Mode Der goldene Schnitt

Die feinsten italienischen Schneider und Schuhmacher finden sich in der Hand traditionsreicher Familien. Unternehmen wie Zegna, Kiton oder Santoni leben das Patriarchenprinzip - und sind damit erfolgreicher denn je.
Von Klaus Ahrens und Hanno Pittner

Zielbewusst steuert die zierliche Frau mit den Silberspitzen im schwarzen Haar durch den verwunschenen Park, geht über frisch geharkte Kieswege hinweg auf eine abgelegene Tür in der Gartenmauer zu, dann durch einen staubigen Gang hinaus auf eine weite Dachterrasse.

"Das ist der Weg, den schon mein Großvater immer genommen hat. Von hier oben hat man den besten Blick auf alles."

Alles: Das sind die klassizistische Villa unter alten Zedern, die Dächer der weitläufigen Weberei, der Schornstein mit dem knallroten Firmenemblem. Dahinter erheben sich bewaldete Hänge der Voralpen, vom Großvater einst mit Tausenden von Fichten und Rhododendren bepflanzt - ein Naturreservat nördlich von Trivero, einer verschlafenen piemontesischen Kleinstadt. Das den klingenden Namen Oasi Zegna trägt.

Es ist die Welt der Laura Zegna, es ist das Erbe ihrer Familie, das sie im Auftrag ihrer sieben Vettern und Basen hütet, kostbar wie ihr Augenlicht.

In diesen Tagen dirigiert die energische Frau die Handwerker, die das Gästehaus vor den Toren des Parks instand setzen: Hier soll das Familienarchiv in einer Art Museum seinen Platz finden, pünktlich zum 100-jährigen Jubiläum der Firma. Bis dahin, 2010, ist noch Zeit.

Die Vorfreude indes ist schon heute spürbar. Es soll ein Fest für die Familie, eine Ehrung auch für jenen Patriarchen sein, dessen klangvollen, inzwischen weltberühmten Namen das Unternehmen trägt: Ermenegildo Zegna.

Doch die Hundertjahrfeier weist weit über Trivero hinaus, sie ist nicht nur eine Feier für Zegna, sondern ebenso eine Zelebration für ein Herzstück der italienischen Industriekultur.

Der Club der Konkurrenten

Der Weltmarktführer für edle Männermode und feinste Stoffe ist das Paradebeispiel für ein Unternehmensmodell, das es in dieser Form wohl nur in Italien gibt: Jenen patronalen Familiengroßbetrieb, in dem über Generationen hinweg das Wohl und Wehe des Geschäfts ausschließlich von der Gründersippe kontrolliert wird, und zwar mit einer sehr temperamentvollen Ausprägung des Familiensinns.

Angestellte Manager sind hier angestellte Manager, die Macht liegt allein beim Familienrat. Mit der Börse und dem seelenlosen Finanzkapitalismus will Gildo Zegna, der im Verein mit seinem Cousin Paolo die Geschäfte führt, nichts zu tun haben. Società bella Italia.

Zegna ist kein Sonderfall. Die Creme der italienischen Luxushersteller teilt dieses Selbstverständnis und hat sogar eine Bühne für die Pflege des gemeinsamen Geschäftsstils ins Leben gerufen, einen elitären Klub: den Altagamma.

Im Altagamma, der "Association of High End Italian Companies", ist nahezu alles vertreten, was im Mode- und Luxusgewerbe Namen und Rang und große Würde hat: von Agnona bis Zegna, von Armani und Brioni bis hin zu Tod's und Versace.

Insgesamt rund 50 Firmen, darunter teilweise auch erbitterte Konkurrenten, haben sich im Altagamma zusammengeschlossen, um sich gegenseitig zu unterstützen in den verschiedensten Bereichen wie der Kommunikation, Geschäftsentwicklung, Marktforschung oder dem Markenschutz.

