Freitag, 22. November 2019

WAZ Los, Kohle her!

6. Teil: Monetäre Triebabfuhr

Von außen besehen, wirken die Vorgänge dagegen keineswegs hochklassig. Die spätsommerlichen Überweisungsfestspiele hatten spürbaren Überrumpelungscharakter und dienten augenscheinlich in erster Linie der monetären Triebabfuhr der Gesellschafter.

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Ursprünglich sollte die Inszenierung am Dienstag, dem 6. September 2005, auf einer FFG-Gesellschafterversammlung zur Uraufführung kommen. Doch Frank "Dicki" Holthoff (51) beziehungsweise sein Bruder Stephan Holthoff-Pförtner, Sprecher der FFG, hatten nur vier Tage zuvor ihr überraschendes Begehr auf die Tagesordnung, man möchte fast sagen: geschmuggelt: die Ausschüttung von über 400 Millionen Euro.

Grotkamp, raunt ein Vertrauter, "war stocksauer: Der wollte über eine solche Summe doch nicht mal eben kurz entscheiden". Die Sitzung wurde vertagt auf Freitag, den 9. September.

Gegen Mittag versammelten sich die FFG-Deputierten zur Beratung im vierten Stock der Firmenzentrale in der Friedrichstraße. Anwesend waren Günther Grotkamp und sein Rechtsanwalt Andreas Urban von Heuking Kühn Lüer Wojtek, Klaus Schubries und sein Rechtsanwalt Dietrich Max von der Kanzlei Taylor Wessing sowie Stephan Holthoff-Pförtner in Begleitung des Advokaten Dieter Eberle, Majordomus der Hopf-Holding, des Firmenparks der Holthoff-Brüder.

Holthoff-Pförtner und Schubries kamen schnell zur Sache und meldeten ihren dringenden Wunsch nach Auszahlung von 409 Millionen Euro an. Sie begründeten ihr Anliegen mit dem frohen Eingang der RTL-Millionen im Juli.

Grotkamp konnte den Eindruck unterdrückter Lebensfreude nicht verbergen, schaltete auf stur und verlieh seiner festen Überzeugung Aus- und Nachdruck, dass das Geld angesichts der Konjunkturkrise im Unternehmen besser aufgehoben sei. Überdies verbiete der Gesellschaftervertrag bekanntlich die Auszahlung von Verkaufserlösen.

Schubries und Holthoff hingegen stützen sich auf einen Passus im Gesellschaftervertrag, in dem es heißt: "Werden Beteiligungen von WAZ veräußert, sollen die Erlöse, wenn nicht ... über anderweitige Verwendung ... eine Verständigung zwischen den Gruppen Brost und Funke erfolgt, wieder zu gleichartigem Zweck verwandt werden".

Nun, es war ja zwischen den Gruppen Brost und Funke eine Verständigung über eine anderweitige Verwendung erfolgt, wenngleich nur mehrheitlich (und gegen den Willen Grotkamps): Man wollte ran ans schöne, gute Bare.

Holthoff-Pförtner weist in diesem Zusammenhang noch auf eine gute Tradition hin, derzufolge "bei der WAZ noch nie ein Geschäft an mangelnder Liquidität gescheitert ist". In der Tat sind die Eigner bisweilen mit eigenem Geld eingesprungen: Den Kauf der RTL-Anteile etwa hatten Brosts und Funkes 1997 mit rund 275 Millionen Mark bezuschusst.

© manager magazin 4/2006
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