Donnerstag, 23. Mai 2019

Edelschneider Stil nach Maß

3. Teil: Sieht gut aus, und keiner weiß warum

Die Maßkonfektion versucht mit günstigen Angeboten in die Bezirke des traditionellen Handwerks einzubrechen. Dabei überlässt sie das Maßnehmen oftmals dem Kunden, verzichtet auf die Anproben ganz und gar und lässt bei der Fertigung in der Fabrik kleben, was das Zeug hält. Anstatt mit Nadel und Faden von Hand zu pikieren, zu heften und zu nähen. Was bei einem Anzug immerhin rund 60 Stunden dauert.

Modisch: Der Hamburger Schneider Tom Reimer lernte sein Handwerk in der Kostümbildnerei der Staatsoper
Christian Andreas
Modisch: Der Hamburger Schneider Tom Reimer lernte sein Handwerk in der Kostümbildnerei der Staatsoper
Dafür stehen dem Hamburger Schneider Tom Reimer (42) in seiner Kellerwerkstatt mit Ausblick auf einen Barockgarten am Mittelweg zwölf Gesellen und zwei Meister zur Verfügung. Einer von ihnen, Ghulan Raza, führt an einem halbfertigen Jackett auf dem Kleiderständer vor, worauf es ankommt: Das Innenleben unter Brust und Schulter, ausschlaggebend für die Passform, wird mit der Hand geheftet und behält so seine Beweglichkeit.

Viele Nähte werden bis zur letzten Anprobe nur provisorisch ausgeführt, sodass immer wieder nachgebessert werden kann. Getreu der alten Schneiderdevise: Der Maßanzug sieht gut aus, und keiner weiß warum.

Reimer, der sein Handwerk in der Kostümbildnerei der Hamburgischen Staatsoper gelernt hat, pflegt selbst einen aufwändigen Lebensstil. Zu seinen Kunden gehören der Designer Peter Schmidt sowie die Vorstände einer Privatbank. Diskretion und hanseatische Zurückhaltung spielen in seinem Geschäft eine große Rolle. "Ich schneidere Arbeitskleidung für Manager."

Und die soll möglichst salopp sein. Lockere Schnitte, leichte Stoffe, am liebsten aus Bella Italia.

© manager magazin 4/2006
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