WAZ Los, Kohle her!

Krach im Gesellschafterkreis der WAZ - die Familien genehmigten sich 400 Millionen Euro aus dem Unternehmensvermögen. Wer solche Gesellschafter hat, braucht keine Heuschrecken.
Von Klaus Boldt

Die Leute von der WAZ sind alle Milliardäre oder doch wenigstens beinahe. Einige von ihnen, kann man sagen, verjuxen auch ihr Geld. So was lässt sich nie ganz vermeiden. Aber spinnefeind, das sind sie sich fast alle.

Denn die Leute von der WAZ sind nicht nur mit Glücksgütern gesegnete, sondern auch raue und rabiate und üble und überhaupt ganz liebenswerte Burschen, die vor nichts Angst haben und sich mit jedem anlegen, der ihnen dumm oder dämlich kommt, und wenn's die eigenen Leute sind.

An einem Sommertag vergangenen Jahres zum Beispiel, am 20. Juli, hatten 520 Millionen Euro die Konten der WAZ geflutet in breitem, gurgelndem Strome. Es handelte sich um das Geld, das die Essener Verlagsgruppe für ihren RTL-Anteil von Bertelsmann bekommen hatte. 520 Millionen Euro sind eine hübsche Stange Geld. Auch für die Leute von der WAZ, die in großen Zahlen leben, denken, arbeiten und schwelgen.

Andererseits üben 520 Millionen Euro auch eine bemerkenswerte Wirkung aus: Denn - man stelle sich vor: nicht einmal acht Wochen später - am 9. September zur Nachmittagsstunde gegen fünf, halb sechs machten sich die Damen und Herren der WAZ sozusagen plündernd über ihre Firmenkasse her.

Und wer sich ganz nah zu ihnen hinabgebeugt hätte, der hätte sie vielleicht sogar schnaufen gehört wie alte, freundliche, tapfere Bernhardiner, die ihren Napf kaum schaffen, aber trotzdem nicht aufhören können.

Man füllte Überweisungen aus, dass es nur so schnalzte: Binnen Minuten flossen 409 Millionen Euro aus dem Vermögen des Familienunternehmens ab, als hätte jemand den Stöpsel aus der Badewanne gezogen.

Nur einer der Teilnehmer hatte bis zum Schluss gegen die Beschlagnahme demonstriert und sich, wenngleich vergeblich, seinen marodierenden Neffen und Schwägerinnen entgegengestellt, weil er der Meinung war und bis heute blieb, dass die Firma das Geld weit nötiger habe als die liebe Verwandtschaft.

Dieser eine war Günther Grotkamp, ein 78-jähriger Spezialist vom alten Schlag der Haudegen und (nach Maßgabe seiner Widersacher) der querulatorischen Spezialeffekte. Grotkamp blafft, er werde "den Teufel tun und auch nur ein Sterbenswort zu der ganzen Sache sagen". Denn die ganze Sache liegt seit dem 10. Oktober 2005 beim Landgericht Essen: Aktenzeichen 12 O 374/05.

Ein Prozess wie eine Streitaxt

Interessierte Kreise sprechen unterdessen davon, dass der Altmeister die Kapitalentnahme für geschäftsschädigend sowohl wie rechtswidrig halte, ihr gewissermaßen Überfallcharakter zuspricht: Die Verteilung von Verkaufserlösen unter den Eignerstämmen sei, laut Gesellschaftervertrag, streng verboten; obendrein habe die Überweisungsorgie gegen das herrschende Einstimmigkeitsprinzip verstoßen. Kurz, die Verwandten von der WAZ sollen ihre Beute wieder herausrücken, und zwar gefälligst.

Der anhängige Prozess spaltet die ohnehin einander nicht sonderlich zugeneigte Familie wie eine Streitaxt: Möglicherweise wird nun vor Gericht entschieden über die Zukunftsaussichten des drittgrößten deutschen Verlagshauses beziehungsweise darüber, ob es aus eigener Kraft wachsen kann oder ob seine Manager vor einer Akquise bei der Kreditabteilung der Sparkasse Essen vorsprechen müssen.

Einig sind sich alle Beteiligten nur darin, dass das Betriebssystem der WAZ nicht mehr zeitgemäß und einer Überholung dringend bedürftig ist.

