Mittwoch, 19. Februar 2020

Technologie Wenn die Dinge denken lernen

Eine neue Generation intelligenter Maschinen ist dabei, das Verhältnis von Mensch und Technik zu revolutionieren. Und Multi-Milliarden-Märkte zu eröffnen.

Klaus Scherer führt einen aussichtslosen Kampf. Er ringt mit etwas, das es nicht gibt, das es wohl nie geben wird. Es ist das Phantom des "denkenden" Kühlschranks, der sich automatisch auffüllt. Der über das Internet zum Beispiel Joghurt nachbestellt, sobald die Haltbarkeitsgrenze seines Vorrats nahe rückt.

"Ein schlecht erfundenes Märchen", sagt Scherer. Obendrein unausrottbar. Allein die juristischen Hürden sind unüberwindlich: "So intelligent kann kein Küchengerät jemals werden, dass ihm vernünftige Menschen erlauben, in ihrem Namen Käufe zu tätigen", sagt der Abteilungsleiter des Duisburger Fraunhofer-Instituts für Mikroelektronische Schaltungen und Systeme. Dennoch muss Scherer immer weiter gegen die Vorstellung anrennen, ein über das Internet selbst ordernder Kühlschrank sei das Paradebeispiel für "denkende Dinge" - für eines jener Produkte der Zukunft, die sich von selbst auf die Bedürfnisse ihrer Nutzer einstellen.

In Wirklichkeit sieht die Zukunft ganz anders aus. Zum Beispiel so wie das InHaus. In diesem Wohnlabor hinter der unscheinbaren Fassade eines Standard-Doppelhauses in der Duisburger Lotharstraße brütet das Team von Klaus Scherer gemeinsam mit Unternehmen wie dem Heizungshersteller Viessmann, der Deutschen Telekom Börsen-Chart zeigen oder dem Hausgerätebauer Miele darüber, wie Haustechnik "intelligenter" werden kann.

Im Wohnzimmer des InHauses fahren zum Beispiel die Jalousien herunter, das Licht wird gedimmt, und die Heizkörper in der Sofaecke werden auf Wohlfühltemperatur gedreht, sobald sich ein Bewohner dort niederlässt und den DVD-Spieler startet. Im Bad stellt sich der Wasserhahn selbsttätig ab, wenn die Wanne voll ist. Der Küchenherd schaltet sich komplett aus, sobald die Haustür von außen abgeschlossen wird.

Bei dieser Ambient Intelligence, so heißt die Selbst-Bedienung technischer Apparate und Systeme im Forscherjargon, geht es nicht um scharf gemachte Weiße Ware. Es geht um eine völlig neue Beziehung zwischen Mensch und Maschine, zwischen Maschine und Material, zwischen Material und Mensch. Um eine revolutionäre Emanzipation der Dinge, die die Verhältnisse in der technischen Umwelt des Menschen radikal umkrempeln wird.

© manager magazin 7/2006
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