Aspen Der Zauberberg

Für ein paar Wochen im Jahr zieht es Amerikas Film- und Business-Prominenz in das Glitzerdorf im Süden der Rocky Mountains. Ein glamouröses, teures Vergnügen, das sich auch viele Deutsche gönnen, die sich in St. Moritz oder Kitzbühel langweilen.
Von Craig Vetter

Der Ort wirkt, als hätte ein Riese den Glassturz von der Schneekugel seines Kindes abgenommen: ein perfektes kleines Dorf - voller kitschiger Luxusläden, edler Restaurants und schicker Hotels. Eingebettet zwischen vier perfekten Skibergen, die Hänge flankiert von den extravaganten Chalets und den exorbitant teuren Villen der amerikanischen Film- und Business-Prominenz. Ein Ort, an dem die Milliardäre die Millionäre an den Rand gedrängt haben, wo Glitter und Glamour Winterurlaub zelebrieren.

Wer etwas auf sich hält, schwebt in seinem Privatjet über die Rocky Mountains nach Aspen ein. Auf dem kleinen Flughafen Sardy Field ist das Fluggerät von Wall-Street-Größen und Filmprominenz aufgereiht wie die Tauben auf der Via Veneto in Rom.

Wenn aber die normale Einwohnerzahl Aspens über Weihnachten und Silvester von 6000 auf über 30.000 anschwillt, fliegen die meisten dann doch nicht in Lear-Jets und Gulfstreams ein - für all die Berühmtheiten, die hier landen wollen, gibt es viel zu wenig Platz. Allein in der Weihnachtswoche bekamen mehr als 100 Privatjets keine Landeerlaubnis.

Die Masse kommt wegen der atemberaubenden Pisten ins Roaring Fork Valley. Was den Deutschen Mallorca, ist den Amerikanern Aspen. Weihnachten erreichte die Aspen Ski Company mit dem Verkauf von rund 13.000 Lifttickets auf Aspen Mountain, Aspen Highlands, Buttermilk und Snowmass einen neuen Tagesrekord.

Ski fahren ist die eine Attraktion, die andere ist der Tratsch und der Klatsch aus dem Mikrokosmos der Aspen-Society. In dieser Saison war das Hauptereignis der angebliche Diebstahl von Kevin Costners Laptop, auf dem die Fotos von seiner Hochzeit mit Christine Baumgartner gespeichert waren. Der vermeintliche Übeltäter, der Chef eines örtlichen Frisiersalons, befindet sich inzwischen gegen eine Kaution von 5000 Dollar auf freiem Fuß und beteuert steif und fest seine Unschuld.

Silver Queen Gondola: Die Bergbahn fährt auf den Berg Ajax

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Foto: DDP
Winterskol Festival: Feuerwerk inklusive

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Foto: DDP
Snowmass Village: 95 Prozent der Gäste sind zum Ski fahren hier

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Foto: DDP
Cloud Nine Restaurant: Essen und den Blick genießen

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Glitzerdorf im Süden der Rocky Mountains
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Aspen tauchte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wegen seiner damals reichhaltigen Silberminen auf der Landkarte auf, die ersten Skischneisen wurden erst 1947 in die Wälder gehauen.

Damals kam Klaus Obermeyer hierher und gründete Sport Obermeyer, eine der renommiertesten Firmen für Winterbekleidung in den USA. Heute trifft man den freundlichen alten Herrn, mit seinen 86 Jahren Aspens prominentester deutsch-amerikanischer Bürger, oft bei Frühstück und Kontaktpflege in der "Wienerstube" an, dem von deutschen Aspen-Anhängern bevorzugten Restaurant.

Zweitsport Promi-Spotting

Thomas Gottschalk tauchte hier schon ab, diese Weihnachten tat es Topmodel und Aushilfsmoderatorin Heidi Klum, die ihren Gatten Seal begleitete. Der Sänger war für einen Auftritt in einem der angesagten Clubs angereist.

Der Aspen Mountain, der Hauptberg des Tals, ist der perfekte Schneefänger, wenn die Stürme aus dem Westen heranfegen. Ski laufen können hier nur die Profis und die Waghalsigen.

