Holtzbrinck Angstschweiß

Die Schriften "Handelsblatt" und "Wirtschaftswoche" decken ihre Kosten nicht, die Stimmung in der Verlagsgruppe ist katastrophal.
Von Klaus Boldt

In der Verlagsgruppe Handelsblatt (VHB) werden so bedeutende Publikationen hergestellt wie die immer etwas halbfertig wirkende "Wirtschaftswoche" ("Wiwo") und das "Handelsblatt", dessen Vorzug seine Ausführlichkeit ist. Auch weniger bekannte Schriften erscheinen hier, "Der Betrieb" zum Beispiel oder die "Absatzwirtschaft".

Nun ist es aber leider so, dass "Wiwo" und "Handelsblatt", bedingt durch ihre schiere Masse, eine Bedeutung haben, von der sich der Holtzbrinck-Konzern, in dessen Besitz sich die VHB befindet, wünschen würde, sie wäre geringer: Denn beide Schriftgüter befinden sich in einem bejammernswerten Zustand. Ihre Gewinne sind so klein, dass sie die Kosten, sie zu suchen, nicht mehr decken.

"Jedes Blatt für sich allein ist im Plus", sagt ein Offizieller - allerdings sei es ihnen schlechthin unmöglich, den "Kostensockel von 6 Prozent mitzufinanzieren": Mieten, Pförtner, Sekretärinnen, Reinigungskräfte, IT-Umlagen. Die Zahlen sind nicht so rot wie die Feuerwehr, glühen aber wie eine wunde Stelle. Der Betrieb des Hauses bereitet Sorgen.

Der vormalige VHB-Leiter Harald Müsse (57) hatte wenig verkehrt, aber noch weniger richtig gemacht. Im August griff Holtzbrinck-Stratege Michael Grabner (58) mit der für ihn typischen Mischung aus Verdruss und Behaglichkeit in die Missgeschicke ein, zog Müsse aus dem Verkehr und setzte Laurence Mehl (37) und Tobias Schulz-Isenbeck (38) an seine Stelle, der erste ein Online-Geschäftsführer von der "Westdeutschen Allgemeinen", der zweite ein Rechner aus der Holtzbrinck-Zentrale.

Grabner erwartet, dass die Talente dem Stammgeschäftsverschleiß mit Gewandtheit, lebhafter Freude am Neuen und ein paar klugen Kombinationen beikommen. Den Holtzbrinck-Mann leitet die Routine des Geschäfts: "Verlag und Redaktionen werden noch härter und effizienter arbeiten müssen. Topmarken fordern maximale Leistung."

Beteiligungen und flotte Fachverlage

Dass die Düsseldorfer Anstalt keine Verluste, sondern ein Ebitda von 12,9 Millionen Euro ausweist, ist allein den Beteiligungen und den flotten Fachverlagen zu verdanken, die 15 Prozent zum Umsatz (271 Millionen Euro) beitragen. Von dorther erreichen das Rechnungswesen erfrischende Zahlen.

Die laufenden Einnahmen halten zwar keinem Vergleich mit den Blütejahren stand, als sie Spitzenwerte von über 430 Millionen Euro erreichten. Doch wird sich der Umsatz internen Prognosen zufolge in diesem Jahr auf 286 Millionen Euro erhöhen. Die Gewinne fallen leicht auf etwa neun Millionen Euro.

Über ihre Ziele breitet die Obrigkeit das Sakko des Schweigens. Mehl lässt keine Redewendung verlauten, und auch Schulz-Isenbeck hält seinen Mund fest verschlossen wie einen Beutel Münzen. Ihr häuslicher Pressedienst, der seinen Betrieb in Kürze aus Geldnot einstellt, meldet, dass die Herren erst nach 100 Amtstagen eine Kundgebung planten.

Nur wenige Tage brauchten sie, um die Streichung von rund 120 der 1600 Arbeitsplätze für nötig zu erachten. Auch sollen die Informationstechnik sowohl wie die Fachverlage ausgegliedert, der Anzeigenverkauf umgebaut und alle Kosten um sieben Millionen Euro gesenkt werden.

Für unschönen Ertragsdruck sorgt zudem der Umstand, dass sich Mitgesellschafter Dieter von Holtzbrinck (65) auszahlen lässt: Seine Kinder zeigen wenig Interesse am Innungsgeschehen, er selbst will sich dem Stiftungswesen zuwenden. Ein guter Teil der Gewinne fließt in den kommenden Jahren in den gesellschafterinternen Zahlungsverkehr.

"Die Stimmung ist katastrophal", berichtet ein "Handelsblatt"-Vertreter. Zermürbt zeigt sich die Belegschaft auch von der Vergeblichkeit der bisherigen Bemühungen: Seit 2002 wurden 240 Stellen abgebaut, ist die Personalabteilung ausgelagert und die Geschäftsführung zweimal ausgetauscht worden.

Selbstmord aus Angst vor dem Tod?

Den Maßnahmen, die verpufften, muss möglicherweise auch der Wechsel des "Wiwo"-Erscheinungstages zugerechnet werden. Um seinen Verkauf spürbar anzukurbeln, wirft sich das Heft seit Monaten statt am Donnerstag schon (oder erst?) am Montag auf den Markt - wobei niemand weiß, welcher montägliche Zauber die Auflagenerhöhung eigentlich bewirken soll. Das Anzeigengeschäft blüht - doch die Käufer, die das Blatt am Kiosk gewinnt, verliert es unter seinen Abonnenten.

Vier Millionen Euro hat der Spaß gekostet. Schon malen sich Wettbewerber eine Übernahme der "Wiwo" aus. Grabner sagt: "Verkauft wird nichts."

Vom "Handelsblatt" darf behauptet werden, dass ihm die Käufer seit Jahren in Scharen davonlaufen, und dies nicht, weil es seine Leser so gut unterhielte. Erleichterung verspricht sich die Firma jetzt von einer Zusammenlegung von Zeitungs- und Magazinverlag. "Wiwo"-Objektleiter Wolf-Bernd Hering muss das Haus verlassen.

Der Griff zu drakonischen Maßnahmen trotz schwarzer Zahlen ist nicht auf Holtzbrinck beschränkt: Gruner + Jahr (G+J), "Rheinische Post", "Frankfurter Rundschau" und Springer-Verlag bauen Stellen ab. G+J-Dirigent Bernd Kundrun (48) grollt wie ein fernes Gewitter: "Der Markt verändert sich dramatisch."

Ursache der aktuellen Krise ist nicht, wie 2001, ein Kollaps der Werbemärkte, sondern die Angst, die nächste nicht zu überstehen: Die Stammgeschäfte sind in Gefahr, bedroht vom Internet, das Werbekunden und Publikum ködert.

Ob Mehl und Schulz-Isenbeck die Blätter zum Besseren wenden, wird die Zukunft zeigen. Bislang folgen sie nur der Modelinie "Online", die in der Gilde als Ausweis einer modernen Geisteshaltung gilt, auch wenn ihr bisweilen etwas seltsam Irriges anhaftet: Vor Angst, die zahlende Kundschaft zu verlieren, werden immer neue Gratisangebote erfunden. Was einem Selbstmord aus Angst vor dem Tod täuschend ähnlich sieht.

"Das Internet bedroht die Printmedien so wie ehemals das Radio und das Free-TV", sagt Holtzbrinck-Mann Grabner. Aber man solle gefälligst "die tollen Chancen nutzen und nicht mit Angstschweiß auf der Stirn dagegen kämpfen".

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.