Haftung Auf eigene Gefahr

Härtere Gesetze, aggressive Aktionäre und ambitionierte Staatsanwälte - nie war das Risiko für Führungskräfte so groß, für unternehmerische Schieflagen zur Kasse gebeten zu werden.

Die Karriere von Reinhard Mertz (Name von der Redaktion geändert) zeichnete sich viele Jahre lang vor allem durch zwei Dinge aus: Ruhe und Sicherheit. Sein Job als Leiter des Rechnungswesens einer großen Hotelkette war alles andere als turbulent, das Gehalt fiel mit rund 6000 Euro im Monat ganz ordentlich aus.

Die Ruhe verabschiedete sich aus Mertz' Alltag, als die Hotelkette beschloss, eine Reihe von Restaurants in Flughäfen und Bahnhöfen aufzubauen. Der Buchhalter mutierte zum Geschäftsführer der Gastrotochter. Er mietete Räume, suchte Mitarbeiter - alles zusätzlich zu seinem Hauptjob und ohne einen Cent mehr Gehalt. Als die Restaurants rote Zahlen schrieben und die Kette dichtgemacht werden musste, war es im Leben des Reinhard Mertz auch mit der Sicherheit vorbei.

Sein Arbeitgeber will sich das verlorene Geld von seinem Ex-Geschäftsführer zurückholen und verklagte Mertz auf Schadensersatz. Der lapidare Vorwurf: Der Mann habe zu große Räume angemietet. Es geht um sieben Millionen Euro, mehr als das Tausendfache seines Bruttomonatsgehalts. Nun verhandelt das Frankfurter Landgericht über die finanzielle Existenz des einstigen Buchhalters.

Markus Klein (Name von der Redaktion geändert) verhedderte sich in den Schlingen des Insolvenzrechts. Der Geschäftsführer einer mittelständischen Tochterfirma irgendwo in Baden-Württemberg führte auf Weisung seiner Gesellschafter jahrelang fleißig Gewinne an den Mutterkonzern ab - und fühlte sich auch dann noch an diese Regelung gebunden, als er von der bevorstehenden Pleite des Konzerns erfuhr. Weil er die Zahlungen nach Meinung des Insolvenzverwalters sofort hätte stoppen sollen, muss er sich nun mit einer Schadensersatzklage herumschlagen.

Und Bernd Achs (Name von der Redaktion geändert) droht eine Nachlässigkeit zum Verhängnis zu werden. Als der Geschäftsführer einer kleinen Maschinenbaufirma auf der Suche nach einem Controller war, ließ er sich vom perfekten Auftritt eines Kandidaten einlullen. Verbindliches Wesen, Topzeugnisse, erstklassige Präsentation. Achs stellte den jungen Mann vom Fleck weg ein und gab ihm Prokura.

Erst als sich die örtliche Sparkasse zwei Monate später erkundigte, warum der neue Controller regelmäßig so viel Bargeld vom Firmenkonto räumen würde, kamen Achs erste Zweifel. Zu diesem Zeitpunkt waren aber bereits mehrere hunderttausend Euro verschwunden.

Die Situation eskalierte. Zuerst setzte Achs seinen einstigen Hoffnungsträger, gegen den die Staatsanwälte bereits wegen eines anderen Untreuedelikts ermittelten, vor die Tür. Anschließend wurde er selbst gefeuert und auf Schadensersatz verklagt, weil er es versäumt hatte, bei der Einstellung ein polizeiliches Führungszeugnis des Controllers anzufordern.

Führungskräfte im Alarmzustand

Drei Fälle von vielen hundert, die Deutschlands Führungskräfte in einen nervösen Alarmzustand versetzen. Nie war die Gefahr für Vorstände und Geschäftsführer größer, von ihrem Unternehmen, von Geschäftspartnern oder von aufmüpfigen Anlegern auf Schadensersatz verklagt zu werden. Nie war das Risiko höher, mit dem eigenen Vermögen für betriebliche Schieflagen geradestehen zu müssen. Die Summen bewegen sich schnell in siebenstelliger Größenordnung; einstmals bestens verdienenden Topmanagern droht im schlimmsten Fall die private Insolvenz.

