Uhren Zeit-Zauberer

Das Tourbillon - kostspieliges Spitzenprodukt der Uhrmacherkunst - ist der Hit der Saison, seine Konstrukteure sind die Stars der Szene. manager magazin präsentiert die Meistermechaniker und ihre filigranen Uhrwerke.

Wäre da nicht die Bahnstrecke, die Zürich mit Genf verbindet und alle paar Minuten einen Expresszug mit Höllengetöse passieren lässt - das Paradies wäre perfekt. So aber wird Twann, ein steinaltes Bauerndorf, das sich zwischen steile Weinberge und die sanften Ufer des Bieler Sees schmiegt, von den Segnungen des mechanischen Zeitalters heimgesucht.

Es ist genau der rechte Schauplatz für einen beispiellosen Spagat zwischen bodenständiger Handwerkskunst und rastloser Technologie, den Thomas Prescher hier exerziert.

Der 40-jährige Deutsche, kleine Statur, hellwache Augen hinter rahmenlosen Brillengläsern, ist ein mittlerweile international gerühmter Meister der Uhrmacherkunst. Seine Manufaktur hat er in einer aufgelassenen Posthalterei im Parterre eines Wohnhauses eingerichtet.

Alles ist nüchtern und karg, ein paar Werkbänke für seine vier Uhrmacher, eine Hand voll Maschinen, ein Büroverschlag, ein tonnenschwerer Tresor. Im Stahlschrank liegen die Preziosen, mit denen er sich einen Platz unter den führenden Uhrmachern der Welt erobert hat. Es sind die Reststücke.

Denn seine feinen Werke werden ihm üblicherweise sofort aus den Händen gerissen. Von jenem russischen Botschafter etwa, der gleich 13 Stück abnahm, eine davon für den Präsidenten Putin, eigens auf rechtshändig umgebaut.

Im Stahlschrank lagert auch der einzig verbliebene Satz seiner Uhrentrilogie, die unter Kennern und Sammlern die höchsten der Gefühle auslöst: drei Uhren mit so genannten fliegenden Tourbillons, einachsig gelagert, zweiachsig und dreiachsig. Alle in Platin, nur komplett abzugeben und bislang siebenmal verkauft. 180.000, 280.000 und 380.000 Schweizer Franken das Stück.

Das Wunderding

Rein rechnerisch also 100.000 Franken für eine Achse, die 0,766 Gramm wiegt, nicht mal einen Zentimeter misst und die minimalen Auswirkungen der Erdanziehungskraft auf die Ganggenauigkeit der Uhr ausgleichen soll - wow.

"Wenn Sie meine Uhren angucken, muss es bei Ihnen einfach wow machen", sagt Prescher und lenkt vom Preis zum Wert. "Die Dinger müssen wunderschön sein, auf den ersten Blick ästhetisches Vergnügen bereiten, erst dann kommt alles andere."

Die schiere Schönheit, das funkelnde Spiel des filigranen Mechanismus, eine pulsierende Metapher auf Leichtigkeit und Überschwang - sie haben diesem Wunderding Tourbillon einen so unerhörten Erfolg am Uhrenmarkt eingetragen, der selbst Fachleute aus der Fassung bringt.

"Vielleicht wird 2006", wähnte unlängst der Fachautor Gisbert Brunner, "als Jahr des Tourbillons in die Geschichte der Zeitmessung eingehen." Und das in einer schweizerischen Zeitschriftenneugründung des vergangenen Jahres, die der Einfachheit halber gleich "Tourbillon" heißt.

In der Tat: Kaum noch eine große Marke, die kein Modell mit freigelegtem Drehgestell im Programm hätte. Von Audemars Piguet bis Zenith, von Breitling und Chopard bis zum amerikanischen Spezialisten für ausgefallene Modelle, Harry Winston - alle setzen sie auf den "Wirbelwind". Und die Swatch Group  nennt Geschäfte für ihre Edelmarken von Porto Cervo bis Baden-Baden schlicht "Tourbillon-Boutiquen".

Wie auch der Uhrenhändler Wempe, der sich vom französischen Nachwuchsstar Thierry Albert, ansonsten angestellt bei Nomos im sächsischen Glashütte, ganz im Geheimen eine Tourbillon-Uhr bauen lässt.

