Edelschneider Stil nach Maß

Die Ansprüche an das Äußere des deutschen Mannes sind stärker ins Blickfeld geraten. Die Handwerker der Nadel-und-Fadenzunft feiern ausgerechnet am Hochlohnstandort Deutschland ein fulminantes Comeback.
Von Klaus Ahrens und Hanno Pittner

Der Empfang ist nahezu fürstlich. Feinster Parkettfußboden, Stuck und Marmor, Möbelantiquitäten und unter der Decke ein Kronleuchter. Ein Dienstleister zieht vor dem Kunden innerlich den Hut und geleitet ihn in einen abgelegenen Raum, ähnlich prächtig ausgestattet, zusätzlich allerdings versehen mit wandfüllenden Spiegeln. Ein Ambiente wie im Film.

Doch dann beginnt die Tortur. Der Handwerker rückt mit dem Metermaß an. Arme heben, Brustumfang messen, Schulterbreite und Hüftumfang, selbst der Bauch wird in das Kalkül einbezogen und die Beinlänge vom Schritt bis zu den Knöcheln.

Und nun die Qual der Wahl: Muster und Ballen hunderter Stoffe - blau und grau, gestreift und kariert, zart oder derb - wollen durchgesehen werden. Und, bitte, fragt der Schneider, wie soll das gute Stück denn ausfallen, weite Hosenbeine oder enge, breite Revers oder schmale, Schlitze am Sakko, wenn ja, wo? Oder lieber keine?

Tausende von Entscheidungen binnen weniger Minuten - der Anzug vom Maßschneider bedeutet ein hartes Stück Arbeit für den Kunden, erst recht für den Schneider. Dennoch suchen immer mehr Herren, die auf sich halten, den Weg voller Steine und Dornen zum wirklich authentischen, unverwechselbaren und perfekt sitzenden Kleidungsstück. Das durch dick und dünn die Form wahrt und auf jedem Parkett bestehen kann.

"Der Kunde des Maßschneiders braucht keinen visuellen Geschmack", notiert die amerikanische Kunstwissenschaftlerin Anne Hollander in ihrer Modebibel "Anzug und Eros" punktgenau, "der Schneider hat ihn für ihn und wird den Kunden nicht aus dem Geschäft lassen, wenn sein Aussehen im Anzug der Firma Schande machen könnte." Das Aussehen des Konfektionskunden hingegen liege, oh Jammer, ganz in dessen eigener Verantwortung.

Und so erfährt das Nadel-und-Faden-Gewerbe regen Zulauf, seit die Ansprüche an das Äußere des deutschen Mannes stärker ins Blickfeld geraten sind. Das Deutsche Mode-Institut in Krefeld, Lobbyvereinigung der Zunft, zählt rund 90 Betriebe von Flensburg bis Kempten, an der Spitze das Trachtenland Bayern mit 40 Ateliers.

Perfektion ab 2500 Euro aufwärts

Es geht wieder aufwärts mit dem alten, vor zehn Jahren fast vom Aussterben bedrohten Handwerk. Neue Ateliers werden eröffnet, aber auch neue Kunden unterziehen sich freudig der Bekleidungsprozedur. Vor allem junge Männer auf der Suche nach Bürgerlichkeit überwinden die Hemmschwelle und drängen in die Studios.

Neben Politikern und Künstlern unterziehen sich vor allem Manager den ästhetisch einträglichen Maßnahmen der Schneiderei. Und sind gern bereit, zwei oder drei Anproben mit einer Wartezeit von vier Wochen in Kauf zu nehmen und Preise von mindestens 2500 Euro (beim Hamburger Schneider Tom Reimer) zu bezahlen.

Es kann aber noch teurer werden. "Ein guter Maßanzug ist unter 3200 Euro gar nicht machbar", behauptet einer der Altvordern der Zunft, der 69-jährige Berliner Obermeister Volkmar Arnulf. In einer der besten Lagen am Ku'damm ansässig und Herr über fünf Gesellen und einen Lehrling, hält er es mit den Traditionen seines Handwerks und pflegt mit drei und mehr Anproben einen nahezu unzeitgemäßen Perfektionismus. Sein Motto: "Man darf zu keinem Zeitpunkt sagen: So ist es, jetzt kann man nichts mehr ändern."

Die Kunst der Anpassung war vor allem bei seinem prominentesten Kunden gefordert - dem Ex-Kanzler Kohl. "Kleine Menschen", sagt der Textilzauberer, "kann ich größer, dicke schlanker erscheinen lassen, einen starken zehn bis zwanzig Pfund leichter machen."

Ein Umstand, der zu den Vorzügen der Maßschneiderei zu rechnen ist. Denn die eingebauten Stoffreserven verleihen den Anzügen aus der Maßschneiderei eine lange Lebensdauer.

Nimmt der Mann nach der Schneiderstatistik in zehn Jahren rund fünf Zentimeter an Umfang zu, so kann ein Maßanzug so ausgelegt sein, dass er 10 bis 15 Jahre getragen werden kann. Eine gehörige Zeitspanne, zumal die Herrenmode sich nur im 10-Jahres-Rhythmus merklich ändert.

