Freitag, 22. November 2019

Edelschneider Stil nach Maß

4. Teil: Konfessionsstreit im Textilen

Womit wir bei einem Konfessionsstreit im Textilen angelangt wären, ebenso unversöhnlich ausgetragen wie der zwischen Protestantismus und Katholizismus. Nämlich: Welche Stoffe sind die besseren - die italienischen oder die von den nebelverhüllten Gefilden Englands und Schottlands?

Stilvoll: In seinem eleganten Laden kleidet Tom Reimer seine Kunden in saloppen Nadelstreif
Christian Andreas
Stilvoll: In seinem eleganten Laden kleidet Tom Reimer seine Kunden in saloppen Nadelstreif
Die aus Britannien, sagt Schneider Arnulf, weil sie unserem Klima besser angepasst und in den Manufakturen des Inselreiches auch länger gelagert seien. Die aus Italien, sagt Tom Reimer, weil es keine leichteren und legereren Stoffe gebe als die vom Südhang der Alpen.

"Häufig heißt es, die tollen Stoffe kommen aus Italien", sagt Max Dietl (41), Schneider in München, "die spießigeren aus England. Das stimmt aber nicht."

Denn selbst der italienische Edelkonfektionär Kiton, berühmt für allerfeinste, in Handarbeit hergestellte Anzüge von der Stange, kaufe viele seiner Stoffe - in England.

Dietl, Inhaber von Deutschlands - mit inzwischen 30 Schneidern - größter Maßschneiderei, hat sein Geschäft auf vier Etagen über der Münchener Residenzstraße und verkörpert sichtbar den Aufschwung der Zunft. Der Society-Löwe ist gar kein Schneider, sondern gelernter Bankkaufmann, der drei Meister beschäftigt, die ihm den Handwerksbetrieb führen. Seine Kunden finden sich im Adel, in der Showprominenz, unter Managern und reichen Russen.

Und wer von denen einmal auf den Maßgeschmack gekommen sei, so Dietls Erfahrung, der komme immer wieder. Bis er seine gesamte Garderobe zu Gunsten der edlen Handarbeit ausgetauscht habe.

Das freut den Modeunternehmer, nicht allein des Kommerzes wegen: "Mit der Maßschneiderei will ich der McDonaldisierung der Mode begegnen."

© manager magazin 4/2006
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