Manager um die 40 Die Herren baden gerne lau

Egofixiert und risikoscheu - wie sich die Wohlstandskinder der 60er vor der Verantwortung drücken und stattdessen lieber Selbstverwirklichung betreiben.

Der Mann, der Ihnen auf dem Flur entgegenkommt, trägt die Hosen einen Tick zu kurz, weil das energischer aussieht, und das Haar gelgescheitelt oder akkurat verstrubbelt, das hängt von der Branche ab. Er hat's eilig, ein Meeting, eine Präsentation, irgendwas ist immer. Am Ohr das Handy, "Schatz, bringst du auf dem Heimweg zwei Liter fettarme Milch mit, bitte?"

Er trägt kein Jackett, das hängt über seinem Stuhl, und vielleicht wird es dort auch in ein paar Stunden noch hängen vor dem eingeschalteten PC, damit es so aussieht, als sei er nur kurz zum Kopierer, während er zu Hause auf die Kinder aufpasst oder eine Rennradrunde um den Starnberger See dreht oder beim Tai Chi ist und dort, wie er am Montag erzählen wird, wichtige Kontakte pflegt.

Dabei ist er immer gut vorbereitet, bedient Excel im Schlaf und ordnet für jedes neue Produkt wasserdichte Marktforschungen an. Klar, er macht einen ordentlichen Job, aber manchmal beschleicht Sie das Gefühl, dass er im Zweifel auch leicht zu ersetzen wäre.

Der Mann grüßt drei Meter zu früh, aber in dem Augenblick, als er mit Ihnen auf gleicher Höhe ist, haben Sie ihn schon wieder vergessen. Sie hätten sich ihm in den Weg stellen können, doch das hätte auch nichts genutzt, denn er eckt nirgends an, passt überall durch, er ist wie ein Marshmallow.

Er könnte auch bei den Unternehmensberatern gegenüber arbeiten oder die Straße hinunter in der Anwaltskanzlei. Er ist ein Leistungsträger, eine Stütze der Gesellschaft, aber er hat sich eine Art Tarnkappe aufgesetzt. Er fällt nicht auf, er stürzt nichts um, er baut nichts auf. Er ist ein Mann um die 40.

Die Jahrgänge 1960 bis 1968 waren die geburtenstärksten in der Geschichte der Bundesrepublik. Inzwischen sind sie angekommen an den Schaltstellen in Politik, Wirtschaft und Forschung. In diesem Alter, so formulierte es Managementguru Fredmund Malik einmal, verbinden sich Erfahrung und Dynamik auf das Vorzüglichste: Die 40-Jährigen sollten das Land voranbringen, Schrittmacher der Gesellschaft sein.

Ein komfortabler Start

Die Voraussetzungen waren da; nie zuvor startete eine Generation derart komfortabel ins Leben. Frieden und Wohlstand, freiheitliche Gesellschaft, beste medizinische Versorgung, hervorragende Bildungschancen. Kein Tag ohne drei Mahlzeiten, und das Badewasser war stets auf 38,5 Grad vorgewärmt.

Doch es scheint, als seien die idealen Startbedingungen eher Hemmnis als Ansporn. Das Heer der 40-Jährigen bleibt merkwürdig unsichtbar und vorrangig mit sich selbst beschäftigt. Von den Alten als Weicheier verhöhnt, müssen sie sich etwa vom selbst ernannten "letzten Live-Rock-'n'-Roller der deutschen Politik", Joschka Fischer, als "Heiapopeia-Jugend" beschimpfen lassen. Ausgerechnet die Altersgruppe, die am besten vorbereitet wurde, zu gestalten und zu verändern, hat sich behaglich eingerichtet im Hier und Jetzt.

Die Wohlstandskinder, die in den nächsten Dekaden die Republik prägen sollen, bewegen wenig, weil sie Angst vor dem Risiko haben. "Vielen aus der 'Erbengeneration' fehlt der materielle Anreiz, sie haben nicht gelernt, sich durchzubeißen, weil sie es lange nicht mussten", so der Soziologe Heinz Bude.

