Montag, 9. Dezember 2019

Globalisierung Falsche Freunde

Fairer Wettbewerb war gestern. Die globale Ökonomie verkommt zusehends zum Powerplay um Märkte und Margen. Aber Angela Merkel weiß nicht recht, wie sie dabei mitspielen soll.

Es könnte alles so schön sein. Die Weltwirtschaft wächst so schnell wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Der globale Handel und die Kapitalströme erreichen Rekordgrößen. Ganze Kontinente sind dabei, sich aus kollektiver Armut emporzuarbeiten. Europas Wirtschaft wächst wieder. Deutschland ist Exportweltmeister, und sogar hierzulande gibt es endlich mal einen selbsttragenden Aufschwung. Die Großwetterlage ist günstig, immer noch.

Als "Die goldenen 2000er" könnte die gegenwärtige Ära in die Geschichtsbücher eingehen: Als eine Epoche, in der die Globalisierung ihre ganze Wucht entfaltete, in der Wohlstand in bislang unbekanntem Maß geschaffen wurde - in der es aber letztlich nicht gelang, das Erreichte zu bewahren.

Die Globalisierung ist in eine kritische Phase getreten. Der offene Wettbewerb kommt aus der Mode. Statt weiterhin Märkte zu öffnen werden neue Grenzen gezogen. Statt auf internationale Spielregeln setzen die großen Nationalstaaten auf hartes Powerplay für den eigenen Vorteil. Statt fairer Konkurrenz gilt zunehmend das Recht des Stärkeren.

Eine Entwicklung, die gerade für Deutschland Gefahren birgt. Keine andere größere Volkswirtschaft ist so offen: Im- und Exporte betragen rund 75 Prozent des Bruttoinlandsprodukts - in Frankreich und Großbritannien liegt dieser Wert bei 55 Prozent, in den USA und Japan bei nur 30 Prozent.

Für Investoren bietet die Bundesrepublik, aller "Heuschrecken"-Rhetorik zum Trotz, ein ziemlich offenes Spielfeld. Ohne Widerstände gaben die deutschen Führungsmannschaften in Wirtschaft und Politik die Industrieikone Mannesmann zum Kauf durch die britische Vodafone Börsen-Chart zeigen frei. Ohne nennenswerten rechtsrheinischen Gegendruck konnte die französische Sanofi Börsen-Chart zeigen die noch teilweise deutsche Aventis übernehmen. Ohne bajuwarische Abwehrformation konnte die italienische Unicredit Börsen-Chart zeigen die HypoVereinsbank Börsen-Chart zeigen schlucken.

So viel Offenheit macht verletzlich. Jetzt drängen chinesische Konzerne und russische Oligarchen nach Deutschland. Unternehmen, die in staatlichem Besitz sind oder unter staatlichem Einfluss stehen und die massive politische Unterstützung durch ihre Heimatregierungen bekommen. Bei seinem Deutschland-Besuch im Oktober verkündete Russlands Präsident Wladimir Putin ganz undiplomatisch: Entweder wir dürfen uns hier einkaufen, oder ihr müsst damit rechnen, dass wir unser Erdgas anderswohin liefern. Kurz: Lasst uns rein, oder ihr müsst frieren.

© manager magazin 12/2006
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