"Selbst wenn es nicht bis zum Äußersten kommt, kaum ein Manager übersteht es unbeschadet, wenn Presse, Richter und womöglich sogar Staatsanwälte über Wochen und Monate hinweg sein Berufsleben sezieren", sagt der Frankfurter Manageranwalt Peter Rölz: "Irgendwann hilft es den Betroffenen nicht einmal mehr, wenn sich die Vorwürfe als haltlos herausstellen."

In manchen Dax-Konzernen hat es sich nach dem Abgang eines Vorstands sogar eingebürgert, dass Hausjuristen das berufliche Wirken des Topmanagers routinemäßig auf Haftungsrisiken durchleuchten. Stoßen die Revisoren dabei auf belastendes Material, kann es sehr schnell richtig teuer werden.

So könnten den ehemaligen VW-Personalvorstand Peter Hartz im Zusammenhang mit den von ihm abgezeichneten Lustreisen der Konzernbetriebsräte Schadensersatzforderungen von 2,5 Millionen Euro erwarten. Jürgen Sengera, Ex-Vorstandsvorsitzender der WestLB, und sieben weitere Ex-Vorstände sind gerade knapp einer 125-Millionen-Euro-Klage ihres einstigen Arbeitgebers entronnen.

Und Horst Alexander Spitzkopf, Ex-Vorstandschef der Allgemeinen Hypothekenbank Rheinboden (AHBR) wurde zusammen mit vier ehemaligen Vorstandskollegen von der AHBR wegen verlustreicher Zinsgeschäfte auf 251 Millionen Euro Schadensersatz verklagt. Ende Januar wurde ihnen in erster Instanz gerichtlich bestätigt, ordentlich gemanagt zu haben, doch die AHBR legte Berufung ein. Termin der mündlichen Verhandlung: Januar 2007. Ausgang: ungewiss.

Neue Gesetze, die geprellten Anlegern die Durchsetzung ihrer Ansprüche erleichtern sollen, bringen die Manager zusätzlich massiv unter Druck. "Mit der Verschärfung der Kapitalmarkt-Informationspflichten ist das Haftungsrisiko für Manager in den vergangenen Jahren erheblich gestiegen", urteilt der auf Anlegerklagen spezialisierte Münchener Anwalt Klaus Rotter.

Getäuschte Anleger können sich ihr Geld zwar auch nach der neuen Gesetzeslage nur vom Unternehmen zurückholen. Doch nach einem verlorenen Prozess muss der Aufsichtsrat den Vorstandfür den geleisteten Schadensersatz persönlich zur Kasse bitten.

Eine gefährliche Mischung

Und die Zahl der potenziellen Gegner, die jegliche Scheu verloren haben, Managern wegen angeblicher Fehler ins Portemonnaie zu greifen, wächst: Die Öffentlichkeit verfolgt das Gebaren der Führungskräfte mit einer gefährlichen Mischung aus Häme und Empörung, Staatsanwälte und Gerichte sind schneller mit Ermittlungsverfahren bei der Hand, Zulieferer und Konkurrenten haben die Justiz als Waffe entdeckt.

Auch aggressive Minderheitsaktionäre, die einen missliebigen Vorstand stürzen wollen, haben bessere Karten denn je. Sie brauchen vor Gericht nur zu argumentieren, eine geplante Transaktion habe den Interessen des Unternehmens geschadet, um den Vorwurf der Pflichtverletzung zu untermauern.

Auf solche Drohkulissen ist bereits eine stattliche Anzahl deutscher Topmanager gestoßen, sagt etwa der Stuttgarter Gesellschaftsrechtler Roderich Thümmel: "Wenn Hedgefonds böse Briefe schreiben, ruft mancher Vorstand schon panisch seinen Versicherer an."

Dabei sind Aktionärsklagen deutscher Provenienz nur ein müder Abglanz der juristischen Querelen, die Topmanagern derjenigen deutschen Konzerne drohen, die an der Wall Street notiert sind. Gewiefte Anwälte holen mit den gefürchteten Sammelklagen schon mal Millionensummen für ihre Mandanten heraus - zuweilen direkt aus den Taschen der betroffenen Vorstände, die nach amerikanischem Recht effektiver persönlich verklagt werden können.

Die meisten Haftungsrisiken für Deutschlands Manager lauern jedoch im Alltag: bei Insolvenzfällen, Entscheidungen von größerer finanzieller Tragweite, dem Risikomanagement sowie der Verantwortung für potenzielle Fehler tausender Mitarbeiter, die aus einem juristischen Konstrukt namens Organisationsverschulden hergeleitet wird.