Erstmals hinterfragt eine Generation die klassischen Karrieremuster, wägt Beruf und Privatleben exakt ab - und stellt immer öfter fest, dass es sich "nicht lohnt", noch mehr zu rackern. Die 40-Jährigen sind top ausgebildet, aber es fehlen Wille und Mut zu Umsetzung und Verantwortung. Sie sind leistungsbereit und leistungsstark - aber nur, wenn das persönliche Verhältnis von Aufwand und Ertrag stimmt und alles im sicheren Rahmen bleibt. Neue Impulse für Firma und Gesellschaft - Fehlanzeige.

Es ist die "Generation Klinsmann", die eng umrissene Projekte durchzieht, aber Widerständen oder den Mühen der Ebene ausweicht. "Leer und ausgebrannt" fühlte sich der Bundestrainer nach der erfolgstaumeligen WM, "sehr viel Kraft" habe er gelassen, sein großer Wunsch sei es jetzt, "in die Normalität der Familie zurückzugehen". Jürgen Klinsmann (42), der das Land für vier Wochen rund und glücklich machte, zog sich zurück in seine Nische, dem grauen Alltag und der drohenden Kleinarbeit "nicht gewachsen", wie Werder-Manager Klaus Allofs diagnostizierte.

Oder Oliver Sinner (37): Nachdem er das einstige Vorzeige-Start-up SinnerSchrader verlassen hat, ist es totenstill geworden um den Mann, der seine Schuhe gern ohne Socken trägt. Sinner führt sein Hotel "Seemöwe" an der Ostsee, frühstückt ansonsten mit seiner kleinen Tochter und bringt sie jeden Tag zum Kindergarten. "Ich hab' genug Geld verdient, so, wie mein Leben momentan ist, gefällt es mir."

Arbeit soll Spaß machen

Oder Christine Novakovic, vormals Licci (42): Nach Blitzkarriere bei Citibank und HVB abgetaucht, seit Kurzem verheiratet und am Zürichsee privatisierend. Zukunftspläne: nicht aktenkundig.

Die 40-Jährigen verweigern sich der Karriere um jeden Preis. Wichtiger als Geld und Hierarchien ist vielen die Optimierung des eigenen Lebens, Arbeit soll Spaß machen und interessant sein. Ist sie das nicht, macht man halt sein eigenes Ding, wie Tim Renner (42), Ex-"Wunderkind" der deutschen Musikindustrie. Anfang 2004 warf er entnervt seinen Job als Chef von Universal Music Deutschland hin und baut seither in der Nische einen Musiksender auf. "Das System eines Großkonzerns schränkt einen wahnsinnig ein, man hat sehr wenig Handlungsspielraum", klagte Renner.

Geprägt vom libertären Geist der 70er und dem Wohlstand der 80er, folgen die 40-Jährigen einem ichbezogenen Lebensideal: Auf dem Soundtrack der eigenen Biografie vorspulen oder ein Lied überspringen, wenn's langweilig oder schweißtreibend wird. "Gesucht wird ein Leben ohne Festlegungen oder Konsequenzen, ohne Risiken und die Mühsal der Entwicklung", sagt Stephan Grünewald, Geschäftsführer von Rheingold.

Das Kölner Forschungsinstitut hat für manager magazin 200 mehrstündige tiefenpsychologische Interviews mit Managern um die 40 ausgewertet. Ergebnis: Anders als ihre Vorgänger, die sehr konsequent, zuweilen auch starr und herrisch ihre Visionen verfolgten, sind die Jüngeren zwar flexibel und dynamisch, gleichzeitig aber orientierungslos oder unfähig zur langfristigen Identifikation mit ihrem Unternehmen.

