um 20 Prozent reduziert. Möglicherweise ist dies aber nur der erste Schritt, denn Haase und seine Berater von Accenture denken darüber nach, die Logistik und die aufwendige Informationstechnik auszulagern.

Obendrein macht der neue Alleingeschäftsführer aus elf Lagern fünf. Was Haase bei der Überprüfung der Vorräte entdeckte, ließ ihn erschauern. Da hatten sich Geräte im Wert von 11,2 Millionen Euro angesammelt, die teilweise schon vor zwei Jahren produziert worden waren. Der Handel aber nimmt nicht einmal Fernseher ab, die drei Monate alt sind.

Zu all den Schwierigkeiten kommen Personalprobleme. Viele der langgedienten Grundig-Mitarbeiter, so berichten Insider, denken immer noch in den großen Dimensionen der alten Grundig AG. Sparsames Wirtschaften und eine intensive Betreuung des Fachhandels stehen bei ihnen nicht immer ganz oben auf der Prioritätenliste.

Einen der Veteranen, Finanzchef Eckhard Bauer (53), hat Haase kürzlich beurlaubt. Das Ressort führt jetzt Temel Aras (39).

Haase hat sich derweil viel vorgenommen. Er will das Exportgeschäft ausbauen, das bislang 62 Prozent am Gesamtumsatz hält. Er will die Abhängigkeit von der Fernsehsparte lockern, die 80 Prozent der Erlöse erwirtschaftet. Und vor allen Dingen will er nicht mehr, wie sein Vorgänger, "Hinz und Kunz beliefern", sondern nur noch ausgewählte Fachhändler und Großanbieter wie Media-Markt und Saturn.

Ein ambitioniertes Konzept - hat doch die einst strahlende Marke spürbar an Zugkraft verloren. Der Grundig-Anteil im schnell wachsenden deutschen Markt für LCD- und Plasmafernseher liegt bei marginalen 2,5 Prozent.

Viel Zeit bleibt Haase nicht. Seine beiden Gesellschafter schreiben selbst tiefrote Zahlen; eine zweite Kapitalerhöhung können sie sich vermutlich nicht leisten.