Dienstag, 23. Juli 2019

Linde-Chef Reitzle Herr der Lüfte

Wolfgang Reitzle hat eine fast unmögliche Mission zum Erfolg geführt. Unter heftigen Attacken von Heuschrecken gelang ihm der Umbau des Mischkonzerns Linde zum reinrassigen Gasehersteller.

Singapur, Sydney, Shanghai und zuletzt elf Stunden Kontinentalflug liegen hinter ihm. Um fünf Uhr morgens ist Wolfgang Reitzle (57) an diesem Tag Ende September wieder in der Heimat eingeschwebt. In der Wiesbadener Konzernzentrale macht der Chef gleich weiter. Die Gabelstapler-Sparte und 15 weitere Konzernteile werden verkauft. Reitzle prüft, wo er eingreifen muss. "Ich spüre keinerlei Müdigkeit."

Weiß genau, was er will: Linde-Primus Reitzle
Es ist wohl die Größe seines Werks, die Reitzle beschwingt. Auf der Reise durch die Boomzentren der Weltwirtschaft hat sich der Konzernherr ein Bild von seinem erweiterten Reich gemacht. Diverse Gaseanlagen hat Reitzle besichtigt, mehrere hundert Führungskräfte getroffen, alles Teile der ehemals britischen Firma BOC, die Linde Börsen-Chart zeigen wenige Tage vorher endgültig übernommen hatte.

Reitzles Welttour - zuvor war er schon in den ehemaligen BOC-Werken in England und den USA - ist vorläufiger Höhepunkt eines dreieinhalb Jahre währenden Umbaus bei Linde. Mit der Großakquisition ist das Aschenputtel unter den Dax-Konzernen zur weltweiten Nummer eins in einem der profitabelsten Industriezweige aufgestiegen, zum Marktführer bei Gasen, die in der Produktion und der Medizin eingesetzt werden. Der ehemalige Automanager Reitzle ist nun der Herr der Lüfte.

Kaum ein Industrieunternehmen auf der Welt kommt noch an ihm vorbei; in 55 Ländern ist Linde neu (Gaseumsatz: rund zwölf Milliarden Euro) jeweils der größte oder zweitgrößte Lieferant. "Wenige Unternehmen sind so global aufgestellt wie wir", sagt er mit jener Eindringlichkeit, die nur Bewunderung zulässt.

Dabei galt Linde noch vor drei Jahren als Betriebseinheit ohne Perspektive. Die Börse mochte die Firma nicht. Zu viele verschiedene Geschäfte waren bei Linde gebündelt: Kühltruhen, Gabelstapler, Anlagenbau und eben die technischen Gase. Lediglich die Firmenverwerter frohlockten. Sie spekulierten auf ein einträgliches Zerlegen. Denn das Eigenkapital von Linde überstieg mit vier Milliarden Euro deutlich den mickrigen Börsenwert von 2,8 Milliarden Euro.

Das Wiesbadener Unternehmen, das demnächst sein Hauptquartier nach München verlagert, war ein klassisches Übernahmeobjekt. Mal schlichen sich Private-Equity-Investoren an. Mal erwogen einzelne Großaktionäre den Verkauf ihrer Aktien. Kurz vor dem Befreiungsschlag durch den BOC-Erwerb hätte beinahe noch ein deutscher Dax-Konzern die Selbstständigkeit von Linde beendet.

Doch Reitzle wehrte sie alle ab, mit akribischer Systematik, großer Beharrlichkeit - und wohl auch dem unerschütterlichen Glauben an sich selbst.

Ohne Zweifel: Reitzles Transformationswerk taugt zum Vorbild. "Linde gehört dank Reitzle zu den wenigen deutschen Unternehmen, die für ihr weltweites 'industrielles Endspiel' gerüstet sind", urteilt Alexander Dibelius (47), Deutschland-Chef von Goldman Sachs Börsen-Chart zeigen. Er und sechs weitere namhafte Mitglieder einer Jury des manager magazins haben Wolfgang Reitzle deshalb zum "Manager des Jahres 2006" gewählt.

© manager magazin 11/2006
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