"Absolute Wahlfreiheit und das Verschwinden vorgegebener Karrieremuster führen zu dem Gefühl, alles erreichen zu können und dabei am besten keine persönlichen Freiheiten dem Job opfern zu wollen", sagt Grünewald. Die Folge ist eine beinahe panische Angst der 40-Jährigen vor Festlegung, im Berufs- wie auch im Privatleben: häufige Jobwechsel, immer späteres Heiraten; das Alter, in dem Kinder - wenn überhaupt - gezeugt werden, steigt.

Immerwährendes "so on"

Diese Kombination aus Unverbindlichkeit und Konsumfreude ist das Erbe ihrer Jugend, die sich mit einem Wort beschreiben lässt: stabil. Dauerkanzler Helmut Kohl, Kalter Krieg, Nena, Wählscheibentelefone und zauberhafte Abendunterhaltung mit "Dalli-Dalli". Soziologe Bude nennt das "ein scheinbar immerwährendes 'so on'". Dazu der Wertewandel der 70er, "der Selbstentfaltung gegenüber materiellen Erfolgen betonte", so Steffen Hillmert von der Universität Bamberg.

So glaubt die Generation Klinsmann vor allem an die Selbstverwirklichung - und daran, dass sie sich den Kult ums Ego leisten kann. Schließlich ging es lange immer nur bergauf - Ölkrise und Beginn der Massenarbeitslosigkeit zum Trotz. "Die Auswirkungen auf die Berufschancen von Akademikern waren minimal", sagt Hillmert, der eine "Lebensverlaufsstudie" des 64er-Geburtsjahrgangs verfasst hat.

Zumal die Wirtschaft Anfang der 90er boomte, als sich die heute 40-Jährigen mit 26, 27 um ihre ersten Jobs bewarben. "Über Karrierechancen haben wir uns keine großen Gedanken gemacht", sagt Thomas Bockholdt (42), Partner der Hamburger Personalberatung MR GmbH, "wir waren sicher, dass es schon klappen würde."

Geld war für diese Generation nicht mehr überlebensnotwendig, das hatten ja schon die Eltern verdient. Bis 2010 wird nach einer Studie der Dresdner Bank eine Billion Euro an die "Erbengeneration" weitergereicht, rund 200 Milliarden jährlich.

Derart gepampert, kann es sich mancher um die 40 leisten, sich jobmäßig nicht zu überanstrengen. Wie der Düsseldorfer Unternehmensberater, der seinen Namen nicht nennen will: Aus reichem Haus, mit 43 noch nicht mal Projektleiter, macht er gern pünktlich um 18 Uhr Schluss und kümmert sich um seine Tochter: "Ich weiß, dass ich später viel erben werde." Es fehlt der Leidensdruck, der Leistungsdruck erzeugt.

Und wenn sie doch hart arbeiten müssen, soll wenigstens der Spaßfaktor nicht zu kurz kommen. "Die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit spielt heute eine viel größere Rolle als vor 15 Jahren", sagt Managementcoach Dorothee Echter. "Aufstieg und Gehalt sind den meisten weniger wichtig als ein interessanter Job", meint der Kölner Personalberater Claus-Peter Sommer.

"Einfach anders programmiert"

Er meint Leute wie Markus Boll (41, Name von der Redaktion geändert), Leiter Rechnungswesen eines großen Mineralölunternehmens in Hamburg. Umsatz im zweistelligen Milliardenbereich, knapp 4000 Mitarbeiter. Weil Boll seinen Job gut macht, bekam er diverse Angebote als Geschäftsführer oder Vorstand - die er bislang alle ablehnte. "Mir gefällt die Vielseitigkeit, das Internationale hier.

