Shanghai Wunder-Bar

Der deutsche Medienmanager Ekkehard Rathgeber führt durch sein Shanghai. Für ihn ist es "die verrückteste Stadt der Welt", die auf schnellem Weg zu alten, sündigen Zeiten ist.

Dongtai Lu, die Antiquitätenstraße in Shanghai. Hier steht Bude an Bude, alle sind ordentlich durchnummeriert. Sobald man ein Objekt der Begierde auch nur in Augenschein nimmt, erheben sich die Verkäufer von ihren Stühlchen und sagen allen Ernstes: "old, very old".

Ekkehard Rathgeber hat an Bude 38 zugegriffen. Er begutachtet einen Porzellanteller. Die Verkäuferin sagt auf Englisch: "Ming Dynasty". Soll heißen: sehr alt, sehr teuer. Rathgeber antwortet auf Chinesisch: Bu shi. Das heißt ziemlich frei übersetzt: Wer's glaubt.

Rathgeber glaubt es nicht. Er läuft weiter. Die Verkäuferin schreit Zahlen hinter ihm her, die - je weiter sich Rathgeber entfernt - immer kleiner ausfallen. Doch er will heute nichts kaufen. "Die Sachen sind oftmals sehr gut gefälscht", sagt er. Deshalb kommt er öfter in die Dong Tai Lu und kauft ein "Antiquitäten"-Schnäppchen.

Ekkehard Rathgeber (40) kennt die Verhandlungsrituale. Seit elf Jahren arbeitet er in Shanghai, erst für Bertelsmann, nun für das Hongkonger Konglomerat Hutchison Whampoa. "Das ist die spannendste und verrückteste Stadt der Welt", sagt er. Shanghai ist keine fertige Metropole wie Hongkong, New York oder Sydney. Shanghai ist eine Metropole im Entstehen. Sie verändert sich rapide. Überall wird abgerissen und neu aufgebaut. Jede Woche eröffnen neue Shops und neue Restaurants.

Rathgeber sitzt zum Lunch im "Laris", einem der vornehmeren und etablierteren Restaurants. Es liegt am Bund, der Vorzeigepromenade Shanghais. Hier am Fluss stehen die schönen klassizistischen Gebäude, von denen bislang drei zu schicken Konsumtempeln umgestaltet wurden: Three on the Bund, M on the Bund und Bund 18.

Alle drei haben tolle Restaurants, Bars und Terrassen mit einem genialen Blick über den Fluss hinüber auf die Postkarten-Skyline von Pudong. "Hier am Bund kann man sehr gut einen Abend verbringen", sagt Rathgeber. Zum Beispiel edel speisen im "Jean-Georges" (Three on the Bund) und anschließend zum Trinken in die etwas ruhigere "Glamour Bar" (M on the Bund) oder die stets überfüllte "Bar Rouge" (Bund 18).

Hier treffen sich die Expat-Community der ausländischen Wirtschaftsleute und die neureichen Chinesen. Hier kreisen an der Bar Champagnerpullen, und auf den Tischen stehen Whiskyflaschen - natürlich zu Preisen auf Westniveau.

Moloch und "Wiener Mädl"

Ähnlich ist es in Xintiandi, dem anderen Nobelviertel der Stadt, wo sich schicke Bars, Restaurants und Shops befinden. Xintiandi ist das Symbol für das neue, supermoderne Shanghai.

Wenn Rathgeber chinesisch essen will, geht er weder an den Bund noch ins Xintiandi, sondern er fährt woanders hin. Zum Beispiel ins "1221" an der Yanan Xi Lu 1221. Es ist eines der besten chinesischen Restaurants der Stadt. Es ist eng bestuhlt, und es ist laut. Typisch chinesisch eben.

Das "1221" bietet überwiegend Shanghai-Küche. Sie ist freilich nicht jedermanns Geschmack. Zu fettig, zu ölig sei sie, nörgeln manche. Trotzdem rät Rathgeber zur Kostprobe folgender Shanghaier Spezialitäten: Schweinshaxe, Hairy Crabs (mit Eiern, Spargel oder Tofu) und Teigtaschen (xiao long bao).

Die Teigtaschen liebt er über alles. "Perfekt sind sie, wenn der Teig sehr dünn und die Füllung suppig ist", sagt er. Dazu trinkt er Reiswein, am besten aus Shaoxing - er sollte mindestens drei Jahre alt sein.

Rathgeber isst fast nur chinesisch, auch wenn es in Shanghai inzwischen alle Küchen dieser Welt gibt, darunter in den drei Paulaner-Brauhäusern sogar die deutsche. Doch er meidet diese Gasthöfe, wo Chinesinnen in Dirndln sündhaft teures Bier servieren.

Bei Heimweh verzieht er sich lieber ins "Vienna Café". "Ein ganz süßes Café", sagt Rathgeber, der dort öfter Gugelhupf isst. Der Chef ist Wiener, die Kellnerin ist Wienerin, und die chinesischen Bedienungen tragen schwarze T-Shirts mit dem Aufdruck "Wiener Mädl".

Das "Vienna Café" ist - wie übrigens auch der daneben liegende Old China Hand Reading Room - eine der wenigen Oasen der Ruhe in dieser hektischen Metropole. In Shanghai ist es immer laut, fast überall herrscht Gedränge. "Mal eben ins Grüne fahren geht hier nicht", sagt Rathgeber. Man ist irgendwie gefangen in diesem Moloch von 16 oder wie viel auch immer Millionen Menschen.

