Internet Bis die Blase platzt

Für Start-ups werden wieder Mondpreise gezahlt, Schlagwörter ersetzen Geschäftsmodelle. Und Google überweist MySpace-Eigner Rupert Murdoch 900 Millionen Dollar, nur um in dessen Internet-Imperium präsent zu sein. Der Überschwang kehrt zurück in die Online-Branche.

An einem lauen Nachmittag im Mai versammeln sich in einer ehemaligen Fabrikhalle in Hamburg-Bahrenfeld einige Dutzend Angehörige der deutschen Internetelite - und hunderte, die sich dafür halten. Offiziell geht es um einen Fachkongress zu Ehren des zehnjährigen Geburtstags der Internetagentur SinnerSchrader . Inoffiziell steht das Treffen unter einem anderen Motto: Wir sind wieder wer!

Ein Web-Guru, aus dem Silicon Valley eingeflogen und als "früherer Chief Scientist von Amazon.com" vorgestellt, predigt von den gewaltigen Umwälzungen, die der Menschheit durch das Internet bevorstünden. Ein nadelgestreifter Jungspund eröffnet auf der Herrentoilette dem Mann am Nachbarurinal: "Ich bin Investmentbanker und suche nach Start-ups, die wir an die Börse bringen können." Später gibt es Sushi.

Es war, als hätte ein DJ nach vielen Jahren mal wieder den alten Hit von Prince aus der Plattenkiste gekramt: "We're runnin' outta time/so tonight we're gonna party like it's 1999".

Feiern als wäre wieder 1999. Lange Zeit sah es nicht so aus, als würde es für die Internetbranche noch einmal so weit kommen. Nach dem Crash im Jahr 2000 lag die Festgemeinde jahrelang verkatert am Boden.

Doch mit dem Börsengang der Suchmaschine Google im Sommer 2004 sind die Bewertungen von Internetfirmen erneut auf abenteuerliche Höhen geklettert - wo trotz sie trotz jüngster Korrekturen im Wesentlichen verharren. Ebay  und Yahoo  werden heute mit dem rund 30fachen ihres Jahresgewinns bewertet, Amazon  mit dem 40fachen und Google  mit dem 55fachen. Zum Vergleich: In der Bewertung der BMW-Aktie  ist der Jahresgewinn knapp zehnmal enthalten.

Gleichzeitig explodieren die Preise nicht börsennotierter Internetfirmen. Yahoo konnte im Frühjahr 2005 den Online-Fotoclub Flickr noch für geschätzte 35 Millionen Euro übernehmen. Wenige Monate später zahlte der Medienunternehmer Rupert Murdoch bereits 580 Millionen Dollar für eine Online-Gemeinschaft namens MySpace.com, die zum Zeitpunkt des Kaufs kaum Umsatz gemacht haben soll. Nun zahlt Google 900 Millionen Dollar an Murdoch - nur, um für knapp vier Jahre auf den Webseiten des Medienmoguls einschließlich MySpace.com präsent zu sein.

Der vorläufige Höhepunkt

Den vorläufigen Höhepunkt bildete die Übernahme des Internet-Telefondienstes Skype durch Ebay im Herbst 2005 für 2,6 bis vier Milliarden Dollar, je nach weiterer Geschäftsentwicklung bei Skype. Der Umsatz des Zukaufs soll im laufenden Jahr auf 200 Millionen Dollar steigen.

Seit klar ist, dass sich beim Verkauf von Internet-Start-ups wieder enorme Preise erzielen lassen, drängen auch die Wagniskapitalfonds zurück in das Dotcom-Geschäft. Allein im ersten Quartal 2006 stiegen in den USA die Engagements von Venture-Fonds in Internetfirmen um 10 Prozent. Gleichzeitig klettern die Preise, zu denen sich die Kapitalgeber in junge Unternehmen einkaufen - nicht nur in den USA, auch in Deutschland.

"Ein Internet-Start-up mit einem erfahrenen Gründerteam und einem viel versprechenden Geschäftskonzept, aber ohne nennenswerte Umsätze hätten wir vor einem Jahr mit ein, zwei Millionen Euro bewertet", sagt Frank Böhnke, Partner beim Wagniskapitalgeber Wellington. "Heute liegen wir eher bei acht oder neun Millionen Euro."