"Ich definiere mich nicht über Hierarchien", sagt er, "ich kann mir gut vorstellen, mein Arbeitsleben in der zweiten Reihe zu verbringen." Boll verdient gut 200.000 Euro. Er hat geregelte Arbeitszeiten, seine Frau arbeitet als Controllerin ebenfalls in Hamburg, sie haben ein Haus. "Nur für einen tollen Titel und ein paar Euro mehr bin ich nicht bereit, jedes Opfer zu bringen."

Die 40-Jährigen sind die erste Generation, die ernsthaft die Frage nach Work-Life-Balance stellt. Der Vater, der blindlings bis 65 durchrackerte und dann vom Herzinfarkt gestoppt wurde, hat als Vorbild ausgedient. In einer Umfrage der Agentur Euro RSCG Worldwide stimmten nur 13,6 Prozent der Deutschen der Aussage zu, Arbeit sei "der Mittelpunkt meines Lebens und wichtigste Quelle für meine Zufriedenheit".

"Die sind einfach anders programmiert. Wir haben uns nicht getraut, das Leben so zu genießen, die 40-Jährigen von heute können das eher", sagt Friedrich-Leopold von Stechow, der seit vielen Jahren die Kandidaten für die Baden-Badener Unternehmergespräche auswählt, einen elitären Nachwuchszirkel des deutschen Topmanagements. "Immer häufiger nehmen Führungskräfte Sabbaticals oder arbeiten Teilzeit, vor allem im Mittelmanagement", sagt Kienbaum-Norddeutschland-Chef Karl Bosshard, "das wäre für die Generation davor noch undenkbar gewesen."

Christian Schmidt (44) sieht so gar nicht nach Aussteiger aus. Anzug mit Fischgrätmuster, kurze Haare, edle Uhr, Pilotenkoffer. Jurist Schmidt war mit 29 Hauptabteilungsleiter einer Chemiefirma, ging mit 32 zur Boston Consulting Group (BCG). Eines Morgens explodierte sein dumpfes Unbehagen über ein zu einseitiges Leben, und er sagte sich: "So geht es nicht weiter." Schmidt kündigte, ließ sich scheiden und ging in ein tibetisches Kloster. Und danach ein Jahr nach Indien, "um mir klar zu werden, was ich im Leben erreichen möchte".

Ruhe und Zeit für die Familie

Inzwischen hat er sich mit einer Mischung aus Personal- und Unternehmensberatung selbstständig gemacht, verdient damit so viel wie ein Partner bei BCG, arbeitet aber nur drei Tage pro Woche. "Den Rest der Zeit lebe ich, lese Zeitung, treibe Sport, nichts Spektakuläres, nur alles viel ruhiger", sagt Schmidt.

Ruhe und Zeit mit der Familie waren exakt das, was auch Michael Heinzel (39) nach fast neun Jahren als Unternehmensberater vermisste. Als Mitglied der Geschäftsleitung verpasste er immer öfter Geburtstage und Veranstaltungen im Kindergarten seines kleinen Sohnes, und als das zweite Kind unterwegs war, wollte er verhindern, dass sich die Geschichte wiederholte.

Anfang des Jahres nahm er ein Jahr Auszeit, ging mit der Familie nach Neuseeland und reist mit dem Wohnmobil durch das Land oder lebt im Häuschen am Strand. Was nach dem Jahr kommt, weiß Heinzel noch nicht, vielleicht zurück nach Deutschland, vielleicht eine Firma in Neuseeland gründen. Nur eines ist sicher: "Keine klassische Beratung mehr. Ich arbeite gern viel, aber ich will nicht mehr so viel unterwegs sein."

Schmidt und Heinzel haben die klassischen Karrieremuster durchbrochen, ohne dabei zu Freaks mit selbst gestrickten Socken auf der Schafsfarm zu mutieren. Sie haben nur konsequent zu Ende gebracht, was so typisch ist für ihre Altersgenossen: Analytisch geschult, kalkulieren sie permanent den Grenznutzen zwischen Berufs- und Privatleben, sie optimieren ihre Lebenszeit.