Aber der Reihe nach. Bei dem Unternehmen, dessen Name so klingt wie ein Stupser ans Kinn, handelt es sich natürlich um die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" und die ihr angeschlossenen Verlagsgeschäfte, einen unübersichtlichen Haufen von rund 200 Firmen, der so aussieht, als habe ihn eine eifrige Hand aus einer Filzunterlage gerupft, um mit den Jungs vom Finanzamt ein bisschen Spaß zu haben.

Idyllisch gelegen neben den Bahngleisen in der Essener Stadtmitte, hat der Betrieb seinen Sitz. Die Fantasie der Besucher wird beim Anblick des sechsstöckigen Hauptquartiers, eines ausdruckslosen Zweckbaus, nicht übermäßig strapaziert: Entweder verdienen die Leute hier wenig Geld, oder sie haben eine feine Technik entwickelt, es gut zu verstecken. Schön ist das alles nicht. Aber schön soll das alles auch nicht sein.

Die Kommandoebenen der WAZ sind so flach wie die Tabletts in der Firmenkantine: Es gibt Geschäftsführer und Hauptabteilungsleiter - das war's. Von Stäben oder Direktoren nicht die Spur.

Seit Gründung der WAZ-Gruppe 1948 ist Öffentlichkeitsarbeit zwar keine gänzlich unbekannte, aber doch selten praktizierte Kunstform. Auf den Beifall der Mitwelt legen die ruppigen Ruhrbarone überhaupt keinen Wert.

In ihren Sortimenten findet sich nichts für den Kunstfreund, dafür allerhand preisgünstig hergestellter Lesestoff von sprödem Zuschnitt, den man aus Gewohnheit hält oder mangels Alternative. Das Verlagsprogramm führt so pragmatische Publikationen wie die "Neue Ruhr/Neue Rhein Zeitung", die "Westfälische Rundschau", das "Meininger Tageblatt" oder die "Ostthüringer Zeitung", dazu aberdutzende von Anzeigenblättern und Zeitschriften in Deutschland, Österreich ("Krone") und Südosteuropa, alle sortiert nach Kraft und nicht nach Schönheit. Bis 2005 zählten auch 7,5 Prozent an RTL zum Betriebsvermögen.

Zahlen so schwarz wie Eierbriketts

Finanziell befindet sich der Konzern in einem recht malerischen Zustand. 2005 nahmen die Essener knapp zwei Milliarden Euro ein. Die Zahlen sind so schwarz wie Eierbriketts: Der Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen dürfte gut geschätzte 200 Millionen Euro betragen. Der Jahresüberschuss kletterte um 40 Prozent nach oben. Schulden: so gut wie keine.

Die WAZ, die den Nachfahren ihrer Gründer Erich Brost und Jakob Funke gehört, ist der größte Regionalverlag des Kontinents. Freilich waren die Zahlen schon immer viel besser als die Stimmung.

Das Missverhältnis entspringt der WAZ-Konstruktion, einer Sehenswürdigkeit, die auf einer immer währenden Parität zwischen den Eignerfamilien beruht: Denn wie in jeder Partnerschaft, wo alle mitreden, aber niemand das Sagen hat, enden Entscheidungsprozesse häufig als Kompromiss - oder gar nicht.

Wenig förderlich für das Wirgefühl ist zudem, dass die beiden Sippen ernste politische Differenzen haben. Der Sozialdemokratie pfeifen nach wie vor die Brosts hinterher, deren Amtsgeschäfte der weißhaarige Großwildjäger Erich Schumann (75) und sein breiter Sekundant Bodo Hombach (53) führen, ehedem SPD-Kanzleramtsminister und EU-Balkan-Beauftragter.

Die Funkes hinwiederum sind konservativer Wesensart. Ihr zurzeit einziger Delegierter in der WAZ-Obrigkeit ist Detlef Haaks (45). Sein Vertrag läuft im Frühjahr 2007 aus und wird wohl nicht verlängert ... obwohl sich die verkrachte Funke-Truppe noch nicht einmal auf einen Nachfolger für ihren 2005 ausgeschiedenen zweiten Geschäftsführer Lutz Glandt (49) einigen konnte.

Nachdem der umworbene "Bild"-Geschäftsführer Christian Nienhaus von einem Wechsel an diese Stätte familiären Jammers und düsterer juristischer Zeremonien doch lieber abgesehen hatte, soll nach dem bald bevorstehenden Ausscheiden von Senior Schumann statt eines Spitzenquartetts wieder ein Duopol die Anstalt leiten.

