Editorial Export-Weltmeister

Seit über hundert Jahren haben nicht mehr so viele Deutsche das Land verlassen wie heute.
Von Arno Balzer

Es ist schon auffallend, wie viele Leser uns in letzter Zeit aus dem Ausland schreiben. Gelegentlich per Brief, meist per E-Mail reflektieren sie, wie seltsam die eigentümliche deutsche Stimmungslage auf sie, die modernen Auswanderer, wirkt.

In den vergangenen Monaten bekam allein mm-Redakteur Henrik Müller dutzende solcher Zuschriften, aus den USA, aus Taiwan, Singapur, Großbritannien, Irland, Österreich und Polen. Nachdem manager-magazin.de Auszüge aus seinem Buch "Wirtschaftsfaktor Patriotismus" veröffentlicht hatte, reagierten viele Auslandsdeutsche emotional erhitzt.

Einlassungen, die von einer Hassliebe zeugen: Einerseits hängen sie mit dem Herzen an Deutschland, gerade jetzt, da die Fußball-WM schwarz-rot-goldene Gefühle geweckt hat, andererseits fühlen sie sich abgestoßen. So bekannte ein junger Mann, der im polnischen Wroclaw lebt, "dass ich mich zurzeit in Polen besser fühle als in Deutschland". Sein Plan: "2008 werde ich nach China gehen."

Und ein Wahl-New-Yorker schimpfte: "Der Katalog der deutschen Katastrophen ist endlos - und die Nationalkrankheit, die Negierung der Realität nämlich, beschleunigt den Abstieg."

Bald wurde klar: Hinter den Zuschriften steckt ein Riesenthema. Nie seit mehr als hundert Jahren verließen so viele Deutsche das Land. Die bislang unveröffentlichten offiziellen Zahlen, die mm vorliegen, zeigen, dass die Auswanderungswelle voriges Jahr einen neuen Höhepunkt erreicht hat; rund 160.000 Deutsche haben 2005 die Bundesrepublik verlassen.

Müller machte sich an die Arbeit. Je länger er recherchierte, desto mehr wunderte er sich, dass die derzeitige Emigrationswelle bislang gar nicht öffentlich wahrgenommen wird. "Es ist ein Stück verdrängte Gegenwart", sagt Müller. "Jahrzehntelang haben die Deutschen geleugnet, ein Einwanderungsland zu sein. Jetzt weigern sie sich zu erkennen, dass die Bundesrepublik auch wieder ein Auswanderungsland ist."

Die ökonomischen Folgen dieses Migrationstrends lassen sich kaum überschätzen. Die modernen Emigranten sind überdurchschnittlich gebildet, motiviert und relativ jung. Eigentlich kann Deutschland auf keinen von ihnen verzichten. Schon heute mangelt es vielen Unternehmen an jungen Talenten, vor allem an solchen mit naturwissenschaftlich-technischer Qualifikation. Die sind bereits heute so knapp, dass Teile der Forschung nur deshalb ins Ausland verlagert werden, weil es dort genug fähige Leute gibt. Kurz: Deutschland blutet aus.

Hält die Entwicklung an, wird sich die demografische Krise dramatisch verschärfen. Gefordert ist auch die Politik: Sie muss alles tun, damit Deutschland wieder attraktiver wird - für fähige Aus- und Inländer.

Die Titelgeschichte über die neue Auswanderungswelle und ihre Folgen lesen Sie ab Seite 86.

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