Vorstandsalltag Nahaufnahme

Der Posten an der Konzernspitze ist Ziel und Wunschtraum jeder ambitionierten Führungskraft. Doch wie sieht der Job tatsächlich aus? Axel C. Heitmann, Chef des Lanxess-Konzerns, gewährte manager magazin exklusive Einblicke in die Arbeit eines Topmanagers.
Von Claus G. Schmalholz und Andreas Herzau

Axel C. Heitmann war gerade per Rucksack mit seiner Familie in Tibet unterwegs, als er den Anruf erhielt, auf den wohl jeder Manager hinarbeitet: "Möchten Sie Vorstandschef einer der 100 Top-Börsenfirmen in Deutschland werden?", fragte ihn Bayer-Chef Werner Wenning.

Es war ein Angebot mit Haken und Ösen. Der bis dahin weithin unbekannte Manager sollte jene Konzernteile übernehmen, die Wenning vom Mutterkonzern abspalten wollte, und aus ihnen eine neue Einheit formen. Es ging um die ungeliebte Chemiesparte sowie um ein Drittel des Kunststoffbereichs.

Auf Heitmann warteten 17 großteils margenschwache Unternehmensteile, die sich mit so aufregenden Produkten wie Gummi, Farben und Holzschutzmitteln beschäftigen. Heitmann, der seine Karriere vor 17 Jahren als Trainee bei Bayer  startete, sagte zu.

Den ersten Teil seiner Aufgabe hat der 47-jährige Hamburger, unterstützt von einer konjunkturellen Schönwetterfront, erfolgreich hinter sich gebracht. Nun steht ihm die eigentliche Bewährungsprobe bevor: Lanxess  muss durch Zukäufe wachsen, um sich als Global Player zu etablieren.

manager magazin begleitete Axel C. Heitmann am Beginn dieser schwierigen Umbruchphase hautnah: in seinem Büro, unterwegs im Auto und im Flieger, bei der Vorbereitung der großen Investorenkonferenz in einer ehemaligen Lagerhalle auf dem Werksgelände in Leverkusen, beim konzernweiten Fußballturnier mit Hunderten Mitarbeitern aus aller Welt, bei Gesprächen mit Kunden, Führungskräften, Aufsichtsräten und Politikern sowie bei der Eröffnung der Europa-Zentrale für Kunststoffe im spanischen Tarragona.

Ein Topmanager bei der Arbeit, das heißt vor allem: ein bis ins Detail durchgetakteter Tag, dauernd unterwegs und ständig reden, reden, reden. Jedes einzelne Wort muss sitzen. Bei jedem Satz muss der Chef beweisen, dass er seinen Job beherrscht. Aktionäre, Mitarbeiter und Kunden beobachten scharf, hören genau hin.

Das Beispiel Heitmann zeigt: Die Arbeit als Topmanager gleicht einem Marathonlauf im Businessanzug.

Das Bild ist die Botschaft

Investoren überzeugen

Das Bild ist die Botschaft, und der Mann an der Spitze macht den Unterschied. Nach dieser Maxime bereitet sich Heitmann akribisch auf die wichtigste Veranstaltung seit seinem Amtsantritt vor: die Presse- und Investorenkonferenz vor über hundert Journalisten und Investoren aus aller Welt.

In einem angemieteten TV-Studio geht er seine Rede Wort für Wort durch. Sein eigens aus den USA eingeflogener Redenschreiber treibt ihn mit kleinen Korrekturen an: "Smile when you say: Chemicals can be profitably managed - even in Germany."

Heitmann muss sich extrem am Kapitalmarkt orientieren. Fast zwei Drittel von Lanxess  gehören Investmentgesellschaften, rund 15 Prozent liegen bei Banken und Versicherungen. Er will jetzt kompetent und dynamisch erscheinen, er muss Vertrauen gewinnen, er muss Blickkontakt zu den Investoren halten. Also übt er das Ablesen vom Teleprompter so lange, bis es wirkt, als würde er frei sprechen. Heitmann braucht den perfekten Auftritt, um seine drei Kernbotschaften zu transportieren: Lanxess hat die Schulden abgebaut, die Kosten reduziert und ist jetzt bereit, per Akquisitionen zu wachsen. Und ohne das Geld und das Vertrauen seiner Aktionäre geht das nicht.