So sucht jeder seine kleinen Fluchten. Auch Rathgeber. Der Ruijin Park im französischen Viertel ist für ihn so eine grüne Oase. Dort gibt es zwei Restaurants (indisch und thailändisch), aber vor allem die Bar "Face", die besonders am späten Nachmittag vor dem großen Ansturm ihren Reiz hat.

Oder er geht ins "Bali Laguna" in der Nähe des "Hilton". In dem indonesischen Lokal - an einem Teich im Jing An Park gelegen - sitzt er gern draußen.

Schnapsidee und Paradies

Und häufiger flüchtet Rathgeber auch in Kulturstätten. Ein Muss - sagt er - ist das Shanghai-Museum, sicher das schönste seiner Art in China. Ebenso das Stadtplanungsmuseum mit seinen gigantischen Reißbrettmodellen vom Shanghai der Zukunft. Beide liegen am People's Square mitten in der Stadt.

Etwas 20 Autominuten entfernt Richtung Norden liegt das seit zwei Jahren wuchernde Kulturviertel an der Moganshan Lu. Dorthin schleicht Rathgeber mit seinem nagelneuen Toyota.

An fast jeder Kreuzung herrscht trotz Ampeln Chaos. Zentimeter für Zentimeter muss sich Rathgeber vorkämpfen. Er kennt die ungeschriebenen Gesetze des Straßenverkehrs, die für Außenstehende freilich nicht erkennbar sind.

Deshalb sollte niemand auf die Schnapsidee kommen, hier ein Auto zu mieten. Taxifahren ist allemal billiger (kostet nie mehr als zwei bis drei Euro) und sicherer, auch wenn man manchmal angesichts der unorthodoxen Fahrweise reflexartig die Augen schließt.

Unversehrt kommt Rathgeber an der Moganshan Lu an. Hier, wo sich früher kein Taxifahrer hintraute, haben sich in alten Lagerhallen mehrere Ateliers, Galerien und kleine Cafés eingenistet. Rathgeber schlendert durch die Hallen voll zeitgenössischer chinesischer Kunst und urteilt anerkennend: "Hier hat sich eine interessante Kunstszene entwickelt."

Shanghai ist hip. "Shanghai erlebt langsam eine Renaissance der sündigen 20er und 30er Jahre", sagt Rathgeber. Bars, Discos, Kneipen sprießen im Wochenrhythmus aus dem sumpfigen Boden. Rathgebers Lieblingsbar ist im "People 7" mit seinem avantgardistischen Design. Dort ist es sehr dunkel und sehr ruhig.

Noch ist es früh am Abend. In Shanghai geht es erst nach 22 Uhr los. Aber dann richtig. "Gehen Sie dann als Mann allein aus, haben sie 30 Frauen um sich herum", übertreibt Rathgeber etwas. Bevor jedoch dieser paradiesische Zustand eintritt, zahlt Rathgeber und fährt nach Hause. Zu seiner Frau Doris. Die ist schwanger.

Rathgebers Insider-Tipps

Rathgebers Tipps

"1221", 1221 Yanan Xi Lu, Tel.: 62 13 65 85. Von den Lesern des "That's"-Magazins zum besten chinesischen Restaurant gekürt. Abendessen für zwei Personen circa 25 Euro (mit Getränken).

"Jean-Georges", Three on the Bund, Tel.: 63 21 77 33. Edles französisches Restaurant mit Blick auf Bund und Pudong, Essen pro Person circa 80 Euro.

"Laris", Three on the Bund, Tel.: 63 21 99 22. Zwei Etagen über dem "Jean-Georges", aber eine Preisklasse darunter. Der österreichische Chef bevorzugt Fusion-Küche.

"Vienna Café", 25 Shaoxing Lu, Tel.: 64 45 21 31. Ruhiges Café mit allen Wiener Kaffeespezialitäten und Kuchen.

"Bali Laguna", 189 Huashan Lu (im Jing An Park),
Tel.: 62 48 69 70. Bar und indonesisches Restaurant direkt an einem kleinen See.

"Bar Rouge", 18 Zhongshandongyi Lu (Bund),
Tel.: 63 39 11 99. Die angesagteste Bar der Stadt.

"Face", 118 Ruijin Lu, Tel.: 64 66 43 28. Bar in der grünen Idylle des Ruijin Parks.

"Glamour Bar", 20 Guangdong Lu, Tel.: 63 50 99 88. Tolle Terrasse mit Blick über den Bund.

"People 7", 805 Julu Lu, Tel.: 54 04 07 07. Lange Bar in einem tollen Ambiente.

Dongtai Lu, Straßenantikmarkt, viele Fakes, Preise sind Verhandlungssache, bis Sonnenuntergang geöffnet.

Moganshan Lu, Künstlerviertel mit vielen Ateliers und Galerien.

Shanghai Museum, am People's Square,
Sonntag bis Freitag 9 bis 17 Uhr, Samstag 9 bis 19 Uhr, www.shanghaimuseum.net .

Stadtplanungsmuseum, am People's Square,
täglich 9 bis 16 Uhr, www.supec.org .

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