Donnerstag, 27. Juni 2019

Uhren Zeit-Zauberer

2. Teil: Das Wunderding

Rein rechnerisch also 100.000 Franken für eine Achse, die 0,766 Gramm wiegt, nicht mal einen Zentimeter misst und die minimalen Auswirkungen der Erdanziehungskraft auf die Ganggenauigkeit der Uhr ausgleichen soll - wow.

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"Wenn Sie meine Uhren angucken, muss es bei Ihnen einfach wow machen", sagt Prescher und lenkt vom Preis zum Wert. "Die Dinger müssen wunderschön sein, auf den ersten Blick ästhetisches Vergnügen bereiten, erst dann kommt alles andere."

Die schiere Schönheit, das funkelnde Spiel des filigranen Mechanismus, eine pulsierende Metapher auf Leichtigkeit und Überschwang - sie haben diesem Wunderding Tourbillon einen so unerhörten Erfolg am Uhrenmarkt eingetragen, der selbst Fachleute aus der Fassung bringt.

"Vielleicht wird 2006", wähnte unlängst der Fachautor Gisbert Brunner, "als Jahr des Tourbillons in die Geschichte der Zeitmessung eingehen." Und das in einer schweizerischen Zeitschriftenneugründung des vergangenen Jahres, die der Einfachheit halber gleich "Tourbillon" heißt.

In der Tat: Kaum noch eine große Marke, die kein Modell mit freigelegtem Drehgestell im Programm hätte. Von Audemars Piguet bis Zenith, von Breitling und Chopard bis zum amerikanischen Spezialisten für ausgefallene Modelle, Harry Winston - alle setzen sie auf den "Wirbelwind". Und die Swatch Group Börsen-Chart zeigen nennt Geschäfte für ihre Edelmarken von Porto Cervo bis Baden-Baden schlicht "Tourbillon-Boutiquen".

Wie auch der Uhrenhändler Wempe, der sich vom französischen Nachwuchsstar Thierry Albert, ansonsten angestellt bei Nomos im sächsischen Glashütte, ganz im Geheimen eine Tourbillon-Uhr bauen lässt.

Selbst Marken wie Movado und Louis Vuitton, deren Stärke durchaus nicht in kapriziöser Uhrentechnologie liegt, bieten das Faszinosum Drehgang an. Mercedes gab als Spezialangebot für hochmögende Kunden seines Maybach ein Tourbillon beim schwäbischen Uhrmachermeister Wilhelm Rieber in Auftrag, Auflage zwölf Stück, Kostenpunkt 120.000 Euro.

© manager magazin 6/2006
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