Erst vor wenigen Monaten hat Böhnkes Unternehmen 5,7 Millionen Euro an die deutsche Online-Community OpenBC gezahlt und dafür Insidern zufolge knapp 20 Prozent der Firmenanteile erhalten. OpenBC hofft in diesem Jahr auf zehn Millionen Euro Umsatz.

Sind das alles nur normale Symptome für eine Renaissance der Branche? Oder erleben wir schon wieder eine neue Phase des irrationalen Überschwangs, eine Bubble 2.0, die ebenso unvermeidlich platzen wird wie die Börsenblase des Jahres 1999?

Wellington-Partner Böhnke denkt einen Augenblick nach, bevor er auf diese Fragen antwortet. "Sicher, wir befinden uns in einer Phase der Interneteuphorie", sagt er dann, "und im Wort Euphorie schwingt ja ein gewisser Überschwang mit." Aber eine Blase? Nein, davon könne man noch nicht sprechen.

Optimisten wie Böhnke verweisen darauf, dass die Internetbranche heute viel kostenbewusster arbeitet, schneller Gewinne macht und ein breiteres Publikum hat als vor sechs Jahren.

Internet, die zweite Version

Stimmt alles. Doch genau wie Ende der 90er Jahre durchläuft auch diesmal wieder eine Geld verschlingende Modewelle die Internetbranche. Damals redeten alle von E-Commerce, heute von Web 2.0.

Internet, die zweite Version: Hinter diesem Schlagwort verbergen sich Unternehmen, deren Websites Menschen miteinander in Kontakt bringen. Nahezu alle hoch bewerteten Start-ups basieren auf dem Web-2.0-Prinzip: Bei Flickr werden Fotos ausgetauscht, bei OpenBC Geschäftskontakte, bei Skype Gratistelefonate und bei MySpace Stücke von Amateurmusikern (offiziell) und Sexkontakte zwischen College-Studenten (inoffiziell).

All diese Unternehmen leben vom Netzwerkeffekt: Mit jedem neuen Nutzer steigt der Wert des Angebots auch für alle bisherigen Mitglieder. Hohe Nutzerzahlen sind die wichtigste Voraussetzung, damit ein netzwerkbasiertes Unternehmen erfolgreich sein kann - und die entsprechenden Zahlen klingen beeindruckend: Bei Flickr waren Mitte dieses Jahres über 300 Millionen Fotos eingestellt, Skype rechnet für Ende 2006 mit 180 Millionen registrierten Nutzern. MySpace.com hat mehr als 90 Millionen Mitglieder und OpenBC 1,5 Millionen.

Doch zum wirtschaftlichen Erfolg gehört mehr. Die Nutzer müssen sich auch zu Geld machen lassen. Sie müssen entweder bereit sein, für ihre Mitgliedschaft in einem Netzwerk zu zahlen - oder zumindest die Produkte zu kaufen, die auf den Web-Seiten des Netzwerks angeboten werden. Und genau hieran hapert es bislang bei den meisten Web-2.0-Start-ups. Die Pro-Kopf-Umsätze liegen durchweg bei wenigen Euro oder gar Cent pro Monat.

"Wenn man eine Community hat, hat man noch kein Geschäftsmodell. Das wollen viele Leute nicht begreifen. Aus einer Community kann sich höchstens ein Geschäftsmodell entwickeln."

Philipp Justus spricht diese schwer wiegenden Sätze gelassen aus. Er sitzt in einem winzigen Hinterzimmer des Düsseldorfer Kongresszentrums. Auf der Hauptbühne hat gerade Thomas Gottschalk die 20-millionste deutsche Ebay-Nutzerin begrüßt. Wenn es noch irgendeines Beweises bedürfte, dass das Internet ein Massenphänomen ist, er wäre zu finden auf der "Ebay Live", der mit 4000 Besuchern größten europäischen Kundenveranstaltung des Online-Auktionshauses.