Nur die wenigsten tun dies mit einem klaren Schnitt wie Schmidt und Heinzel. Ein erklecklicher Anteil gerade der Mittelmanager um die 40 bewerkstelligt diese Optimierung wesentlich unauffälliger. "Die arbeiten ihr Pflichtpensum ab, aber keinen Schlag mehr", sagt Hermann Sendele, Münchener Personalberater für Topführungskräfte. Er spricht kritisch von "beruflich durchschnittlicher Güteklasse" und "Freizeitoptimierern": "Die haben ein ordentliches Gehalt und pflegen zeitintensive Hobbys. Wenn sie aufsteigen, verdienen sie zwar mehr, müssen aber brutalen Einsatz bringen, und das schöne Leben ist weg."

Kürzlich analysierte ein Münchener Unternehmen die Arbeitszeitkonten der Mitarbeiter. Der Vorstand war baff: Ausgerechnet die zweite bis vierte Führungsebene, die Leistungsträger der Firma, hatte Gleitzeiten und Urlaubstage mit beinahe religiöser Inbrunst sauber abgearbeitet. Kienbaum-Mann Bosshard sagt: "Viele haben sich mit ihrer Mittelposition arrangiert, die brennen nicht mehr. So bleibt ihnen mehr Raum für die Organisation ihres Privatlebens."

Die Frauen an ihrer Seite

Denn das ist in den vergangenen Jahren gerade für Männer ziemlich kompliziert geworden. Sie sind die erste Generation, in der gut ausgebildete Frauen nicht mehr Gefährtin und Trophäe sind, sondern Partnerin und Konkurrentin. "Früher wurde privat außer einem Theaterbesuch alle drei Monate wenig vom Mann erwartet, heute hat er Probleme, den Ansprüchen von Beruf und Privatleben gleichzeitig gerecht zu werden", sagt Thomas Gesterkamp, Männerforscher und Autor des Buchs "Die Krise der Kerle".

Weil sich erster Job und erstes Kind bei Akademikern immer weiter nach hinten verschieben, "fühlen sich viele Männer in der Mitte des Lebens überfordert", sagt Gesterkamp: "Entscheidende Karriereschritte und Familiengründung müssen sie zeitgleich in einem schmalen Zeitfenster bewältigen."

Es geht ihnen wie Rainer Norden (Namen von der Redaktion geändert). Der Manager aus Ostwestfalen-Lippe erhielt ein Angebot als Geschäftsführer eines mittelständischen Dienstleisters in Frankfurt am Main, inklusive Gehaltsverdoppelung auf 500.000 Euro. Norden ging nach Frankfurt, machte den Job hervorragend - und kündigte nach einem Dreivierteljahr. Der Grund: Frau und Tochter weigerten sich, nach Frankfurt zu ziehen. Norden kehrte zurück ins Ostwestfälische, macht heute einen deutlich schlechter bezahlten Job. "Solche Fälle haben in den vergangenen Jahren extrem zugenommen", sagt Kienbaum-Berater Bosshard, "gute Akademiker kriegen Sie nur noch im Doppelpack."

Es ist nicht mangelnde Leistungsbereitschaft, über die Headhunter und Chefs quer durch die Republik klagen. Es ist die fehlende Flexibilität. "Selbst Topleute weigern sich mit Rücksicht auf Frau und Familie oft, umzuziehen oder zu pendeln. Das hat in den vergangenen Jahren weiter zugenommen", sagt Personalberater Thomas Bockholdt.

Nicht wenige 40-Jährige schrecken zudem vor dem Schritt in die erste Reihe zurück, wollen den gemütlichen Hafen des leitenden Angestellten nicht verlassen. "Der Wechsel vom Wohlstand in der Jugend zur Stagnation in den vergangenen Jahren, dazu der Crash der New Economy - da haben viele ein starkes Sicherheitsbedürfnis entwickelt", sagt Access-Chef Claus-Peter Sommer.