Altagamma, heißt es lyrisch im Programm, fördere "die Kultur der Exzellenz als eine Synthese der höchsten Werte des italienischen Lifestyles". Kurz, die Elitevereinigung versteht sich als Bollwerk gegen die Gleichmacherei der Globalisierung.

Angeführt wird der Renommierverein von Leonardo Ferragamo, der das Unternehmen Salvatore Ferragamo leitet. Sein Großvater, ein kleiner Florentiner Schuhmacher, und dessen Frau Wanda hatten die Firma gegründet, die sechs Kinder hatten sie zu einem Modeimperium aufgebaut. Heute ist Salvatore Ferragamo eines der größten Luxushäuser des Landes.

Eine Klitsche als Keimzelle

In einem kleinen Ort in den Hügeln der Marken, eine halbe Autostunde westlich von Ancona, unterhält ein anderer Schuhmacher seine Familienmanufaktur. Hier in Corridonia gründete Andrea Santoni vor rund 30 Jahren mit drei Gehilfen eine Schuhmacherei, die sich dem Handwerk edler Fußbekleidung verpflichtet hatte - eine Klitsche, aus der ein mittelständisches Unternehmen hervorgegangen ist.

220 Leute sind heute bei Santoni beschäftigt, Tochter Ilenia und Sohn Giuseppe gehören inzwischen der Geschäftsführung an. Rund 100.000 Paar Schuhe fertigt Santoni jedes Jahr, an klassische Muster zwar angelehnte Modelle, aber fast alle überraschend geschnitten und eingefärbt. Das Paar zu mindestens 420 Euro.

"Als Familienunternehmen", sagt Giuseppe Santoni, "erlauben wir uns den Luxus, das zu tun, was wir wollen." Unabhängigkeit ist ein zentraler Punkt im Wertekanon des Familienbetriebs: Santoni will entwickeln und entwerfen, was ihm am Herzen liegt oder in den Sinn kommt. Er will sich heute um den Schuhmarkt in Russland, morgen aber auch schon um den in China kümmern, vor allem aber will er schnell und allein entscheiden können: "Eine Modefirma, die zu einem Konzern gehört, muss womöglich ein halbes Jahr warten, bis der Verwaltungsrat seinen Segen erteilt - und dann ist der Trend vielleicht längst vorbei."

Auch beim neapolitanischen Edelschneider mit dem Namen Kiton (nach Chiton, dem altgriechischen Gewand) ist es die Familie, die die unverzichtbare Unabhängigkeit und Flexibilität garantiert: Die Schneiderei von Weltruf, in einem staubigen Gewerbegebiet am Rande der großen Stadt gelegen und von 52 kaukasischen Schäferhunden bewacht, ist das Lebenswerk des heute 73-jährigen Ciro Paone.

Der Patron residiert in der Verwaltungsvilla, die vor den Werkhallen steht und mit ihnen durch eine Glasbrücke verbunden ist, entworfen von seinem Freund, dem Hamburger Architekten Hadi Teherani.

Paone, seit dem Frühjahr durch einen Schlaganfall an den Rollstuhl gefesselt, führt das Unternehmen gemeinsam mit seinen Töchtern Maria Giovanna und Raffaella. Zum Mittagessen finden sich um den Holztisch in der Kantine allerdings gleich acht Familienmitglieder ein zu Schinken aus Parma, Penne all'arrabbiata und frischen Pflaumen: Brüder und Neffen des Padrone, alle mit Aufgaben in der Firma betraut, alle voller Ideen.

Kantine statt Konferenzsaal

"Beim Lunch in der Kantine", sagt Maria Giovanna Paone, "sprechen wir über alles, was anliegt. Das erspart uns viele langwierige Konferenzen."