Es sind beileibe nicht nur die prominenten Anführer großer Börsenwerte, die jeden Schritt und Tritt auf mögliche Risiken abklopfen müssen. Jeder Vorstand, jeder Geschäftsführer, jeder Prokurist eines kleinen Mittelständlers kann sich im Dickicht komplizierter Haftungsregelungen verheddern.

"Gesetzgeber und Gerichte verschärfen Schritt für Schritt die Haftungsrisiken. Für Manager wird die Luft immer dünner", sagt Alexander Mahnke von Aon Jauch & Hübener, Deutschlands größtem Makler für Manager-Haftpflichtversicherungen.

Das Riksiko lauert überall

Und es kann einen schneller erwischen, als man glaubt, wie das Beispiel eines niedersächsischen Mittelständlers zeigt. Es herrschte gerade Auftragsflaute, als sich dem Vorstand einer kleinen Messebaugesellschaft ein Ausweg bot. Eine Dame aus dem französischen Hochadel wollte ihr marodes Schloss renovieren lassen. Auftragsvolumen: drei Millionen Euro. Die Männer vom Messebau packten kräftig an, der alte Kasten strahlte bald wieder in neuem Glanz. Der einzige Schönheitsfehler: Die Schlossherrin sah sich außer Stande, die Rechnung zu bezahlen.

Die Messebaufirma brach zusammen, und der Insolvenzverwalter verklagte den inzwischen geschassten Vorstand auf Schadensersatz. Begründung: Er habe satzungswidrig einen Auftrag im Ausland angenommen und damit seine Vorstandspflichten verletzt. Dass der einstige Messebauchef es nur gut gemeint hatte, spielte keine Rolle mehr.

Vor allem Firmenpleiten stecken voller Fußangeln für Manager, denn jeder Insolvenzverwalter wird sich sofort auf die Suche nach verdächtigen Geschäften machen, die den Niedergang eingeleitet haben könnten. Oder nach Rechnungen, die noch beglichen wurden, obwohl das Unternehmen längst insolvenzreif war. Nicht selten packt der Insolvenzverwalter noch eine Strafanzeige wegen Insolvenzverschleppung gegen das alte Management obendrauf.

Doch selbst in wirtschaftlich gesunden Firmen lauert das Risiko - oft verborgen in der Routine des Alltags. "Die meisten Haftungsfälle ergeben sich aus der Organisationsverantwortung von Organen", sagt der Düsseldorfer Anwalt und Versicherungsmakler Michael Hendricks.

Fehler in der Bilanz, korrupte Mitarbeiter, mangelhafte Marktforschung vor der Einführung eines neuen Produkts - in all diesen Fällen haften Vorstände und Geschäftsführer persönlich. Es sei denn, sie können nachweisen, dass die Panne nichts mit der Organisation der Betriebsabläufe zu tun hat, sondern auf das Versagen einzelner Mitarbeiter zurückzuführen ist.

Jede größere Investition kann sich als Sprengsatz erweisen. Eine zu teuer gekaufte Immobilie, ein schief gelaufenes Ausschreibungsverfahren, ein größerer Kredit, den ein Bankvorstand ohne Zustimmung des Kreditausschusses genehmigt: Für all diese Entscheidungen, meist im hektischen Alltag zwischen dutzenden anderer Geschäftsangelegenheiten getroffen, müssen sich Topmanager im Zweifel penibelst rechtfertigen - und zahlen, wenn sie die Vorwürfe nicht widerlegen können.

Die Grenzen der Haftung

Theoretisch hat die Haftung der Manager ihre Grenzen - der Gesetzgeber hat 2005 eine Sperre gegen den unbegrenzten Zugriff der Justiz auf das Privatvermögen errichtet. Kein Vorstand oder Geschäftsführer soll zur Kasse gebeten werden können, wenn er nach bestem Wissen und Gewissen eine Entscheidung getroffen hat, die sich später als unternehmerischer Fehler erweist.