Vor der Jahrtausendwende nahm jeder zweite Kandidat, der von der Personalberatung Access angesprochen wurde, ein Jobangebot an. In den vergangenen fünf Jahren war es nur jeder vierte. Der Lieblingssatzanfang der 40-Jährigen, sagt denn auch Psychologe Grünewald, sei "Ja, aber ...": "Weil sie alles abwägen und relativieren, scheuen sie die Konsequenzen einer Entscheidung."

Eine Haltung, die auch die tägliche Arbeit vieler 40-Jähriger prägt. Die Personalberatung Egon Zehnder hat in den vergangenen fünf Jahren 30.000 Managerbeurteilungen durchgeführt. Beim Punkt "Veränderungskompetenz" erreichten keine zehn Kandidaten den Höchstwert, während er bei anderen Kriterien weit häufiger erzielt wurde.

Generation der Zauderer

Es ist eine Generation der Zauderer, der Abwarter und Abwäger. Alle haben die gleiche Ausbildung, analyse- und theorielastig. Alles wird in Formeln, Charts und Diagramme gegossen. Betriebstemperatur: lau. Den Markt sehen sie als Fluss und versuchen, mit Studien zu ergründen, wo die nächste Biegung kommt, hetzen dem vermeintlich nächsten Trend hinterher, um dann wie ein Surfer aufzuspringen. Den Fluss umleiten, Bauchentscheidungen, mal was auf die eigene Kappe nehmen - das ist die Denke der Vorgängergeneration.

"Die Manager um die 40 sind bestens ausgebildet, auch leistungswillig, aber ihre Stärke liegt im Rationalisieren, nicht im Erneuern", sagt Horst Wildemann, BWL-Professor an der TU München. So steigerten die 30 Dax-Konzerne allein 2005 ihre Gewinne um 30 Prozent auf 51 Milliarden Euro - durch Umstrukturierung und Sanierung. Ein deutsches Google, ein deutsches Ebay - bis auf SAP Fehlanzeige. "Die können aus wenig mehr machen, aber bauen nichts Neues auf", sagt Wildemann. Es sind Verwalter, keine Unternehmer.

So ist die Zahl der Firmengründungen in Deutschland 2005 um knapp 8 Prozent gesunken, auf 756.000. Und das sind vor allem Kleinstdienstleister - während die Gründungszahlen in der wichtigen Hightechbranche sogar um dramatische 16 Prozent einbrachen.

Bei den Patentanmeldungen belegt Deutschland einen Spitzenplatz hinter den USA - doch ob Fax, Handy, MP3-Player: Das Geld verdienen andere. Alt-Bundespräsident Roman Herzog trocken: "Wir haben in Deutschland ein Umsetzungsproblem." Den Managern um die 40, so Horst Wildemann, fehle oft Kreativität und Mut zum Risiko, sie kauften lieber eine (bereits erfolgreiche) Innovation ein, anstatt selbst zu entwickeln.

Eine Generation im Windschatten: "Manager dieser Altersgruppe agieren auf einer abstrakten, formalisierten Ebene, die zwar weltweite Verständigung ermöglicht, aber vom Verständnis der eigenen Unternehmenskultur entbindet", sagt Kulturforscher Grünewald.

Das lässt die 40-Jährigen stromlinienförmig erscheinen, uniform. Immer wieder wurde ihnen eingebimst, dass sie flexibel sein müssten, für jeden Job geeignet. Nun sind sie so flexibel, dass sie an Profil verloren haben, austauschbar geworden sind. Es sind Passepartouts.

