Montag, 23. September 2019

WAZ Los, Kohle her!

7. Teil: Geplünderte Rücklagen

Doch auf die alte Gönnerlaune mochte Grotkamp nicht setzen. Sein Gütevorschlag, sich wenigstens mit 200 Millionen Euro zu bescheiden, stieß indes auf gar keine Gegenliebe.

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Die Abneigung, das Kapital dort zu lassen, wo es gebraucht wird, nämlich in einem Unternehmen, das 16.000 Leute beschäftigt, mag auch daher rühren, dass in der FFG nur eine Leiberbenregelung besteht, der adoptierte Stephan Holthoff-Pförtner mithin nicht erbberechtigt ist. Und auch der ebenfalls adoptierte Brost-Sohn Erich Schumann ist nur Vor-, die Enkel von Erich Brost aber sind Nacherben. Zu guter Letzt leben alle Funke-Töchter in Gütertrennung. Die Vorstellung, das Firmenvermögen zu mehren, löst deshalb nicht bei allen Beteiligten helle Freude aus.

Weil die RTL-Millionen aus Steuergründen nicht durchgereicht werden konnten, weil man aber auch partout nicht warten wollte, verfiel die Runde auf die Idee, die Rücklagen von fünf WAZ-Kerngesellschaften zu plündern oder, vornehm ausgedrückt: ganz oder teilweise aufzulösen. Eine weitsichtige Geschäftspolitik sieht anders aus.

Dann ging alles ruck, zuck. Es war ja nicht ausgeschlossen, dass Sittenwächter Grotkamp versuchen würde, die geplante Kassenkaperung per einstweiliger Verfügung aufzuhalten.

Eine ganz seltsame Fügung sorgte dafür, dass zufälligerweise alle für ein schnelles Geschäft notwendigen Personen vor Ort waren. Hatten die FFG-Renegaten und ihre Kollaborateure bei den Brosts tatsächlich an alles gedacht?

Kaum war die FFG-Sitzung gegen 16 Uhr geschlossen worden, trat ein Stockwerk tiefer die WAZ-Spitze zusammen: Gesellschafter Erich Schumann, die Geschäftsführer Bodo Hombach (Brost-Seite), Lutz Glandt, Detlef Haaks (beide Funke-Seite), die Finanzleute Ulrich Hölscher und Ingo Howe, dazu die FFG-Überläufer Holthoff-Pförtner, Eberle und Max. Grotkamp wusste von nichts.

Blitzartig habe sich die Runde ans Bereichern gemacht. Die Szenerie hatte etwas Huschendes, nicht unähnlich einem knappen Dutzend schlauer Kater, die vor dem Wochenende noch mal kurz durch die Drehtür schlüpfen.

Montag und Dienstag gingen auf den Konten der FFG-Gesellschafter Holthoff, Schubries und Grotkamp jeweils rund 68 Millionen Euro ein; Erich Schumann und seine Adoptivmutter Anneliese Brost (85) teilten sich den Rest.

Vorerst bleibt alles in der Schwebe. Ein ungelöster Fall. Frühestens im Sommer wird das Landgericht Essen ordentlich Recht sprechen. Bis dahin sollten die WAZ-Leute ihr Geld vielleicht noch nicht ausgeben.

© manager magazin 4/2006
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