Was einfach klingt, stellt Richter und Anwälte vor kaum lösbare Probleme - und lehrt die von Prozessen bedrohten Manager zu Recht das Zittern. "Die meisten Richter sind mit dem Rechtsgebiet der Managerhaftung überfordert", kritisiert Anwalt Thümmel, der als Rechtsberater viele Haftungsprozesse im Auftrag von Versicherungskonzernen beobachtet. "Mancher Richter glaubt, ein Vorstand könne sich bei seiner täglichen Arbeit an einem bis ins Detail fest gefügten Pflichtenkatalog orientieren."

Dabei neigen Richter dazu, Ursache und Wirkung zu verwechseln. Stellt sich eine Entscheidung als desaströs heraus, so Thümmel, "sind sie schnell mit dem Urteil bei der Hand, der Manager habe da ja wohl offensichtlich falsch gehandelt. Viele Richter machen sich nicht klar, dass sie wirtschaftliche Sachverhalte im Nachhinein betrachten, und können sich auch nicht in die Situation eines Managers hineindenken, der eine Entscheidung zu fällen hatte und der im Gegensatz zum Richter eben nicht wusste, wie die Sache ausgehen würde."

Perfiderweise ist die Beweislast in solchen Fällen umgekehrt: "Nicht das Unternehmen muss eine Pflichtverletzung nachweisen, sondern der Manager muss belegen, dass er sich korrekt verhalten hat", sagt Anwalt Rölz. Ganz gleich, wie gewissenhaft sie ihre Aufgabe erfüllt haben - für die betroffenen Manager sind Haftungsprozesse aus diesem Grund ein Vabanque-Spiel.

Vor allem dann, wenn sie zusätzlich ins Fadenkreuz der Staatsanwaltschaft geraten. Frustrierte Ex-Mitarbeiter oder neidische Konkurrenten haben die Drohung mit dem Staatsanwalt als höchst elegante Waffe entdeckt. Opfer einer solchen Intrige scheint zum Beispiel der Geschäftsführer eines Zulieferers geworden zu sein, den der Mainzer Strafverteidiger Volker Hoffmann derzeit berät. Der Mann sitzt wegen angeblichen Betrugs in U-Haft - die Anzeige stellte der Geschäftsführer des Unternehmens, das dem Zulieferer bislang einen Großteil seiner Produkte abkaufte.

Die Fehde der beiden Manager beendete eine lange und scheinbar harmonische Geschäftsbeziehung. Der Streit begann, als der Chef der Montagefirma behauptete, der Lieferant habe im vorangegangenen Jahr gefälschte Kalkulationen vorgelegt und überhöhte Preise abgerechnet. "Abgesehen davon, dass die Preise mittels eines hoch komplexen Verfahrens errechnet werden, bei dem einmal ein Fehler passieren kann, hätte man sich zusammensetzen und die Dinge regeln können", rügt Hoffmann. Stattdessen kam es zur Anzeige.

Die Laufbahn ist meist ruiniert

Rein strategisch betrachtet, war das rüde Vorgehen allerdings brillant: Gewappnet mit dem Betrugsvorwurf, stellte die Montagefirma sämtliche Zahlungen ein. Dem Lieferanten drohte die Insolvenz, der Gegner hatte sein eigentliches Ziel erreicht: Die Übernahme des Zulieferers, gegen die sich der nun kaltgestellte Geschäftsführer immer gewehrt hatte, ist inzwischen vollzogen.

Dass viele Mandanten ihren Teil zu ihrer Malaise beitragen, räumen versierte Strafverteidiger bereitwillig ein. "Irgendetwas ist meist an den Beschuldigungen dran", sagt etwa der Frankfurter Anwalt Hanns Feigen, der in vielen Aufsehen erregenden Verfahren verteidigt hat - vom Bremer Vulkan über "Eschede" (Deutsche Bahn) bis Mannesmann. Um gleich darauf hinterherzuschieben: "Aber allzu oft hat sich der Manager eben deutlich weniger zuschulden kommen lassen, als in der Strafanzeige behauptet oder von ambitionierten Staatsanwälten unterstellt wird."

Bis aber Staatsanwälte hoch komplexe unternehmerische Entscheidungen seziert haben, können Jahre vergehen. Wie die Sache dann ausgeht, ob es überhaupt zu einer Hauptverhandlung kommt, am Ende ein Urteil steht oder das Verfahren gegen Zahlung einer Geldbuße sang- und klanglos eingestellt wird - für die betroffenen Manager ist das schon fast egal. Ihre Laufbahn ist meist ruiniert.