Seine beste Zeit hatte der Familienbetrieb zweifellos, als Günther Grotkamp, ein eingeheirateter Funke, und Erich Schumann, ein adoptierter Brost, noch gemeinsam die Geschäfte führten: zwei nette Kerle, die unterschiedlicher nicht sein konnten, mit der Sanftmut aber beide ihre liebe Not hatten und mit der Güte gleich gar nicht zu Rande kamen.

Gesunde Härte im Umgang untereinander, aber auch bei der Behandlung der Konkurrenz bildete die Grundlage ihrer Geschäftsbeziehung. Einander auf Verderb und Gedeih ausgeliefert, verfolgten sie jahrelang eine Strategie, die in den Ohren empfindsamer Innungskollegen ungefähr so melodiös klang, als risse ein enthemmter Nachbar am Ostermorgen die Bretter vom Schweinekoben.

Die Sado-Maso-Bombenkerle

Statt aufeinander lenkten sie ihre Angriffslust nach außen: Lebensmüde Wettbewerber schafften sie sich im Revier nicht selten vom Hals, indem sie diese so lange in Preiskriege verwickelten, bis sie mürbe waren. Dann zupften sie sie hoch wie eine Baggerschaufel ein Säckchen Blumenerde.

Die Essener fuhrwerkten im Markt, aber fast noch lieber gern vor Gericht herum: Niemand beherrscht die schönen Künste des Wettbewerbsrechts so gut wie die Bombenkerle von der WAZ.

Ende 1999 quittierte Grotkamp den Dienst und entfaltet seither im Gesellschafterkreis eine schwächer werdende, aber immer noch kräftige Wirkung, die mit dem Attribut wohlgefällig allerdings nur unzureichend beschrieben wäre.

Unvergessen bleibt, wie gern sich das zuletzt unternehmungslustige Brost-Lager am Springer-Verlag , an der "Süddeutschen Zeitung" und an ProSiebenSat.1   beteiligt hätte.

Ebenso unvergessen bleibt auch, wie die Funke Familiengesellschaft FFG, in der sich die Funke-Töchter Gisela Holthoff (78), Renate Schubries (69) und Petra Grotkamp (62) samt Anhang organisiert haben, dagegen Einspruch erhob.

Namentlich Chefstratege Grotkamp, Gatte der Funke-Filia Petra und ein Skeptiker wie Schopenhauer, hatte gegen die Brost-Pläne wiederholt Bedenken angemeldet. Und weil nicht nur bei der WAZ, sondern auch bei der FFG das Einstimmigkeitsprinzip gilt oder doch zumindest angewandt wurde, kamen allerlei Geschäfte nicht zu Stande, gute sowohl wie schlechte.

Die Verbindung der Funkes mit den Brosts ähnelt psychologisch gesehen mithin einer Sado-Maso-Beziehung, wobei der quälende Part häufig wechselt, sodass man nie sicher sein kann, ob sie eigentlich befriedigend ist oder nicht.

Unverzüglich einer Meinung waren und sind die aneinander Geketteten nur in ihrer Passion für das Sparen, woran sie sich mangels anderer Gemeinsamkeiten berauschen können und von teuflischem Einfallsreichtum sind.

Wirtschaftlich steht die WAZ, die in den 80er Jahren viele Profitabilitätsrekorde aufgestellt hat, nicht mehr ganz so glänzend, aber immer noch gut da. Deshalb konnte sie sich einigen Firlefanz erlauben. Doch mit der Medienkrise kam ihr Wachstum zum Stillstand, die Umsätze blieben wie angewurzelt stehen.

Je mühsamer sich der Geschäftsgang gestaltete, desto gefährlicher wurde die Laune der Gesellschafter, die regelmäßig bis an die Grenze des Erlaubten gegangen waren und sich mit 80 Prozent der Unternehmensgewinne haben zuschütten lassen.

Die Angelegenheit spitzt sich zu

All dies muss man wissen, um die Kampf- und Konfliktbereitschaft Grotkamps zu verstehen, aber auch den Widerstand, auf den er stößt. Denn nicht nur den Zweig der Brosts versetzte Grotkamps wiederholter Widerstand in Wallung - auch Schwägerinnen schäumten: Die FFG, die den gebündelten Willen der Funkes repräsentieren soll, wurde eine echte Erregungsgemeinschaft. Der Neffe und Anwalt Stephan Holthoff-Pförtner (58) faucht, Onkel Günther "sucht die Konfrontation ganz bewusst. Wir werden von ihm in fast allen Fragen blockiert".

