Montag, 11. November 2019

WAZ Los, Kohle her!

3. Teil: Zahlen so schwarz wie Eierbriketts

Finanziell befindet sich der Konzern in einem recht malerischen Zustand. 2005 nahmen die Essener knapp zwei Milliarden Euro ein. Die Zahlen sind so schwarz wie Eierbriketts: Der Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen dürfte gut geschätzte 200 Millionen Euro betragen. Der Jahresüberschuss kletterte um 40 Prozent nach oben. Schulden: so gut wie keine.

Die WAZ, die den Nachfahren ihrer Gründer Erich Brost und Jakob Funke gehört, ist der größte Regionalverlag des Kontinents. Freilich waren die Zahlen schon immer viel besser als die Stimmung.

Bodo Hombach: Der frühere Kanzleramtsminister ist der neue starke Mann der WAZ; allerdings nur theoretisch
Das Missverhältnis entspringt der WAZ-Konstruktion, einer Sehenswürdigkeit, die auf einer immer währenden Parität zwischen den Eignerfamilien beruht: Denn wie in jeder Partnerschaft, wo alle mitreden, aber niemand das Sagen hat, enden Entscheidungsprozesse häufig als Kompromiss - oder gar nicht.

Wenig förderlich für das Wirgefühl ist zudem, dass die beiden Sippen ernste politische Differenzen haben. Der Sozialdemokratie pfeifen nach wie vor die Brosts hinterher, deren Amtsgeschäfte der weißhaarige Großwildjäger Erich Schumann (75) und sein breiter Sekundant Bodo Hombach (53) führen, ehedem SPD-Kanzleramtsminister und EU-Balkan-Beauftragter.

Die Funkes hinwiederum sind konservativer Wesensart. Ihr zurzeit einziger Delegierter in der WAZ-Obrigkeit ist Detlef Haaks (45). Sein Vertrag läuft im Frühjahr 2007 aus und wird wohl nicht verlängert ... obwohl sich die verkrachte Funke-Truppe noch nicht einmal auf einen Nachfolger für ihren 2005 ausgeschiedenen zweiten Geschäftsführer Lutz Glandt (49) einigen konnte.

Nachdem der umworbene "Bild"-Geschäftsführer Christian Nienhaus von einem Wechsel an diese Stätte familiären Jammers und düsterer juristischer Zeremonien doch lieber abgesehen hatte, soll nach dem bald bevorstehenden Ausscheiden von Senior Schumann statt eines Spitzenquartetts wieder ein Duopol die Anstalt leiten.

Seine beste Zeit hatte der Familienbetrieb zweifellos, als Günther Grotkamp, ein eingeheirateter Funke, und Erich Schumann, ein adoptierter Brost, noch gemeinsam die Geschäfte führten: zwei nette Kerle, die unterschiedlicher nicht sein konnten, mit der Sanftmut aber beide ihre liebe Not hatten und mit der Güte gleich gar nicht zu Rande kamen.

Gesunde Härte im Umgang untereinander, aber auch bei der Behandlung der Konkurrenz bildete die Grundlage ihrer Geschäftsbeziehung. Einander auf Verderb und Gedeih ausgeliefert, verfolgten sie jahrelang eine Strategie, die in den Ohren empfindsamer Innungskollegen ungefähr so melodiös klang, als risse ein enthemmter Nachbar am Ostermorgen die Bretter vom Schweinekoben.

© manager magazin 4/2006
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