Ein Beispiel für das gedeihliche Prinzip des Management-by-Dining ist die in der Kantine entstandene Idee, eine im Vergleich zu den Kiton-Klassikern etwas jüngere und preiswertere Linie einzuführen: Sartorio. Zwischen der Entscheidung zugunsten der neuen Marke und ihrer Markteinführung im Herbst vergingen nur sechs Monate, für ein Großunternehmen in der Modebranche eine undenkbar kurze Zeit.

Die neue Marke setzt auf kräftigere Stoffe (mehr Tweed statt Kaschmir), jugendlichere Schnitte und farbenfrohere Muster, vor allem aber auf deutlich weniger Handarbeit, mithin auf spürbare Kosteneffekte: Die Produktion eines Sartorio-Jacketts dauert statt 20 wie bei Kiton nur noch 10 Stunden. Statt 2800 für eine Kiton-Joppe zahlt der Sartorio-Kunde dann allerdings nur 1200 Euro.

"Wer heute erfolgreich sein will", sagt Ciro Paone, "muss sehr schnell reagieren können, mindestens mit Mach 1, wenn Sie wissen, was ich meine."

Die Zahlen sagen, was er meint: 2005 setzte Paone 54,2 Millionen Euro um, 18 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Ebenfalls zweistellig, um 12,5 Prozent, ist auch Zegna, der große Bruder (und Stofflieferant) im Norden, gewachsen. Allerdings in einer anderen Größenordnung: Der Zegna-Umsatz kletterte im Jahr 2005 von 634 auf 713 Millionen Euro.

Die Zahlen, sagt Gildo Zegna, seien "deutlich besser ausgefallen, als von uns zu Jahresbeginn erwartet". Ausgesprochen gute Ergebnisse, freut sich der 51-jährige Vater zweier Söhne, die die Firma eines Tages übernehmen sollen, habe Zegna in China, Russland und namentlich in Deutschland erzielt.

Texanischer Wunderknabe

Das Geheimnis des Geschäftserfolgs liegt für den Chef im Herzen der Sippe: "Es gibt in Familienunternehmen eine Regel: Ist die Familie stark, ist auch das Geschäft stark - und umgekehrt."

Der Anteil des Stammgeschäfts - die Stoffproduktion in der Lanificio von Trivero - am Gesamtumsatz beträgt nur noch 10 Prozent. Grund: Die Zegnas, die in der Schweiz und in Spanien, in Mexico City und Istanbul fertigen, haben ihre Geschäftsaktivität geradezu pfauenradartig aufgefächert.

Gildo und Paolo Zegna, die Vettern und Geschäftsführer, betreiben nicht nur die Wollgewinnung, die Weberei, die Schneiderei und den Endverkauf der Konfektion in Eigenregie. Die Familie hat in der Vergangenheit regelmäßig auch andere Firmen übernommen - mal solche für Damenmode (Agnona), mal für Sportsachen (Artema) oder für Accessoires (Orsini). Und sie hat Joint Ventures gegründet: für Schuhe (mit Ferragamo/Zefer) und für Konfektionsware (mit der Wenzhou Company in Shanghai/SharMoon).

Und im schweizerischen Stabio steht die alte Villa, hinter deren klassizistischer Fassade die Maßschneiderei unter dem Namen La Misura untergebracht ist. Eine Hundertschaft Frauen näht hier Tag für Tag 300 Jacketts zusammen, nach allen Regeln der Schneiderkunst. Unter dem Label Zegna werden inzwischen immer mehr Produkte verkauft, auch Brillen und Parfüms, ja selbst Koffer und Taschen.

Seinen jüngsten Coup landete der kleine Markenmulti im Sommer 2005: Die beiden Vettern engagierten den Berater Domenico De Sole, eine Berühmtheit der Zunft, und nahmen dann auch noch den legendären Gucci-Designer Tom Ford unter Vertrag.

Im Frühjahr soll in einer eigens gegründeten Tom-Ford-Boutique in New York die erste Kollektion des texanischen Wunderknaben vorgestellt werden. Jedes einzelne Stück geschneidert aus Stoffen des Piemont.

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