Als gäbe es das Einstimmigkeitsprinzip nicht, setzten sich die FFG-Gesellschafter Holthoff und Schubries zuletzt über den Willen der Grotkamps hinweg. Petra Grotkamp klagt, "dass meine Schwestern und auch mein Neffe nicht mehr dem Willen meines Vaters folgen".

Nachdem ihre Bemühungen, den Streit mit ihren Schwestern gütlich zu regeln, gescheitert waren, bat sie den Hamburger Rechtsprofessor Karsten Schmidt, Präsident der Bucerius Law School, um ein Gutachten. Und der stellte ein Attest aus, wonach die Gesellschafteranteile der Funke-Gruppe gesamthänderisch in der FFG gebunden lägen, einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts. Und dort gilt grundsätzlich das Einstimmigkeitsprinzip.

Auf ihre Schwestern wirkte die Expertise wenig überzeugend. Sie rechneten wohl auch nicht damit, dass ihre kleine Schwester sie vor Gericht bringen und das heilige Prinzip einklagen würde.

Tatsächlich erging am 13. Dezember 2005 vom Landgericht Essen ein - wenngleich noch nicht rechtskräftiges - Urteil, das Grotkamps Klage in wesentlichen Punkten stattgab. Schubries und Holthoff wollen in die Berufung gehen.

Die Weiterungen gestalten sich kompliziert, die Angelegenheit spitzt sich zu. Gesetzt den Fall, dass gegen den Willen der Grotkamps nichts laufen darf in der FFG und gegen den Willen der FFG auch nichts bei der WAZ selbst: War die Verteilung der RTL-Gelder dann illegal? Ergeben sich, Gott bewahre, Rückzahlungspflichten in Millionenhöhe?

Einiges spricht dafür, dass beim süffigen Vermögensbildungsprogramm möglicherweise auch gegen eine schriftliche Vereinbarung der Verlagsgründer Brost und Funke verstoßen wurde, derzufolge Verkaufserlöse - wie der von RTL - nicht ausgeschüttet werden dürfen.

Die Ereignisse rufen bei Betrachtern unterschiedliche Wertungen hervor. Grotkamp-Gegner glauben, einer eleganten Darbietung beigewohnt zu haben: "Alles lief ganz sauber ab. Auch die Geschäftsführung war ja daran interessiert, dass die Millionen aus der Kasse verschwanden. Denn sie hätte den Eignern sonst eine marktübliche Verzinsung ihrer Einlage garantieren müssen."

Monetäre Triebabfuhr

Von außen besehen, wirken die Vorgänge dagegen keineswegs hochklassig. Die spätsommerlichen Überweisungsfestspiele hatten spürbaren Überrumpelungscharakter und dienten augenscheinlich in erster Linie der monetären Triebabfuhr der Gesellschafter.

Ursprünglich sollte die Inszenierung am Dienstag, dem 6. September 2005, auf einer FFG-Gesellschafterversammlung zur Uraufführung kommen. Doch Frank "Dicki" Holthoff (51) beziehungsweise sein Bruder Stephan Holthoff-Pförtner, Sprecher der FFG, hatten nur vier Tage zuvor ihr überraschendes Begehr auf die Tagesordnung, man möchte fast sagen: geschmuggelt: die Ausschüttung von über 400 Millionen Euro.

Grotkamp, raunt ein Vertrauter, "war stocksauer: Der wollte über eine solche Summe doch nicht mal eben kurz entscheiden". Die Sitzung wurde vertagt auf Freitag, den 9. September.

Gegen Mittag versammelten sich die FFG-Deputierten zur Beratung im vierten Stock der Firmenzentrale in der Friedrichstraße. Anwesend waren Günther Grotkamp und sein Rechtsanwalt Andreas Urban von Heuking Kühn Lüer Wojtek, Klaus Schubries und sein Rechtsanwalt Dietrich Max von der Kanzlei Taylor Wessing sowie Stephan Holthoff-Pförtner in Begleitung des Advokaten Dieter Eberle, Majordomus der Hopf-Holding, des Firmenparks der Holthoff-Brüder.

Holthoff-Pförtner und Schubries kamen schnell zur Sache und meldeten ihren dringenden Wunsch nach Auszahlung von 409 Millionen Euro an. Sie begründeten ihr Anliegen mit dem frohen Eingang der RTL-Millionen im Juli.

