Donnerstag, 19. September 2019

WAZ Los, Kohle her!

2. Teil: Ein Prozess wie eine Streitaxt

Interessierte Kreise sprechen unterdessen davon, dass der Altmeister die Kapitalentnahme für geschäftsschädigend sowohl wie rechtswidrig halte, ihr gewissermaßen Überfallcharakter zuspricht: Die Verteilung von Verkaufserlösen unter den Eignerstämmen sei, laut Gesellschaftervertrag, streng verboten; obendrein habe die Überweisungsorgie gegen das herrschende Einstimmigkeitsprinzip verstoßen. Kurz, die Verwandten von der WAZ sollen ihre Beute wieder herausrücken, und zwar gefälligst.

 Wem gehört die WAZ? Alle reden mit, keiner hat das Sagen
manager magazin
Wem gehört die WAZ? Alle reden mit, keiner hat das Sagen
Der anhängige Prozess spaltet die ohnehin einander nicht sonderlich zugeneigte Familie wie eine Streitaxt: Möglicherweise wird nun vor Gericht entschieden über die Zukunftsaussichten des drittgrößten deutschen Verlagshauses beziehungsweise darüber, ob es aus eigener Kraft wachsen kann oder ob seine Manager vor einer Akquise bei der Kreditabteilung der Sparkasse Essen vorsprechen müssen.

Einig sind sich alle Beteiligten nur darin, dass das Betriebssystem der WAZ nicht mehr zeitgemäß und einer Überholung dringend bedürftig ist.

Aber der Reihe nach. Bei dem Unternehmen, dessen Name so klingt wie ein Stupser ans Kinn, handelt es sich natürlich um die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" und die ihr angeschlossenen Verlagsgeschäfte, einen unübersichtlichen Haufen von rund 200 Firmen, der so aussieht, als habe ihn eine eifrige Hand aus einer Filzunterlage gerupft, um mit den Jungs vom Finanzamt ein bisschen Spaß zu haben.

Idyllisch gelegen neben den Bahngleisen in der Essener Stadtmitte, hat der Betrieb seinen Sitz. Die Fantasie der Besucher wird beim Anblick des sechsstöckigen Hauptquartiers, eines ausdruckslosen Zweckbaus, nicht übermäßig strapaziert: Entweder verdienen die Leute hier wenig Geld, oder sie haben eine feine Technik entwickelt, es gut zu verstecken. Schön ist das alles nicht. Aber schön soll das alles auch nicht sein.

Die Kommandoebenen der WAZ sind so flach wie die Tabletts in der Firmenkantine: Es gibt Geschäftsführer und Hauptabteilungsleiter - das war's. Von Stäben oder Direktoren nicht die Spur.

Seit Gründung der WAZ-Gruppe 1948 ist Öffentlichkeitsarbeit zwar keine gänzlich unbekannte, aber doch selten praktizierte Kunstform. Auf den Beifall der Mitwelt legen die ruppigen Ruhrbarone überhaupt keinen Wert.

In ihren Sortimenten findet sich nichts für den Kunstfreund, dafür allerhand preisgünstig hergestellter Lesestoff von sprödem Zuschnitt, den man aus Gewohnheit hält oder mangels Alternative. Das Verlagsprogramm führt so pragmatische Publikationen wie die "Neue Ruhr/Neue Rhein Zeitung", die "Westfälische Rundschau", das "Meininger Tageblatt" oder die "Ostthüringer Zeitung", dazu aberdutzende von Anzeigenblättern und Zeitschriften in Deutschland, Österreich ("Krone") und Südosteuropa, alle sortiert nach Kraft und nicht nach Schönheit. Bis 2005 zählten auch 7,5 Prozent an RTL zum Betriebsvermögen.

© manager magazin 4/2006
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