Selbst Marken wie Movado und Louis Vuitton, deren Stärke durchaus nicht in kapriziöser Uhrentechnologie liegt, bieten das Faszinosum Drehgang an. Mercedes gab als Spezialangebot für hochmögende Kunden seines Maybach ein Tourbillon beim schwäbischen Uhrmachermeister Wilhelm Rieber in Auftrag, Auflage zwölf Stück, Kostenpunkt 120.000 Euro.

Herz aus Titan

Und das Publikum ist - trotz Preisen, die bislang zumeist noch immer im sechsstelligen Bereich liegen - nachhaltig begeistert. "Mein absolutes Lieblingsstück", ließ etwa Boris Becker unlängst gegenüber "Bild" verlauten, am Handgelenk eine "Portugieser Tourbillon" von IWC. "Bin vier Jahre um sie rumgeschlichen."

"Wie viele Tourbillons braucht die Menschheit noch?", fragt ketzerisch bereits Marktkenner Brunner.

Die Antwort weiß ein anderer exzellenter Kenner des Marktes, Stéphane Belmont, Marketingdirektor bei Jaeger-LeCoultre im Vallée-de-Joux-Flecken Le Sentier im Schweizer Jura, der Kernlandschaft der Uhrmacherei.

"Viele", sagt er, "es gab letztes Jahr zwar schon 140 Tourbillons auf der Messe. Aber dennoch bleibt es weiterhin ein sehr interessanter Mechanismus." Und so soll es denn auch im Herbst ein neues Jaeger-LeCoultre-Tourbillon geben, für den Spottpreis von 35.000 Schweizer Franken.

Belmont weiß aber auch, dass es viele Show-Tourbillons am Markt gibt, die einzig dem Imponiergehabe abends an der Bartheke dienen. Am Ende des Tages entscheiden feinmechanischer Schliff und Funktion über die Qualität.

Nicht von ungefähr beschäftigt der Edeluhrenhersteller in Le Sentier einen ausgefuchsten Uhrenbauer wie Eric Coudray. Der 40-jährige Meistermechanikus, wallendes Haupthaar, wilder Rauschebart, trägt am Arm eine Billig-Quarzuhr und arbeitet mit ein paar Kollegen in einem Entwicklungsatelier abseits der feinen Manufaktur. Hier wurde das "Gyrotourbillon 1" erdacht, das in der Fachwelt höchstes Lob erfuhr.

Das sphärisch gelagerte Drehgestell mit zwei Käfigen, der Hemmung und der Unruh auf zwei Achsen, erklärt Belmont, war eine Revolution in der Welt der Feinmechanik - ein Wunderwerk aus rund 90 Einzelteilen mit einem Gewicht von gerade mal 0,33 Gramm. Angeboten wird es für 280.000 Euro.

Reich an Ideen

Nicht weit entfernt vom Coudray-Laboratorium liegt die Manufaktur, die den Namen des Mannes trägt, auf den der ganze neuzeitliche Wirbel zurückgeht, Abraham-Louis Breguet. Der entwickelte den Mechanismus im Paris der Revolution.

1801 erhielt Breguet, der Uhren für Marie Antoinette und für Napoleon lieferte, das Patent für den winzigen Käfig mit Unruh und Hemmung, der durch die Drehbewegung um die eigene Achse je nach Lage die Beschleunigung oder Verlangsamung des Zeittaktes ausglich - Tourbillon geheißen.

Über das Breguet-Reich herrscht heute Nicolas Hayek, Präsident der Swatch Group. In die Entwicklung gewährt er keinen Einblick, zumal gerade umgebaut wird.

In Genf aber lässt er es sich nicht nehmen, zur Einweihung einer neuen Breguet-Boutique unter dem Applaus tief dekolletierter Damen ein aufwändiges neues Modell mit Doppel-Drehgestell vorzustellen. An jedem Unterarm vier Uhren, gibt der rundliche 78-Jährige den Sonnenkönig der Branche: Le tourbillon, c'est moi.

Denn Hayek profitiert von der Drehgestellnachfrage auf doppelte Weise - zum Ersten als Eigner des Erfindernamens, zum Zweiten über seine kleine Firma Nivarox-Far. Der Teilehersteller im Jura-Flecken Le Locle hält nicht nur das Monopol für das Herzstück einer jeden mechanischen Uhr, die Unruhspirale. Er liefert auch fertige Tourbillons an Dritte, so etwa für die Marke Zenith.