Die natürliche Reaktion: Verunsicherung, Lähmung und Absicherungswahn. In so genannten "Save my ass"-Memos dokumentieren viele Führungskräfte jeden Schritt ihres Handelns. Bei komplexen Transaktionen lassen sich Vorstand und Aufsichtsrat gern von eigenen Anwälten beraten - wohlgemerkt zusätzlich zu der Kanzlei, die für das Unternehmen spricht. Auch einfache Vorlagen an den Aufsichtsrat will kaum ein Vorstand mehr allein vom Hausjustiziar gegenlesen lassen, bevor er sie in den Verteiler gibt, berichtet ein Frankfurter Rechtsanwalt: "Externer Rat wirkt als Beruhigungspille."

So wird die Angst der Manager vor der Haftung zum Arbeitsbeschaffungsprogramm für die Anwaltszunft, und die Kanzleien heizen die Nachfrage durch Vorträge und Schulungen in Managerkreisen gern zusätzlich an.

Umstellt von schwer abwägbaren Haftungsrisiken, suchen Manager Zuflucht bei einer vermeintlichen Wunderwaffe: den Directors-and-Officers-Versicherungen, kurz D&O. Die Vermögensschaden-Haftpflichtversicherung wird vom Unternehmen für seine Organe (Geschäftsführer, Vorstände, Aufsichtsräte) abgeschlossen und sichert diese im Falle eines Falles bei nicht vorsätzlichen Verstößen gegen ihre Sorgfaltspflicht oder bei Managementfehlern ab. "Derartige Versicherungen galten lange als Exotikum, heute sind sie Standard in den Verträgen von Topmanagern", sagt der Düsseldorfer Arbeitsrechtler Michael Kliemt. Jeder Dax-Konzern (außer BMW) hat inzwischen seine D&O-Absicherung.

Auch die Hotelkette, die von Reinhard Mertz sieben Millionen Euro Schadensersatz verlangt, hat eine solche Police abgeschlossen, für geschätzte 90.000 Euro Prämie im Jahr. Ein eigener Anwalt vertritt im Prozess die Interessen des Versicherers, des Marktführers AIG aus den USA. AIG hat sich auch zur vorläufigen Übernahme der happigen Verfahrenskosten bereit erklärt - bis zu 250.000 Euro in der ersten Instanz. Damit ist Mertz eine Art Ausnahmeerscheinung. Denn die Sicherheit, die D&O-Anbieter versprechen, erweist sich nur allzu oft als trügerisch.

Schlupflöcher und Ausschlussklauseln

Zum einen nehmen die Assekuranzen längst nicht jeden Klienten. Als etwa Infineon  seinen D&O-Anbieter wechselte, weigerte sich die neue Versicherung, Ex-Chef Ulrich Schumacher mit in die Police aufzunehmen. Argument: Das Risiko sei untragbar.

Zum anderen sind die rund 10.000 Policen in Deutschland gespickt mit Ausschlussklauseln - obwohl sie mit Prämien von häufig mehreren Millionen Euro im Jahr nicht gerade zu Schnäppchenpreisen verkauft werden. Im Schadensfall suchen die pingeligen Assekuranzen dann nahezu manisch nach Schlupflöchern: "Nur in jedem 20. Fall zahlt die Versicherung ohne Streit", schätzt D&O-Experte Michael Hendricks. Denn schließlich geht es um viel Geld, Deckungssummen unter 500.000 Euro werden so gut wie gar nicht verkauft.

So streitet sich die Lufthansa  seit Jahren mit ihren D&O-Anbietern, unter anderem dem US-Versicherer ACE, um 250 Millionen Euro Schadenssumme. Grund: Miserabel ausgehandelte Verträge der Catering-Tochter LSG Sky Chefs hatten zu hohen Verlusten geführt.

Tatsächlich hat die Zahlungsverweigerung der Versicherer ganz handfeste Gründe: Den D&O-Spezialisten wachsen die Schadenssummen über den Kopf; zwischen 2001 und 2005 stand geschätzten Prämieneinnahmen von einer Milliarde Euro das Doppelte an Schadenszahlungen und Rückstellungen gegenüber. Und: Rund 20 Versicherer balgen sich auf dem mit 350 Millionen Euro jährlich nicht gerade üppigen deutschen Markt.