Gekaufte Wachstumsfantasie

"Über die Hälfte der erwachsenen deutschen Internetnutzer sind bereits bei Ebay", sagt Justus. Allein über die Zahl seiner Mitglieder kann Ebay in Schlüsselmärkten wie Deutschland oder den USA nur noch begrenzt wachsen. Bleibt eine nahe liegende Möglichkeit: "Ebay will mit seinen bestehenden Kunden mehr Umsatz machen."

Bei dieser Strategie kommt Skype eine Schlüsselrolle zu. Der Dienst für kostenlose Telefonate über das Internet soll aus Ebay zusätzlich eine Kommunikationsplattform machen. Ebay-Versteigerer sollen sich mit Kaufinteressenten via Skype über die Details der angebotenen Produkte austauschen - ein entsprechendes Pilotprojekt läuft gerade in der Schweiz. Anzeigen auf der Skype-Website sollen für zusätzliche Werbeeinnahmen sorgen.

All dies sind Zukunftshoffnungen. Derzeit stammt der bescheidene Skype-Umsatz vor allem aus kostenpflichtigen Gesprächen, die Skype-Nutzer mit den Inhabern herkömmlicher Telefonanschlüsse führen. Eine Einnahmequelle, der das Skype-Management langfristig keine strategische Bedeutung beimisst. Zu Recht, denn in den USA sind solche "Skype Out"-Gespräche bereits heute kostenfrei. Und die meisten DSL-Anbieter offerieren ihren Kunden zusammen mit dem Internetanschluss ohnehin eine Flatrate fürs Telefonieren.

Mit normaler kaufmännischer Logik lässt sich der Kauf von Skype kaum rechtfertigen. Wohl aber mit den Gesetzen der neuen Internetökonomie. Im derzeitigen Börsenkurs von Ebay sind gewaltige Wachstumserwartungen eingepreist. Allein mit seinem Kerngeschäft tat sich das Auktionshaus zuletzt schwer, die übergroßen Hoffnungen der Anleger zu erfüllen. Der Kurs der Ebay-Aktie begann zu bröckeln. Deshalb kauft sich der Konzern neue Wachstumsfantasie in Form von Skype. Der enorme Kaufpreis schlägt kaum zu Buche - dank des enormen Marktwertes von Ebay.

Im kleinen Kreis soll Ebay-Chefin Meg Whitman den Skype-Kauf so begründet haben: "Skype ist eine Wette mit enormem Gewinnpotenzial, für die ich gerade mal 4 Prozent unserer Börsenkapitalisierung einsetzen muss."

Ähnlich sieht es im Fall MySpace aus. Bei den 90 Millionen Nutzern handelt es sich vor allem um Teens und Twens. Niemand weiß, wie lange sie der Online-Plattform treu bleiben, ob neue Mitglieder nachwachsen und ob die MySpace-Nutzer jemals bereit sein werden, Geld für diesen Dienst zu zahlen. Doch darum geht es gar nicht. MySpace soll vor allem deutlich machen, dass Murdochs TV- und Zeitungsimperium den Kontakt zu jungen Zielgruppen und neuen Medien nicht verloren hat.

Spekulieren auf lukrative Exits

Immerhin ist es Murdoch gelungen, den Großteil des Risikos weiterzureichen: 900 Millionen Dollar wird Google für die exklusive Präsenz seiner Suchmaschine auf den Internetseiten von Murdoch überweisen; damit fließen rund zwei Drittel der 1,3 Milliarden Dollar in die Kassen des Australiers zurück, die er für den Kauf von MySpace und der Online-Spieleplattform IGN Entertainment ausgegeben hat.

Vielfach sind es die Start-up-Unternehmer selbst, die heute vor der Gefahr einer neuen Spekulationsblase warnen. Caterina Fake, eine der beiden Gründerinnen von Flickr, ist überzeugt, dass wir uns längst in der Bubble 2.0 befinden. Wie 1998 gebe es heute wieder unzählige Me-too-Unternehmen im Internet, die nur mit einem einzigen Ziel gegründet würden: schneller Reichtum.