Mitarbeiter motivieren

17.000 Mitarbeiter beschäftigt Lanxess in 18 Ländern. Heitmann muss seinen Leuten ein neues Wir-Gefühl geben und sie gleichzeitig zu Höchstleistungen antreiben. In dieser Mission ist er nun ständig unterwegs. Ende August besucht er innerhalb von drei Tagen die US-Standorte in Cincinnati, Pittsburgh und Cleveland.

Wenige Stunden nach seiner Rückkehr nach Düsseldorf um sechs Uhr morgens begrüßt er die Hobbykicker der brasilianischen Lanxess-Tochter, die er zusammen mit Hunderten weiterer Mitarbeiter aus aller Welt zu einem Firmen-Fußballturnier nach Leverkusen eingeladen hat. Kurz darauf sitzt er im Flieger nach Barcelona, um die europäische Führungsmannschaft auf seinen neuen Wachstumskurs einzuschwören.

Eine Karriere im Chemie-Konzern

Entscheidungen durchsetzen

Unterlagen akzeptiert Heitmann ausschließlich in digitalisierter Form. Sein Büro passt in seinen Laptop, den er ständig bei sich trägt. Entscheidungen trifft er in persönlichen Gesprächen und per Telefon. E-Mails schickt ihm seine Assistentin in vier Kategorien: Sofort/Dringend, Priorität 1, Priorität 2, Priorität 3.

Nach außen muss er klarmachen, dass seine Firma global und Deutschland nur noch ein Standort unter vielen ist. Aber überall muss er die Lokalpolitiker einbinden. Leverkusens Oberbürgermeister Ernst Küchler etwa bittet er Montag früh in sein Büro ein und erläutert ihm seine Expansionsstrategie - verrät ihm aber nicht mehr, als er seinen Investoren schon in der Woche zuvor erzählt hat. Nach exakt einer Stunde blickt er auf seine Nomos-Uhr und geleitet Küchler zur Tür. Er muss jetzt einen Werksleiter in China anrufen.

Kunden gewinnen

Eine Werkseröffnung in Tarragona nutzt Heitmann, um Topkunden aus aller Welt nach Spanien einzuladen. Auf dem Betriebsgelände lässt er ein Festzelt aufbauen. Die Sonne scheint, draußen gibt es Häppchen und Sekt. Drinnen spricht Heitmann vor der lokalen und internationalen Fachpresse. Drei TV-Teams filmen, der katalanische Industrieminister ist gekommen. Die Gäste müssen das Gefühl haben, dass sich hier alles um sie dreht.

Abends lädt Heitmann zu einem Galadinner im Aquarium in Barcelona ein. Die beiden wichtigsten Kunden sitzen neben ihm, der spanische rechts, der deutsche links. Vor dem Essen bringt er einen Toast auf seine Gäste aus, danach bittet er auf die Terrasse. Es ist eine sternenklare Nacht, ein perfekter Abend. Heitmann spricht mit jedem, mal ein paar Minuten hier, mal eine Viertelstunde da. Er geht als letzter, morgens um drei Uhr früh. Sein dunkler Anzug sitzt noch immer tadellos.


Bayer-Mann - Karriere im Chemie-Konzern

Der Manager: Heitmann studierte Chemie in Hamburg und Southampton. 1988 promovierte er mit einer Arbeit über Antigene. Nach dem Einstieg als Trainee bei Bayer  arbeitete er für den Konzern im In- und Ausland, zuletzt in China. Sein Meisterstück war die Sanierung der Bayer-Tochter Wolff Walsrode. Heitmann ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Das Unternehmen: Heitmann ist Chef der börsennotierten Lanxess AG  mit weltweit 17.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von 7,15 Milliarden Euro. Lanxess entstand 2004 durch die Abspaltung der ertragsschwachen Chemie- und Kunststoffsparten des Bayer-Konzerns. Das Kerngeschäft sind Herstellung und Vertrieb von Chemikalien, Kautschukmaterialien und Kunststoffen.

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