Wo aber erst einmal eine Haftungsversicherung existiert, wachsen auch die Begehrlichkeiten und damit die Klagen gegen Manager: Die D&Os sind Ausweg und Teil des Problems zugleich, denn sie haben sich ihren Markt in gewisser Hinsicht erst selbst geschaffen. "Versicherung produziert eben Haftung", sagt Hendricks achselzuckend.

Millionenschwere Klagen, die Drohung mit dem Knast - all dies lässt in einigen Chefetagen das Gefühl entstehen, in diesem Job eigentlich nur verlieren zu können. Rolf Aßhoff, Vorstand bei den HDI-Versicherungen, fasst die Lage vieler Manager so zusammen: "Ein Vorstand hat jeden Tag zig Entscheidungen zu treffen. Wenn nur eine einzige Entscheidung mit finanziellen Folgen schief geht, hat er ein Problem."

Da nimmt es nicht wunder, dass mancher den Spaß am Job verliert.

Was Manager wissen sollten

Genau prüfen, notfalls nachverhandeln: Was Manager über die Haftpflichtpolice ihrer Firma wissen sollten

Zeitrahmen: Geben Sie sich beim Antritt eines neuen Jobs nicht mit der lapidaren Aussage zufrieden, dass Ihr Arbeitgeber eine Directors-and-Officers-Versicherung (D&O) abgeschlossen hat. Die bloße Zusage, dass die Gesellschaft zum Zeitpunkt Ihres Vertragsantritts eine Versicherung besitzt, nutzt Ihnen nichts. Lassen Sie sich garantieren, dass der Schutz in den Jahren Ihrer Tätigkeit für das Unternehmen aufrechterhalten wird.

Modalitäten: Lassen Sie sich jährlich die aktuelle Police in Kopie aushändigen. Die Modalitäten (Versicherungssumme, Jahreshöchstleistung) sollten exakt festgelegt sein. Scheuen Sie sich nicht, den D&O-Vertrag von einem Experten prüfen zu lassen und für Sie nachteilige Bedingungen nachzuverhandeln.

Risikoausschluss: Informieren Sie sich über Risikoausschlüsse, mit denen viele Unternehmen Prämien sparen wollen. Sollten gravierende Risiken nicht versichert sein, fordern Sie Ihren Arbeitgeber zur Nachbesserung auf.

Selbstbeteiligung: Akzeptieren Sie möglichst keine Selbstbeteiligung. Falls Ihr Unternehmen von der Selbstbeteiligung nicht lassen will, achten Sie auf eine möglichst niedrige Obergrenze, die Ihr Arbeitgeber dann notfalls mit seinem Vertragspartner nachverhandeln muss.

Steuern: Fallen auf Grund des Haftpflichtschutzes Einkommensteuern an (selten), sollte Ihr Arbeitgeber Ihnen die Kosten erstatten.

Wissentlichkeitsprinzip: Viele Versicherungen beinhalten neben dem Vorsatzausschluss auch einen so genannten Wissentlichkeitsausschluss. Die Klausel hat es in sich: Danach sind vom Versicherungsschutz sämtliche Ansprüche ausgeschlossen, die durch bewusstes Abweichen von Gesetz, Satzung, Weisung oder durch sonstige wissentliche Pflichtverletzung entstehen, selbst wenn der Manager ohne den Vorsatz gehandelt hat, sein Unternehmen zu schädigen.

Freistellung: Stellt sich heraus, dass entgegen der Zusage Ihres Arbeitgebers kein Versicherungsschutz besteht, verlangen Sie, dass Ihr Unternehmen Sie von allen Haftungsrisiken freistellt.

Aufhebungsvertrag: Eine Regelung zur D&O-Versicherung gehört auch in Ihren Aufhebungsvertrag. Bestehen Sie darauf, dass Ihr Schutz weitere fünf Jahre aufrechterhalten bleibt. So stellen Sie sicher, dass die Police sämtliche Versicherungsfälle abdeckt, die aus der Laufzeit Ihres Managervertrags resultieren können - selbst wenn Schadensersatzansprüche erst nach Ihrem Ausscheiden geltend gemacht werden ("Claims made"-Prinzip).


Zusammengestellt von Michael Kliemt, Fachanwalt für Arbeitsrecht der Kanzlei Kliemt & Vollstädt in Düsseldorf.

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