Auch OpenBC-Gründer Lars Hinrichs sieht die Entwicklung skeptisch. Mit Spekulationsblasen und ihren Folgen hat der 29-Jährige Erfahrung. 1998 gründete Hinrichs Politik-Digital.de, eine Art Online-Nachrichtenmagazin, das heute als eingetragener Verein sein Dasein fristet. Sein zweites Unternehmen, die BöttcherHinrichs AG, beriet Internet-Start-ups in Marketingfragen. 2001 war die Firma pleite.

2003 folgte OpenBC. Die Geschäftsidee ist simpel: Jeder Nutzer kann sich kostenlos mit seinem beruflichen Profil registrieren lassen und ist auf diese Weise erreichbar für potenzielle Geschäftspartner. Wer selbst in der OpenBC-Datenbank nach geschäftlichen Kontakten suchen will, zahlt knapp sechs Euro Mitgliedsbeitrag pro Monat.

Gegründet hat Hinrichs OpenBC von seinem Wohnzimmer aus. Erst als sein Unternehmen bereits profitabel war, nahm er Wagniskapitalgeber als Gesellschafter auf. Hinrichs will mit deren Geld die Expansion in China und den USA finanzieren, vielleicht einen Wettbewerber kaufen.

Klingt nach dem Sound of '99?

Stimmt. Selbst Hinrichs ist inzwischen erschrocken über die Preise, die in den USA verlangt werden: "Die Bewertung für Internet-Start-ups liegt dort höher als Ende der 90er Jahre, zur Hochzeit der New Economy. Es sind schon wieder eine Menge Venture-Capital-Funds unterwegs, die zu viel Geld in Firmen ohne nachhaltiges Geschäftsmodell stecken."

"Wir haben eine Bubble 2.0"

Stück für Stück formt sich das Bild von der neuen Internetblase: Die Aussicht auf lukrative Exits lässt die Wagniskapitalgeber zurück in die Internetbranche strömen. Zwischen ihnen entbrennt aufs Neue eine Konkurrenz um die vielversprechendsten Start-ups.

Längst werden solche Unternehmen nicht mehr in erster Linie nach realistischen zukünftigen Ertragserwartungen bewertet, sondern nach der Möglichkeit, sie zu einem noch höheren Preis weiterzuverkaufen. Was zählt im Web 2.0, sind weniger Umsatz und Gewinn als Nutzerzahlen - genau wie 1999.

Dabei haben manche Unternehmen im Web-2.0-Umfeld durchaus das Zeug zu langfristiger Profitabilität - wie ja auch die E-Commerce-Start-ups der 90er Jahre in vielen Fällen zu respektablen Internetkonzernen herangereift sind. Doch astronomische Bewertungen lassen sich allein mit dieser Hoffnung nicht rechtfertigen.

Bislang ist all dies vor allem ein amerikanisches Phänomen. Aber auch in Deutschland haben sich die Bewertungen für Internet-Start-ups in den letzten Monaten vervielfacht.

Web 2.0 International: Die Mitmach-Plattformen

Es wäre an Unternehmern wie Hinrichs, es diesmal besser zu machen als 1999. Sich nicht auf überzogenes Wachstum, überteuerte Übernahmen oder übereilte Börsengänge einzulassen. Aber das ist natürlich viel verlangt, wenn jungen Internetgründern das Geld förmlich aufgedrängt wird.

Die derzeitige Stimmung in der deutschen Internetbranche spiegelt sich in einem kleinen Dialog wider, den Hinrichs beim SinnerSchrader-Kongress mit dem Wagniskapitalmanager Christian Leybold von BV Capital führte.

Hinrichs: "Auf jeden Fall, wir haben eine Bubble 2.0, und es wird auch wieder eine gewisse Down-Phase geben."

Leybold: "Bubble 2.0 ist ein großer Ausdruck. Im Moment wird zwar alles ein bisschen überbewertet. Aber wir haben noch nicht die Börse, die überreagiert wie in den späten 90ern."

Hinrichs: "Das heißt, wir haben noch zwei Jahre, um einen Börsengang zu machen?"

Web 2.0: Andere arbeiten lassen Schlagwörter 2.0: Das Web-Glossar

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.