Grotkamp konnte den Eindruck unterdrückter Lebensfreude nicht verbergen, schaltete auf stur und verlieh seiner festen Überzeugung Aus- und Nachdruck, dass das Geld angesichts der Konjunkturkrise im Unternehmen besser aufgehoben sei. Überdies verbiete der Gesellschaftervertrag bekanntlich die Auszahlung von Verkaufserlösen.

Schubries und Holthoff hingegen stützen sich auf einen Passus im Gesellschaftervertrag, in dem es heißt: "Werden Beteiligungen von WAZ veräußert, sollen die Erlöse, wenn nicht ... über anderweitige Verwendung ... eine Verständigung zwischen den Gruppen Brost und Funke erfolgt, wieder zu gleichartigem Zweck verwandt werden".

Nun, es war ja zwischen den Gruppen Brost und Funke eine Verständigung über eine anderweitige Verwendung erfolgt, wenngleich nur mehrheitlich (und gegen den Willen Grotkamps): Man wollte ran ans schöne, gute Bare.

Holthoff-Pförtner weist in diesem Zusammenhang noch auf eine gute Tradition hin, derzufolge "bei der WAZ noch nie ein Geschäft an mangelnder Liquidität gescheitert ist". In der Tat sind die Eigner bisweilen mit eigenem Geld eingesprungen: Den Kauf der RTL-Anteile etwa hatten Brosts und Funkes 1997 mit rund 275 Millionen Mark bezuschusst.

Geplünderte Rücklagen

Doch auf die alte Gönnerlaune mochte Grotkamp nicht setzen. Sein Gütevorschlag, sich wenigstens mit 200 Millionen Euro zu bescheiden, stieß indes auf gar keine Gegenliebe.

Die Abneigung, das Kapital dort zu lassen, wo es gebraucht wird, nämlich in einem Unternehmen, das 16.000 Leute beschäftigt, mag auch daher rühren, dass in der FFG nur eine Leiberbenregelung besteht, der adoptierte Stephan Holthoff-Pförtner mithin nicht erbberechtigt ist. Und auch der ebenfalls adoptierte Brost-Sohn Erich Schumann ist nur Vor-, die Enkel von Erich Brost aber sind Nacherben. Zu guter Letzt leben alle Funke-Töchter in Gütertrennung. Die Vorstellung, das Firmenvermögen zu mehren, löst deshalb nicht bei allen Beteiligten helle Freude aus.

Weil die RTL-Millionen aus Steuergründen nicht durchgereicht werden konnten, weil man aber auch partout nicht warten wollte, verfiel die Runde auf die Idee, die Rücklagen von fünf WAZ-Kerngesellschaften zu plündern oder, vornehm ausgedrückt: ganz oder teilweise aufzulösen. Eine weitsichtige Geschäftspolitik sieht anders aus.

Dann ging alles ruck, zuck. Es war ja nicht ausgeschlossen, dass Sittenwächter Grotkamp versuchen würde, die geplante Kassenkaperung per einstweiliger Verfügung aufzuhalten.

Eine ganz seltsame Fügung sorgte dafür, dass zufälligerweise alle für ein schnelles Geschäft notwendigen Personen vor Ort waren. Hatten die FFG-Renegaten und ihre Kollaborateure bei den Brosts tatsächlich an alles gedacht?

Kaum war die FFG-Sitzung gegen 16 Uhr geschlossen worden, trat ein Stockwerk tiefer die WAZ-Spitze zusammen: Gesellschafter Erich Schumann, die Geschäftsführer Bodo Hombach (Brost-Seite), Lutz Glandt, Detlef Haaks (beide Funke-Seite), die Finanzleute Ulrich Hölscher und Ingo Howe, dazu die FFG-Überläufer Holthoff-Pförtner, Eberle und Max. Grotkamp wusste von nichts.

Blitzartig habe sich die Runde ans Bereichern gemacht. Die Szenerie hatte etwas Huschendes, nicht unähnlich einem knappen Dutzend schlauer Kater, die vor dem Wochenende noch mal kurz durch die Drehtür schlüpfen.

Montag und Dienstag gingen auf den Konten der FFG-Gesellschafter Holthoff, Schubries und Grotkamp jeweils rund 68 Millionen Euro ein; Erich Schumann und seine Adoptivmutter Anneliese Brost (85) teilten sich den Rest.

Vorerst bleibt alles in der Schwebe. Ein ungelöster Fall. Frühestens im Sommer wird das Landgericht Essen ordentlich Recht sprechen. Bis dahin sollten die WAZ-Leute ihr Geld vielleicht noch nicht ausgeben.

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