Langlauf: In Aspen/Snowmass gibt es 80 km Loipen

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Apres Ski: Beliebter Treffpunkt "Ajax Tavern"

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Foto: DDP
Tiefschnee: Wunderbares Wedeln in den Highlands von Aspen

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Hannah Teter lässt grüßen: Eine Snowboarderin in einer Halfpipe in Trenchtown

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"Champagne-Powder": Skiparadies für jede Sportart
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Vom Gipfelrestaurant "Sundeck", an der Bergstation der Gondelbahn in 3418 Metern Höhe, beginnen spektakulär abwechslungsreiche und steile Double-Black-Diamond-Abfahrten - die amerikanische Maßeinheit für extrem schwierige Pisten - wie die "Ridge of Bell" und die "Mine Dumps", die im Herzen der Stadt beim "Little Nell" enden.

Der lokale Fernsehsender überträgt ständig Bilder vom Gipfel, sodass man sich bei ungemütlichen Wetterverhältnissen am Berg die Anstrengung sparen und gleich dem zweitbeliebtesten Sport in Aspen frönen kann: Promi-Spotting.

So einfach wie Popstar Mariah Carey, die kurz vor Silvester in einem Hauch von Goldlamé zu einer Schlittenfahrt mit "Vogue"-Modekritiker André Leon Talley auftauchte, machen es einem allerdings die wenigsten.

Es braucht ein wenig Übung und ein scharfes Auge, um die Stars unter ihrer Vermummung aus Skianzügen und Schutzbrillen auszumachen, doch bei der Masse an Reichen und Schönen, die ihre zweite, dritte oder gar vierte Adresse in Aspen haben, wird man irgendwann beinahe zwangsläufig die Seilbahngondel oder den Gehsteig mit einem Film- und Fernsehstar oder einer Industrie-und-Gesellschaftsgröße teilen.

Theodore Forstmann, König der Heuschrecken, hat auf dem Red Mountain ein 17 Millionen Dollar teures Haus mit grandiosem Blick über die Stadt. Die 40 Millionen Dollar teure Ranch auf den 25 Hektar gleich nebenan gehört Les Wexner, dem Chairman der Bekleidungskette Limited Brands. Der saudische Prinz Bandar hält mit seiner 5000 Quadratmeter großen Bleibe in Starwood dagegen.

Immobilientycoon Donald Trump hat ebenso ein Haus hier wie Medienmogul Rupert Murdoch, der Filmproduzent Steve Tisch und Virgin-Gründer Richard Branson. Hollywood-Großkotz Jack Nicholson gebietet gleich über zwei Anwesen, ein viktorianisches im alten Westen der Stadt und ein Quartier oben am Castle Creek, wo er mit seinen Freunden auf den Ausgang der sonntäglichen Football-Spiele wettet. Michael Douglas und Catherine Zeta-Jones besitzen eine große Ranch in Owl Creek am Snowmass, unweit des Anwesens der US-Talkshow-Queen Oprah Winfrey, der "Two Creeks Ski-in/Ski-out Lodge" - mit direktem Pistenzugang.

Champagner mal anders

Und wenn man all die anderen hinzuzählt, die sonst noch einfliegen, um über Weihnachten ihre Rocky-Mountains-Residenz zu nutzen, dann müssten Hollywood und Beverly Hills zwischen den Jahren eigentlich menschenleer sein.

Ivana Trump etwa, die zum ersten Mal seit Jahrzehnten ohne männliche Begleitung in Aspen gesehen wurde, gab zusammen mit ihrer Mutter in der Boutique von Dennis Basso 50.000 Dollar für zwei Pelzmäntel aus.

Enrique Iglesias und Anna Kournikova dementierten Trennungsgerüchte mit einem gemeinsamen Clubbesuch. Und Hollywood-Star Will Smith stemmte zusammen mit Baseball-Held Barry Bonds und Snowboard-Ass Chris Klug Gewichte im Aspen Club & Spa.