Tatsächlich sind nur wenige Spitzenanbieter in der Lage, die komplizierte Feinmechanik auch selbst herzustellen.

Etliche bedienen sich deshalb der Unterstützung von Zulieferern. Wie etwa des Spezialisten Jean-Paul Journe aus Genf oder der Firma Renaud & Papi, einer Tourbillon-Tochter der Manufaktur Audemars Piguet, die den Motor für die Bentley-Breitling bereitstellt. Getreu der Regel: Es ist nicht immer die Marke drin, die auf dem Zifferblatt draufsteht.

Und das muss nicht mal Schlechtes bedeuten, im Gegenteil.

Geniales Doppel

Auch die Firma CompliTime in La Chaux-de-Fonds etwa gehört zu den Lieferanten, an ihrer Spitze die begnadeten Uhrmacher Robert Greubel und Stephen Forsey. Der 39-jährige Elsässer, hoch gewachsen, stoppelbärtig, und der 46-jährige Engländer, Rotschopf, breite Hosenträger, sind sich bei Renaud & Papi über den Weg gelaufen. Seit 1999 gehen sie mit der Manufaktur Greubel Forsey eigene Wege, in einer 1855 errichteten Reitmanege im Zentrum der Uhrenstadt, jetzt zu einem prächtigen Büro- und Manufakturhaus mit zierlich bemaltem Atrium hergerichtet.

"Wir haben festgestellt", sagt Greubel, "dass das Normaltourbillon kein vollendeter technischer Mechanismus im Sinne von Breguet ist." Weil der ja nur die relativ ruhig gelagerte Taschenuhr und nicht die viel häufiger bewegte Armbanduhr kannte, die schwerkrafttechnisch ganz anders beansprucht ist.

Also entwickelten sie ein Tourbillon, bei dem die Achse um 30 Grad geneigt ist - und erhielten einen Zeitmesser, der die Gangabweichung von zwölf Sekunden täglich deutlich einschränkt. "Wir wollen schließlich die Leistung des Laufwerks messen können", sagt Greubel, "nicht einfach nur eine Animation entwerfen, die schön aussieht."

Fünf Modelle gibt es davon, vier in Gold, zu je 380.000 Schweizer Franken, eines in Platin zu 425.000. 20 bis 30 Stück fertigt die zwölfköpfige Manufakturmannschaft pro Jahr. Die Käufer: Fürstenhäuser, Dirigenten großer Konzerne, sagt Greubel. Namen nennt er nicht.

"Es gibt eine Menge Leute, die sich so eine Uhr zum Frühstück kaufen könnten", weiß Kollege Thomas Prescher über die eigenen Tourbillons, "obwohl es doch eine ungeheure Menge Geld ist."

Der Mann aus Twann, dessen Karriere mit einem Kapitänspatent der Bundesmarine begann und über Lehr- und Wanderjahre in den Manufakturen von IWC, Audemars Piguet, Blancpain in die Selbstständigkeit führte, hat viele Kunden kennen gelernt, obwohl häufig auch über Mittelsleute gekauft wird.

"Die lassen sich nur ungern in die Karten gucken", sagt er. Aber oftmals sind es, neben Royals, Leute aus der Bankenszene. In seiner Gesellenzeit bei Gübelin, erinnert sich Prescher, "hatte ich das Glück, eine unglaubliche Sammlung restaurieren zu dürfen, 365 Uhren, allein 40 Tourbillons, 20 Grandes Complications, eine Schande, dass die irgendwo in einem Tresor liegen."

Der Besitzer? Chef eines Bankhauses. In welchem Land: keine Antwort. Schweizer Uhrmacher sind so diskret wie ihre Bankiers.

Prescher selbst trägt gar keine Uhr. Das ist der Luxus, den ich mir erlaube", sagt der Luxusuhrenmeister, "Leben ohne Uhr und ohne Wecker." Alttestamentarisch schlicht fügt er an: "Ich stehe auf, wenn ich aufwache, ich esse, wenn ich hungrig bin, ich gehe schlafen, wenn ich müde bin."

Ein Leben wie im Paradies.

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