Geschäftsberichte "Zunehmend offener"

Christian Strenger, Anlage-Experte und Mitglied der mm-Jury, fordert von den Unternehmen bessere Orientierung an den Interessen der Anleger.

mm:

Herr Strenger, fast 25 Prozent aller vom manager magazin getesteten Geschäftsberichte erhielten in diesem Jahr das Jury-Urteil "mangelhaft". Wie wirkt ein schlechter Geschäftsbericht auf Sie als professionellen Anleger?

Strenger: Er macht einem die Arbeit schwerer, man ärgert sich. Gibt es gravierende Mängel, kann ein Geschäftsbericht durchaus einen Malus bei der Bewertung des betreffenden Unternehmens bewirken.

mm: Warum riskieren die Unternehmen den Ärger der Anleger?

Strenger: Absichtlich tut das sicherlich kein Manager. Viele sehen aber zu sehr durch die eigene Brille. Die vielen Interessengruppen innerhalb des Unternehmens tragen oft fast schon Hahnenkämpfe um eine Darstellung in ihrem Sinne aus: So möchte etwa der Vertrieb aus dem Geschäftsbericht am liebsten einen Werbeprospekt machen, die Personaler wollen eine Broschüre für Mitarbeiterakquisition. Am Ende wird dann meist ein strahlender Kollege aus fernen Landen oder die neueste Gelenkwelle abgebildet, die beide für Anleger natürlich einen äußerst begrenzten Informationswert besitzen.

mm: Die gute Nachricht für Investoren: Deutsche Geschäftsberichte werden immer besser. Im Vergleich zum Vorjahr ist das Niveau der von mm getesteten Reports deutlich gestiegen. Zeigt der Druck der Kapitalmärkte Wirkung?

Strenger: Druck der Kapitalmärkte klingt so, als würden kaltschnäuzige Fondsmanager rücksichtslos brisante Informationen verlangen. Aber so ist es ja nicht. Wir, die Kapitalgeber, fordern nur eine Selbstverständlichkeit ein, nämlich ordentlich informiert zu werden. Und wir betrachten es in der Tat als unser Verdienst, dass die Firmen in dieser Hinsicht zunehmend offener werden.

mm: Was erwarten Sie von einem guten Geschäftsbericht?

Strenger: Qualität und Quantität natürlich, vor allem aber: gezielte Informationen über die Ergebnisse in den einzelnen Geschäftsbereichen, Daten zur strategischen Ausrichtung, Renditeerwartungen und konkrete Aussagen zur zukünftigen Entwicklung.

mm: Prognosen, Segmentberichterstattung, Strategie. Das sind genau die Bereiche, bei denen sich die Unternehmen laut mm-Untersuchung besonders zugeknöpft geben.

Strenger: Firmen, die so denken, müssen mit den Konsequenzen leben. Eigentlich müsste ihr Ziel sein, die Aktionäre ­alte wie neue ­ bei Laune zu halten. Dann kaufen die Anleger die Aktie, der Kurs steigt also, und die Kapitalkosten für das Unternehmen sinken. Eine wichtige Aufgabe des Geschäftsberichts ist es, beim Anleger ein Gefühl der Verbundenheit mit dem Unternehmen zu erzeugen. Dann wird der Investor auch in schlechteren Zeiten bei der Stange bleiben, die Aktie langfristig halten. Gelingt das nicht, wird sich das auf Dauer im Aktienkurs bemerkbar machen.

mm: Hat ein Geschäftsbericht, der einmal im Jahr erscheint, im Zeitalter des Internet noch große Bedeutung?

Strenger: Er ist die Basis, der Eckpfeiler der Unternehmenskommunikation. Aber die laufende Betreuung der Investoren, Ad-hoc-Meldungen und Quartalsberichte, die in den USA ja schon lange Standard sind, werden auch hier zu Lande immer wichtiger.

mm: Amerikanische Geschäftsberichte gelten als vorbildlich. Sind sie tatsächlich so viel besser als die deutscher Unternehmen?

Strenger: Nein, so generell stimmt das nicht mehr. Deutsche Berichte sind oft ausführlicher und in der Darstellung der strategischen Ausrichtung besser. Die Erstplatzierten des mm-Wettbewerbs etwa ­ Daimler-Chrysler, Veba oder Bayer - sind den US-Reports in vielerlei Hinsicht überlegen.

Verwandte Artikel