Mit einer Hand voll Dollar kann dem Glück auch ein wenig nachgeholfen werden. So verlangt etwa der "Caribou Club", die derzeit heißeste Adresse der Glamour Crowd, zwischen 500 und 1000 Dollar pro Woche für den Zutritt in die Glitzerwelt. Wer sich allerdings in einer der Suiten des "Brand"-Hotels einquartiert, bekommt den Clubeintritt kostenlos obendrauf.

Wegen der Heerscharen von Paparazzi fand das gesellschaftliche Leben zwischen Weihnachten und Neujahr hauptsächlich hinter verschlossenen Türen statt. "Ich habe noch nie so viele von diesen Typen hier gesehen", sagt der altgediente Sheriff Bob Braudis: "Wir hatten eine ganze Menge Beschwerden. Kate Moss wurde ebenso gejagt wie Will Smith. Michael Douglas, Catherine Zeta-Jones, Jerry Seinfield und Sarah Jessica Parker waren alle hier - aber man hat nicht viel von ihnen gesehen. Die meisten haben sich gegenseitig auf ihren Festen besucht."

Tagsüber verstreuen sich die Berühmtheiten dann wie die Masse der Skitouristen auch - getarnt mit großen Brillen und dicken Skiklamotten -, über die Berge. Der Rücken des Aspen Mountain etwa ist ein hinreißend weites Areal voller "Champagne-Powder" - staubtrockener Pulverschnee der Extraklasse.

Hierher werden die Skifahrer in Schneeraupen gekarrt, auf Touren, die von Aspen Mountain Powder Tours organisiert werden.

Die luxuriösen Gefährte werden stets von zwei erfahrenen Bergführern und Lawinenexperten begleitet und bieten Platz für zwölf Personen samt Skiausrüstung.

Die Abfahrten auf diesen Touren sind nur etwas für gute Skiläufer. Wer das werden will, dem bieten das "Little Annie Basin" oder die Westseite vom "Richmond Ridge" atemberaubend schöne Abfahrten, auf denen Platz genug ist, das Fahren im tiefen Pulverschnee zu trainieren und zu perfektionieren.

Double-Black-Diamond-Lifestyle

Auch für Spitzenkönner findet sich die passende Herausforderung. Wer sich besonders fit fühlt und rechtzeitig in der Weihnachtswoche aufkreuzt, kann den Aspen Mountain bei Nacht erstürmen: "Storm the Stars" heißt das alljährlich stattfindende Wettrennen, zu dem sich die Läufer um 18 Uhr im Tal versammeln und sich, ausgestattet mit Schneeschuhen, Tourenski, Steigfellen und Stirnlampen, aufmachen, einen Höhenunterschied von gut 1000 Metern auf 3,2 Kilometern extrem steilen Geländes zu überwinden.

Die Schnellsten bringen die mörderische Strecke bis zum Ziel in 3418 Metern Höhe in etwas mehr als einer Dreiviertelstunde hinter sich. Anschließend, und das ist in Aspen nach jeder sportlichen Großtat unerlässlich, wird exzessiv gefeiert.

Knapp 18 Kilometer westlich, in einem Tal, das von vier der schönsten Berge der Rockies begrenzt wird, liegt der Snowmass, der mehr Platz zum Ski fahren auf seinem Rücken hat als die drei anderen Berge zusammen. Am schönsten fährt es sich hier den "Big Burn" hinunter.

Der Legende nach haben Indianer diesen etwa eine Meile breiten Streifen auf einer Länge von anderthalb Meilen als Warnung an die weißen Siedler niedergebrannt. Hunderte von Eigentumswohnungen und Hütten am Rande der Snowmass-Pisten zeugen von der Vergeblichkeit dieser Drohgebärde. Und weil die Bäume nie nachgewachsen sind, bietet der Big Burn riesigen Freiraum für absolut berauschende Schussfahrten.

Neben den Voll- und Teilzeitbewohnern leben am Snowmass auch etwa 200 Schlittenhunde. Man findet sie in den Zwingern des "Krabloonik". Hinter den großen Panoramafenstern des Restaurants, das außer Wild zum Lunch und Dinner eine erstklassig bestückte Weinkarte bietet, können die Gäste zusehen und zuhören, wie die heulende Hundemeute von den Schlittenführern für die zweistündigen Touren zusammengestellt wird.

Aspen selbst ist berüchtigt für seinen Double-Black-Diamond-Lifestyle.

Die Läden innerhalb der fünf Straßenblocks im Zentrum strotzen vor Preziosen, deren Preise das Limit jeder Platinkreditkarte sprengen: Pelze, Schmuck, Designermode, Skiausrüstung, alte und neue Kunst, Glas, Drucke, Skulpturen - angeboten von über 50 Galerien.

Und die Geschäfte liefen gut an den Feiertagen. "Das Weihnachtsgeschäft war außergewöhnlich", sagt etwa Michael Koski von der ES Lawrence Gallery: "Wir haben in den vergangenen Wochen vor allem Werke des brasilianischen Künstlers Hamilton Aguiar verkauft, der mit Öl auf Silberblättern malt."

Die ultimative Aspen-Frau

Exotische Mitbringsel dieser Art gibt es an einem Ort wie diesem genug. Unter den ausgefallensten Angeboten dieser Saison befand sich ein signiertes Foto zum Preis von 3000 Dollar: vom einstmals schillerndsten Bewohner Aspens, dem legendär exzentrischen Starjournalisten Hunter S. Thompson, dessen Asche im August auf einer Zwei-Millionen-Dollar-Sause mit einer Kanone himmelwärts geschossen wurde - arrangiert und bezahlt von Hollywood-Exzentriker Johnny Depp.

In Aspen erscheint nahezu alles käuflich, selbst eine Frau zum Heiraten. Diese Weihnachten jedenfalls heuerte ein anonymer Junggeselle aus Aspen, der sich selbst als "vermögend und sehr erfolgreich" anpries, einen Heiratsvermittler aus New York an, der ihm die ultimative Aspen-Frau besorgen sollte: patent, sexy, weltgewandt, sportlichelegant und heiratswillig.

Zumindest in der Bar vom "Little Nell" dürfte das Angebot auf wenig Interesse gestoßen sein. Schon deshalb, weil es in diesem mondänen Après-Ski-Treff am Fuß des Aspen Mountain von reichen und angesagten Leuten nur so wimmelt. Und sich die ultimative Aspen-Frau dort auch ohne Heiratsvermittler den Passenden aussuchen kann.

Die Bars und Clubs downtown stehen dicht an dicht in kräfteschonender Fußläufigkeit. Das "Belly Up" etwa, ein angesagter Musik- und Tanz-Club, spielt an sieben Tagen die Woche Livemusik und lässt oft hochkarätige Bands und Musiker auftreten. Diese Weihnachtssaison gab Country-Sänger Jimmy Buffett unter dem Künstlernamen "Freddy and the Fishsticks" ein einmaliges Gastspiel vor ausverkauftem Haus - zu Eintrittspreisen von 650 Dollar.

Der "Lava Room" ist ein von Hip-Hop und DJs angeheizter Schuppen voller Singles, die hier die Nacht durch tanzen; der "Club Chelsea" ist eine elegante Pianobar mit Tanzfläche, einem privaten Rauchsalon und einem Sortiment bester Zigarren.

Die historische Zuflucht unter den Aspener Hotels, "The Jerome", steht fest gemauert seit 1889 an der Ecke Main und North Mill Street. Jerome Wheeler, Mitinhaber von "Macy's" in New York, baute es, wie er sagte, um mit dem "Ritz" in Paris gleichzuziehen. Vor kurzem umgestaltet und mit viktorianischem Glanz restauriert, bietet es 92 Suiten und zwei Restaurants.

Lange bevor in Aspen Skipisten planiert und Lifte gebaut wurden, versorgte die "J-Bar" im Hotel die Arbeiter aus den Silberminen, und später trank Gary Cooper in diesem Saloon mit ehemaligen US-Präsidenten. Cooper und seine Freunde sind natürlich längst verweht, doch viel hat sich nicht verändert. Es wäre gar nicht so ungewöhnlich, um Weihnachten herum in der "J-Bar" George Clooney beim gemeinsamen Cocktail mit einem anderen häufig gesehenen Gast, William Jefferson Clinton, anzutreffen.

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