Sieht gut aus, und keiner weiß warum

Die Maßkonfektion versucht mit günstigen Angeboten in die Bezirke des traditionellen Handwerks einzubrechen. Dabei überlässt sie das Maßnehmen oftmals dem Kunden, verzichtet auf die Anproben ganz und gar und lässt bei der Fertigung in der Fabrik kleben, was das Zeug hält. Anstatt mit Nadel und Faden von Hand zu pikieren, zu heften und zu nähen. Was bei einem Anzug immerhin rund 60 Stunden dauert.

Dafür stehen dem Hamburger Schneider Tom Reimer (42) in seiner Kellerwerkstatt mit Ausblick auf einen Barockgarten am Mittelweg zwölf Gesellen und zwei Meister zur Verfügung. Einer von ihnen, Ghulan Raza, führt an einem halbfertigen Jackett auf dem Kleiderständer vor, worauf es ankommt: Das Innenleben unter Brust und Schulter, ausschlaggebend für die Passform, wird mit der Hand geheftet und behält so seine Beweglichkeit.

Viele Nähte werden bis zur letzten Anprobe nur provisorisch ausgeführt, sodass immer wieder nachgebessert werden kann. Getreu der alten Schneiderdevise: Der Maßanzug sieht gut aus, und keiner weiß warum.

Reimer, der sein Handwerk in der Kostümbildnerei der Hamburgischen Staatsoper gelernt hat, pflegt selbst einen aufwändigen Lebensstil. Zu seinen Kunden gehören der Designer Peter Schmidt sowie die Vorstände einer Privatbank. Diskretion und hanseatische Zurückhaltung spielen in seinem Geschäft eine große Rolle. "Ich schneidere Arbeitskleidung für Manager."

Und die soll möglichst salopp sein. Lockere Schnitte, leichte Stoffe, am liebsten aus Bella Italia.

Konfessionsstreit im Textilen

Womit wir bei einem Konfessionsstreit im Textilen angelangt wären, ebenso unversöhnlich ausgetragen wie der zwischen Protestantismus und Katholizismus. Nämlich: Welche Stoffe sind die besseren - die italienischen oder die von den nebelverhüllten Gefilden Englands und Schottlands?

Die aus Britannien, sagt Schneider Arnulf, weil sie unserem Klima besser angepasst und in den Manufakturen des Inselreiches auch länger gelagert seien. Die aus Italien, sagt Tom Reimer, weil es keine leichteren und legereren Stoffe gebe als die vom Südhang der Alpen.

"Häufig heißt es, die tollen Stoffe kommen aus Italien", sagt Max Dietl (41), Schneider in München, "die spießigeren aus England. Das stimmt aber nicht."

Denn selbst der italienische Edelkonfektionär Kiton, berühmt für allerfeinste, in Handarbeit hergestellte Anzüge von der Stange, kaufe viele seiner Stoffe - in England.

Dietl, Inhaber von Deutschlands - mit inzwischen 30 Schneidern - größter Maßschneiderei, hat sein Geschäft auf vier Etagen über der Münchener Residenzstraße und verkörpert sichtbar den Aufschwung der Zunft. Der Society-Löwe ist gar kein Schneider, sondern gelernter Bankkaufmann, der drei Meister beschäftigt, die ihm den Handwerksbetrieb führen. Seine Kunden finden sich im Adel, in der Showprominenz, unter Managern und reichen Russen.

Und wer von denen einmal auf den Maßgeschmack gekommen sei, so Dietls Erfahrung, der komme immer wieder. Bis er seine gesamte Garderobe zu Gunsten der edlen Handarbeit ausgetauscht habe.

Das freut den Modeunternehmer, nicht allein des Kommerzes wegen: "Mit der Maßschneiderei will ich der McDonaldisierung der Mode begegnen."

Die besten Adressen

Maß für Maß: Die besten Adressen

Berlin

Volkmar Arnulf, Kurfürstendamm 46, Tel.: 0 30/8 83 92 02, Anzug ab 3200 Euro, drei Anproben mindestens.

Düsseldorf

Jürgen Ern, Königsallee 94, Tel.: 02 11/32 58 04,  www.ernderschneider.de 
Anzug ab 3000 Euro, Wartezeit vier bis sechs Wochen, Kundenbesuche auch im Ausland.

Hamburg

Tom Reimer, Mittelweg 117, Tel.: 0 40/45 23 24, www.tomreimer.com 
Anzug ab 2500 Euro, über 1000 Stoffe zur Auswahl.

München

Max Dietl, Residenzstr.16, Tel.: 0 89/22 41 66,
www.max-dietl.de 
Deutschlands größte Maßschneiderei mit 30 Mitarbeitern, Anzug ab 3500 Euro.

London

Thomas Mahon, 12 Savile Row, Tel.: 00 44/12 28 56 17 00, www.englishcut.com 
Anzug ab 2500 Euro, hier lassen Prinz Charles und auch Rockstars wie Bryan Ferry maßnehmen.

Mailand

L' Atelier Brioni, Via Gesù 2a, Tel.: 00 39/02/77 88 741, www.brioni.it 
Italiens Edelkonfektionär betreibt auch eine exklusive Maßschneiderei, Anzug ab 4000 Euro.

Neapel

Cesare Attolini, Via Nationale delle Puglie 42, Tel.: 00 39/0 81/8 44 44 11, www.cesareattolini.it 
Renommierter Familienbetrieb, Anzug ab 3000 Euro.

Wien

Knize, Graben 13, Tel.: 00 43/1/5 12 21 19-0, Traditionshaus seit 1858, Anzug ab 5000 Euro, oft drei Monate Wartezeit.

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