Schon klagen Großkonzerne, dass durch ihre mühsam aufgebauten Talentmanagement-Programme immer der gleiche Typ nach oben gespült werde - der "brillante Opportunist", wie Zehnder-Deutschland-Chef Bernd Wieczorek ihn nennt: "Wer das Test- und Fördersystem am besten durchschaut, kommt auch eher gut durch. Aber das sind nicht diejenigen, die in einer dynamischen Realität nachhaltig die besten Ergebnisse bringen." Im Zehnder-Schema bedeutet das: Leistungsträger gibt es genug, es fehlen die Toptalente mit Querdenkerqualität. "Die 40-Jährigen perfektionieren Prozesse, sind aber viel zu wenig eigenverantwortlich engagiert", sagt Wieczorek.

Gelebte "Risikominimierung"

Von den Zauderern und Zögerern profitiert die Beraterbranche, denn die McKinseys und Bostons nehmen ihnen vorgeblich die Entscheidung ab und exkulpieren sie bei möglichen Fehlschlägen.

Entsprechend ist das Idol der 40-Jährigen - und zugleich ihr Menetekel - der Unternehmensberater: Er versteht und analysiert alles, entscheidet aber nichts und übernimmt erst recht weder Verantwortung noch Risiko. Fehlende Visionen oder Selbstzweifel gleicht er durch eine Flut von Pseudo-Entscheidungen aus, ein kleinschrittiges Reagieren auf Einzelereignisse - das aber immer unter Hochdruck. Von "rasendem Stillstand" spricht Experte Grünewald.

Natürlich gibt es in dieser wie in jeder Generation ein leistungsstarkes und risikobereites Top-End. Leute wie Alan Hippe (39), Finanzvorstand bei Continental, MLP-Chef Uwe Schroeder-Wildberg (41) oder Nikolaus Mohr (43), Geschäftsführer bei Accenture, der von sich selbst sagt, dass "ich sicherlich hier und da Abstriche im privaten Bereich machen muss, da es mein klares Ziel ist, in der ersten Reihe zu stehen".

Es sind Menschen wie Torsten Ahlers (40), ein jungenhafter Ralf-Bauer-Typ, der gern lacht und als Mitglied der Deutschland-Geschäftsführung das Inhaltegeschäft von AOL verantwortet. Nach Banklehre, BWL-Studium und Trainee bei Axel Springer hätte er einen Job in der "Bild"-Verlagsleitung haben können.

Doch Ahlers ging lieber in den sich gerade entwickelnden Internetbereich, wurde mit 34 Geschäftsführer bei Tomorrow Internet. Als das einigermaßen lief, nahm er eine Position im Vertrieb von AOL an - damals ein Himmelfahrtskommando, vor dem ihn alle warnten: "Aber Jobs zu machen, die mich vielleicht überfordern, setzt bei mir unglaubliche Energien frei."

Doch Leute wie Ahlers und Mohr zählen sich selbst zu einer Minderheit in ihrer Generation. Das Problem der 40-Jährigen sind deshalb auch nicht die Vorstände und Geschäftsführer, es sind die zwei, drei Ebenen darunter.

Diejenigen, die sich dem Stress des Unternehmertums verweigern, weshalb laut einer aktuellen Studie von PricewaterhouseCoopers mehr als die Hälfte der deutschen Familienunternehmen in der nächsten Generation zum Verkauf steht. Die, deren Lieblingsworte "Risikominimierung" und "Controlling" lauten, die alles doppelt und dreifach mit Unterschriften und "Save-my-Ass-Mails" absichern. Die lieber lange analysieren, anstatt zu entscheiden, und dann bei Flops mit den Schultern zucken: "Aber das hat doch so gut getestet ...?"

Torsten Ahlers hat immer den anderen Weg gewählt. Wo andere ausgebüxt sind, suchte er mit voller Absicht das Risiko. Er sagt: "Ich habe mich weiterentwickelt, weil ich bewusst Jobs angenommen habe, die anderen zu gefährlich waren." Es ist dieser Mut, der zu vielen seiner Altersgenossen fehlt.

Verwöhnten-Blog: Satte Manager ohne Biss?

Mehr lesen über Verwandte Artikel