Dienstag, 17. September 2019

SEB Mit eiserner Hand

5. Teil: "Sein, nicht scheinen"

Marcus Wallenberg, der mit seiner eher spröden, zurückhaltenden Art das Familienmotto "Esse, non videri" ("Sein, nicht scheinen") perfekt verkörpert, kann seiner obersten Angestellten nahezu permanent auf die Finger schauen. Beide Büros sind durch eine Tür miteinander verbunden; ein Bullauge macht es dem Chefaufseher möglich, mit einem kurzen Blick ins Nebenzimmer festzustellen, ob die SEB-Frontfrau am Schreibtisch sitzt.

Gelernter Investmentbanker: Aufsichtsratschef Marcus Wallenberg
Annika Falkengren nimmt es gelassen. Dass die Bank mit den Wallenbergs einen langfristig orientierten Großaktionär hat, empfindet sie als Vorteil. "Nur von einem Quartal zum nächsten zu schauen ist extrem ungesund." Mit den Eigentümern verbinde sie ein gutes Arbeitsverhältnis, mehr nicht.

Hinterzimmerpolitik, Jetset-Treffen, Talkshow-Auftritte - Terminen dieser Art geht die Bankchefin und junge Mutter aus dem Weg, so gut sie kann. Dazu fehlt ihr die Zeit. Abends arbeitet sie lange in der Bank, und eigentlich, so sagt sie, finde sie es gut, wenn ihre Tochter häufig morgens um fünf Uhr aufwache. "Dann haben wir viel Zeit, miteinander zu spielen." Danach geht es wieder in die Bank, nur ein paar Minuten entfernt von der Stockholmer Wohnung.

Meist kümmert sich ihr Ehemann Ulf Falkengren um das gemeinsame Kind; er lässt seine leitende Position in der Bank für eine Babypause ruhen.

"Sind Sie ein Vorbild für Managerinnen, Frau Falkengren?"

Da zuckt die SEB-Chefin zusammen, nein, als leuchtendes Beispiel will sie nicht gesehen werden. "Ich habe eine vernünftige Work-Life-Balance gefunden." Ob das aber auch bei jemand anderem funktioniere, wisse sie nicht.

Natürlich meint sie, dass mehr Frauen in Führungspositionen kommen müssten; der Anteil liegt im angeblich so fortschrittlichen Schweden gerade mal bei 30 Prozent, nur knapp vor Deutschland (26 Prozent). Annika Falkengren versucht das bei der SEB zu ändern, indem sie bei Beförderungen nachfragt, ob sich nicht auch eine Frau für den Job eigne. "Die wird dann vielleicht beim nächsten Mal berücksichtigt", hofft sie.

Eine gesetzliche Quotenregelung wie in Norwegen - die Regierung in Oslo schreibt börsennotierten Unternehmen vor, mindestens 40 Prozent der Toppositionen mit Frauen zu besetzen - hält sie aber für falsch. "Weiblichen Führungsnachwuchs aufzubauen braucht Zeit. Die Managerinnen müssen sich im Tagesgeschäft beweisen."

Bis sich das auch in einem höheren Frauenanteil im SEB-Stammhaus am Stockholmer Kungsträdgårdsgatan niederschlägt, ist es ein weiter Weg, gibt Annika Falkengren zu. Wenigstens hat sie, wenn alles gut geht, noch viele Jahre, um die Bank zu formen. "Meine Perspektive als CEO ist langfristig. Fünf bis zehn Jahre wären vernünftig."

© manager magazin 9/2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung