Finanzplanung Der lange Marsch

Beim Geldanlegen regiert allzu oft der Zufall. Denn die Planung ihrer Finanzen gilt den meisten Deutschen als zu kompliziert und langweilig - sie schieben das leidige Thema einfach weg. manager magazin hat gerechnet und zeigt vier Wege, wie Sie sich systematisch ein Vermögen schaffen können.
Von Eva Buchhorn und Jonas Hetzer

Bernd K. (42) ist einer, der Entscheidungen lieber doppelt und dreifach durchdenkt. Der freiberuflich tätige Ingenieur zieht riesige Chemieanlagen in China, den USA oder Südafrika hoch. Alles muss passen - von der Kalkulation der Kosten über die Auswahl der Baufirmen, von der Materialbeschaffung bis zur rechtzeitigen Inbetriebnahme.

Wenn es dagegen um die eigenen Finanzen ging, war der stämmige Mann aus Starnberg oft weniger planvoll. Noch im Studium schloss er eine Lebensversicherung ab.

Warum, weiß er heute nicht mehr so recht. "Man muss ja was machen fürs Alter, dachte ich mir."

Später überzeugte ihn sein Arbeitgeber vom Abschluss zweier Direkt-Lebensversicherungen. Und mit 32 kaufte er sich eine kleine Wohnung im pfälzischen Limburgerhof. "Alles, um mich langfristig abzusichern", sagt er.

Seit einigen Jahren setzt der Ingenieur zusätzlich auf Aktien und Fondssparpläne. Er beobachtet via Internet Dax  und Dow Jones , hat Börsenbriefe abonniert und ist über die Entwicklung seines Depots stets im Bilde.

Trotz allen Faktenwissens beschleicht den Projektmanager aber von Zeit zu Zeit ein leises Gefühl der Unsicherheit. Er weiß zum Beispiel nicht, wie viel Geld er zu welchem Zeitpunkt seines Lebens tatsächlich braucht.

Deshalb hat er sich bisher auch nur grob überlegt, welche finanziellen Ziele er erreichen möchte: "Letztlich ist beim Aufbau meines Vermögens auch viel Spontaneität im Spiel."

"Finanzplanung ist Lebensplanung"

Mit dieser Einstellung zu Gelddingen steht Herr K. durchaus nicht allein da. "Die meisten Privatvermögen kommen durch Zufall zu Stande", sagt Jens Heinneccius, Vorstandsvorsitzender des Finanzplanungsunternehmens Eleatis in Hamburg.
Die Planung ihrer Finanzen gilt den meisten Deutschen als kompliziert und langweilig, viele Bundesbürger schieben das leidige Thema Geld einfach weg: In einer Repräsentativumfrage im Auftrag des SPIEGEL-Verlags gab jeder zweite Befragte an, er habe "weder Lust noch Zeit", sich über Geldanlagen zu informieren. So wissen fast 70 Prozent der Deutschen zwischen 30 und 49 Jahren - der Gruppe also, die noch ausreichend Zeit zum Aufbau einer privaten Altersvorsorge hätte - nicht, wie viel Geld sie zurücklegen müssen.

Zu dieser allgemeinen Ignoranz passt, dass sich die Bundesbürger im Ernstfall des erstbesten Ratgebers bedienen, der gerade greifbar ist: 68 Prozent vertrauen laut SPIEGEL-Erhebung mehr oder weniger blind ihrer Hausbank, 55 Prozent fragen Freunde und Bekannte.

Vermögensaufbau per Versuch und Irrtum - das geht nur ausnahmsweise gut. Vielen Planungsverweigerern werden ihre Versäumnisse erst bewusst, wenn es für ein Umsteuern längst zu spät ist: zwischen Ende 50 und Anfang 60. "Finanzplanung ist Lebensplanung", sagt Rolf Tilmes, Honorarprofessor für Private Finance und Wealth Management an der European Business School in Oestrich-Winkel. "Wer sich nicht rechtzeitig ernsthaft um seine Finanzen kümmert, kann seine Fehler im Ruhestand, wenn er das Geld braucht, nicht wieder gutmachen."

Zeit zum Nachsitzen also.

manager magazin hat unabhängige Finanzplaner beauftragt, die wichtigsten Regeln für den privaten Vermögensaufbau zu erläutern und praktisch durchzurechnen. Die Planer analysierten zu diesem Zweck die Finanzsituation von vier mm-Lesern in unterschiedlichen Lebenssituationen und machten Vorschläge, wie die vier Kandidaten ihre Geldangelegenheiten in Ordnung bringen und vor allem ihr Vermögen mehren können.

Der beunruhigende Teil des Ergebnisses vorweg: Obwohl alle Kandidaten sich bereits detailliert mit ihren privaten Finanzen befasst haben, deckten die Profis überall wesentliche Lücken auf. Gleichzeitig aber stimmen die Analysen optimistisch: Für ein Umsteuern war es in keinem Fall zu spät. Alle Lernwilligen können ihre Planung mit Hilfe der mm-Ratgeber auf ein solideres Fundament stellen.

Zuerst für den Risikoschutz sorgen

Zunächst aber hieß es, unangenehmen Wahrheiten ins Auge zu schauen. So mussten sich Steffen Eube (33) und seine Frau Ulrike (35) mit ihrem eigenen Tod beschäftigen.
Der Anlass, immerhin, ist ein erfreulicher. Im Dezember kam ihre zweite Tochter zur Welt. Natürlich sollen die kleine Amelie und ihre zweijährige Schwester Mareike finanziell abgesichert aufwachsen.

Die bisherige Überlegung: Sollte Steffen Eube überraschend sterben, könnte seine Frau mit den Kindern zu ihren Eltern ziehen und ganztags arbeiten.

Was zunächst überzeugend klingt, hält der Düsseldorfer Finanzplaner Ralf Nomrosky für gewagt. Er machte den Eubes klar, dass selbst die fittesten Großeltern nicht ewig zur Verfügung stehen. Auch sei ein ausreichendes Finanzpolster für die berufliche Ausbildung der Kinder mit dem Einkommen nur eines Elternteils kaum aufzubauen.

Um den Ausfall des Ernährers abzusichern, rät Nomrosky Steffen und Ulrike Eube zum Abschluss je einer Risikolebensversicherung, deren Auszahlungssumme sich zwischen dem drei- und fünffachen ihres Jahresgehalts bewegen sollte. Eine überschaubare Investition: Bei einer Versicherungssumme von 200.000 Euro und einer Laufzeit von 25 Jahren etwa liegt die monatliche Rate für einen 35-jährigen Mann um 30 Euro, Frauen im selben Alter zahlen sogar nur circa 20 Euro - vorausgesetzt, sie rauchen nicht.

Genauso grundlegend, aber von den Deutschen noch gefährlich unterschätzt: die finanzielle Absicherung für den Fall, dass der Beruf wegen einer langwierigen Erkrankung aufgegeben werden muss - jeder vierte Bundesbürger quittiert aus diesem Grund vorzeitig seinen Job.

Der Abschluss muss angesichts rigider Gesundheitstests der Versicherer möglichst in jungen Jahren erfolgen. Unbedingt vermieden werden sollte dabei eine Police, die Berufsunfähigkeitsschutz mit einer Kapitallebensversicherung kombiniert. Bei reinen Berufsunfähigkeitspolicen seien die Prämien deutlich niedriger, weil Versicherungsschutz und Geldanlage nicht vermischt würden, erläutert Nomrosky: "So ist sichergestellt, dass man sich diesen extrem wichtigen Versicherungsschutz noch leisten kann, auch wenn - etwa auf Grund vorübergehender Arbeitslosigkeit - der Gürtel enger geschnallt werden muss."

"Alle Pläne zusammen betrachten"

Erst wenn der Risikoschutz steht, sollte der Vermögensaufbau in Angriff genommen werden. Mit diesem Stichwort verbinden die meisten vor allem die Schaffung einer komfortablen Finanzausstattung für den Ruhestand. Finanzplaner denken anders: Sie haben stets auch die Gegenwart im Blick.
Das Vermögenszentrum in München empfiehlt seinen Kunden, sich zuallererst gegen unvorhergesehene finanzielle Engpässe zu wappnen. "Ein Liquiditätspolster von rund drei Nettomonatsgehältern", so Berater German Reng, "reicht als Notpolster in aller Regel aus."

Zum Erstaunen des Finanzexperten denken viele Kunden zwar an den Aufbau einer Reserve, bunkern sie anschließend jedoch völlig falsch - auf dem Sparbuch nämlich, noch immer einer der Anlagefavoriten der Deutschen. Im Notfall kann es dann passieren, dass sie wegen einer Kündigungsfrist nicht sofort an ihr Geld herankommen. Reng rät zur Einrichtung eines Tagesgeldkontos: "So ist das Geld sofort verfügbar und bringt mitunter auch höhere Zinsen."

Entscheidend für die weitere Vermögensplanung sind die mittel- bis langfristigen Lebensziele. Finanzplaner wollen deshalb relativ viel über die privaten und beruflichen Vorhaben ihrer Kunden wissen. Nur mit diesem Wissen lassen sich zu erwartende Einnahmen und Ausgaben überblicken und realistische Vermögensziele destillieren.

Für viele ist es das erste Mal, dass sie so angestrengt über sich selbst nachdenken. Auch die mm-Kandidaten Karin N. (31) und Torsten Heine-N. (35) waren erstaunt, als sie den umfangreichen Fragenkatalog ihres Finanzplaners zu Gesicht bekamen. Karin N. arbeitet in einer deutschen Großbank an der Sanierung von Unternehmen mit, ihr Mann Torsten ist angestellter Ingenieur.

Sie gehen sorgfältig mit ihrem Geld um, legen jeden Monat einen vierstelligen Betrag zurück, planen Anschaffungen lange im Voraus, leisten sich nichts Ausgefallenes - "ein Gebrauchtwagen tut's auch" - und haben die Absicherung fürs Alter stets im Blick. Beeindruckt waren sie jedoch von der Systematik, mit der Reng ihre Finanzlage unter die Lupe nahm: "Bisher haben wir nie alle unsere Pläne im Zusammenhang betrachtet."

Unter anderem kalkulierte ihnen der Planer einen lang gehegten Wunsch durch: den Kauf einer Eigentumswohnung in der Nähe von Stuttgart, in der sie heute bereits zur Miete wohnen.

Die falsche Hoffnung auf das Erbe

Seit Generationen stehen die eigenen vier Wände ganz weit oben auf der Liste der Dinge, die ein Deutscher unbedingt haben muss: Sie gelten als wertbeständige Investition, und die Mietersparnis erscheint als überaus willkommene Entlastung der Haushaltskasse.
Das Eigenheim aber ist eine Rechnung mit vielen Unbekannten. Wesentlichster Unterschied zu früher: Der prognostizierte Bevölkerungsrückgang könnte nach Ansicht vieler Experten die künftige Nachfrage nach Eigenheimen und damit die Wiederverkaufspreise kräftig drücken. Finanzplaner rechnen daher in jedem Einzelfall genau durch, ob sich ein Kauf lohnt oder ob der Interessent als Mieter besser dasteht.

Dafür prüfen sie neben möglichen Finanzierungskonditionen vor allem das Verhältnis von Miete und Kaufpreis sowie die zu erwartende Wertsteigerung der Immobilie im Vergleich zu einer Alternativanlage. Im Falle des Ehepaares N. zeigte sich, dass die beiden im Verhältnis zum Kaufpreis eine recht hohe Miete zahlen und sich ein Kauf deshalb relativ bald auszahlen würde.

Wer dagegen den Kauf einer Immobilie für sich selbst ausschließt, kann sich ganz auf die Anlage seines Geldes am Kapitalmarkt konzentrieren. Dabei muss der wichtigste Vorteil des Eigenheimerwerbs kompensiert werden: das mietfreie Wohnen im Alter.

Spätestens jetzt kommt das eigentliche Ziel jedes Vermögensaufbaus in Sicht: die Sicherung der finanziellen Unabhängigkeit im Ruhestand.

Dass die Bundesbürger unter 50 Jahren von der gesetzlichen Rente nicht mehr viel zu erwarten haben, dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben. Nach der Einführung des so genannten Nachhaltigkeitsfaktors rechnet der Freiburger Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen damit, dass die Rente in Zukunft nur noch 40 Prozent des durchschnittlich über die Jahre verdienten Bruttogehalts betragen wird. Und ab 2020 müssen 80 Prozent davon, ab 2040 sogar die kompletten Alterseinkünfte versteuert werden.

Je höher der heutige Verdienst, desto größer die zu erwartende Rentenlücke morgen und übermorgen. Denn die staatliche Rentenkasse sichert Einkommen nur bis zu einer Beitragsbemessungsgrenze von derzeit 63.000 Euro ab. Selbstständige gehen leer aus, es sei denn, sie haben freiwillig eingezahlt.

Den drohenden Fehlbetrag vor Augen, baut mancher klammheimlich auf den letzten Willen anderer. Laut einer Studie der Dresdner Bank werden private Haushalte bis zum Jahr 2015 sagenhafte 2,3 Billionen Euro vererben.

Der Schrecken hoher Summen

Doch der Vermögenszuwachs per Testament könnte deutlich geringer ausfallen als vermutet. Die höhere Lebenserwartung wird bereits einen großen Teil der heutigen Rentnergeneration zwingen, sein Vermögen selbst zu verbrauchen. Zudem greift der Fiskus bei größeren Summen kräftig zu, jedenfalls dann, wenn nicht ein Teil des Vermögens bereits zu Lebzeiten per Schenkung übertragen wird. Eine Variante, die immer noch viel zu selten zum Zuge kommt, wie Eleatis-Chef Jens Heinneccius findet: "In der Regel wollen die Kinder nicht als Erbschleicher dastehen. Lieber machen sie dem Staat großzügige Steuergeschenke."
Auf das Erbe zu vertrauen ist also häufig riskant. Wer als Gutverdiener seinen Lebensstandard im Alter sichern will, muss ordentlich Geld zurücklegen.

Christian Schröck (34) aus München tut das seit langem. Dabei hat er sich bisher ganz auf sich selbst verlassen. Der Finanzbranche traut er nicht: "Jeder versucht doch vor allem, seine eigenen Produkte zu verkaufen." Der selbstständige Elektromeister und Vater von vier Kindern bewarb sich für den mm-Finanzcheck, weil er wissen wollte, ob er mit seiner Vorsorge richtig liegt.

Vor allem aber möchte er die Option haben, schon mit 55 Jahren seinem Unternehmen für Regeltechnik Servus sagen zu können: "Als Selbstständiger werde ich wohl nicht alt, dann will ich vorher noch etwas vom Leben haben."

Im Ruhestand möchte Schröck sich jeden Monat 3000 Euro Rente gönnen. Bei einer Inflationsrate von 2,5 Prozent müsste er dafür im Jahr 2026 zunächst monatlich 5038 Euro zur Verfügung haben und diese Entnahmen dann Jahr für Jahr um 2,5 Prozent erhöhen.

Die von mm beauftragte Finanzplanerin Ellen Ehrich hat sicherheitshalber mit einem Alter von 90 Jahren gerechnet, das Schröck trotz seines anstrengenden Jobs als Unternehmer erreichen könnte. Nach Ehrichs Berechnungen sollte Schröck bis zum 55. Lebensjahr 1,9 Millionen Euro ansparen und auf seine Ansparleistungen kontinuierlich 7 Prozent Wertzuwachs erzielen.

Eine gigantische Summe, die auf den ersten Blick unerreichbar scheint. Und so war der Münchener zunächst auch völlig perplex, als er die hohe Zahl hörte.

Bei näherem Hinsehen zeigte sich allerdings, dass Schröck bereits diverse Bausteine für sein Ruhegeld beisammen hat. Neben geringen Zahlungen aus der gesetzlichen Rentenversicherung, in die er bis 1995 eingezahlt hat, kann er mit den Erträgen aus einer Kapitallebensversicherung, Einnahmen aus Fonds und Immobilien rechnen.

Die Riesterrente für die Ehefrau

Um mit Sicherheit seine magische Summe zu erzielen, sollte Schröck auch künftig Konsumverzicht leisten. Ehrich hat errechnet, dass er jeden Monat zusätzlich 570 Euro in Investmentfonds anlegen und darauf im Schnitt 7 Prozent Wertzuwachs erzielen sollte.
In einem anderen Punkt muss der Münchener über seinen Schatten springen: Die Finanzplanerin rät zum Abschluss einer Riesterrente - nicht für ihn selbst, sondern für seine Frau. Dem staatlichen Programm begegnete er bisher eher misstrauisch: "viel zu bürokratisch".

Ellen Ehrich erinnerte ihn daran, dass sich auch in der glücklichsten Ehe beide Partner für den Fall der Fälle ihre ökonomische Selbstständigkeit bewahren sollten. Zudem bietet sich für Frau Schröck auf Grund ihres Mutterschutzes ein einmaliges Zeitfenster, die staatliche Förderung zu kassieren.

Sie hat Anspruch auf die Grundzulage, Zulagen für ihre vier Kinder und könnte die Einzahlungen zusätzlich bei der Steuererklärung geltend machen. Frau Schröck erzielt bei einem Eigenbeitrag von rund 44 Euro im Monat ab dem 60. Lebensjahr eine garantierte monatliche Rente von 246 Euro, vielleicht auch mehr. So lohnt sich Riester.

Wie in Christian Schröcks Fall sind es manchmal nur kleine Stellschrauben, an denen die Finanzplaner drehen müssen, um die Vermögensplanung ihrer Klienten zu optimieren. Dabei kommt den Kunden zugute, dass die Geldprofis ihr Geschäftsmodell nicht auf Provisionen aufbauen.

Sie müssen keine Produkte verkaufen, sondern leben als unabhängige Berater von Honoraren, die sie mit ihren Klienten aushandeln. Wer will, kann seine Finanzen nach Abschluss der ersten Prüfungsrunde in regelmäßigen Abständen checken und gegebenenfalls neu justieren lassen.

Der Münchener Unternehmer will sich künftig wieder selbst um sein Geld kümmern. Dabei begleitet ihn das gute Gefühl, den Zufall endgültig aus seiner Planung ausgesperrt zu haben: "Ich weiß jetzt, welche finanziellen Schritte für mich sinnvoll sind - und wie ich sie erreiche."

Rentenrechner: Berechnen Sie Ihr Zielvermögen

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