Ben Bernanke Suche nach dem Gral

Wie erwartet hat Ben Bernanke den amerikanischen Leitzins erhöht. Ist der neue Fed-Chef also bloß eine Art Greenspan mit Bart? Die Lektüre seiner wichtigsten Bücher schafft Klarheit.

Manche Leute haben seltsame Hobbys. Ben Bernanke zum Beispiel liebt die größte ökonomische Katastrophe des 20. Jahrhunderts. "Ich bin ein Fan der Großen Depression", schreibt er, und er könne gar nicht verstehen, "warum es nicht mehr Depressions-Fans gibt".

Nun könnten uns die privaten Vorlieben Bernankes herzlich egal sein, aber der Mann ist wichtig, sehr wichtig sogar. Anfang Februar ist er zum mächtigsten Mann der Weltwirtschaft aufgestiegen: Er ist Chef der US-Notenbank Federal Reserve (Fed). Und wer wissen will, wie der Nachfolger des legendären Alan Greenspan tickt, der kann auf ein reichhaltiges Schrifttum des Eliteprofessors zurückgreifen.

Zwei Bücher hat die manager-magazin-Redaktion ausgewählt, die Licht werfen auf sein mutmaßliches Amtsverständnis als Fed-Chairman: ein Lehrbuch (mit Koautor Robert Frank), das im März erstmals in europäischer Version erschienen ist, sowie einen Essay-Band mit Aufsätzen über - na? logisch! - die Depression der 30er Jahre.

Im zweiten der beiden Werke schreibt er: "Die Große Depression zu verstehen ist der heilige Gral der Makroökonomik." Wer für die Dauerkrise eine letztgültige Erklärung finde, komme der ultimativen Weisheit der Wirtschaft sehr nahe. Mit anderen Worten: Die Tragödie der Jahre nach 1929 prägt Bernankes geldpolitisches Denken maßgeblich. Lieber etwas mehr Inflation zulassen, auf jeden Fall keinen neuerlichen Absturz in Krise und Deflation - das ist für viele Amerikaner, auch für Bernanke, die Lehre daraus. Die Depression ist ein nationales Trauma, unerträglich für eine Nation, die an ungehemmtes Wohlstandswachstum glaubt.

Anders als viele seiner europäischen Kollegen meint der neue Fed-Chef, die Zentralbank solle nicht nur die Inflation im Griff halten, sondern auch die Konjunktur steuern. So schreibt er es in den "Principles of Economics". Nicht kümmern solle sie sich hingegen um abhebende Preise von Aktien oder Immobilien. Es ist der typisch Greenspansche Kurs: Mit im Zweifel niedrigen Zinsen führte der in seiner 18-jährigen Amtszeit die USA zwar durch den längsten Aufschwung ihrer Geschichte, aber eben auch in die größte Börsenblase und den heftigsten Aktiencrash.

Ist also Bernanke bloß eine Art Greenspan mit Bart? Kaum. Der Fed will er eine neue Strategie verpassen, will sie auf ein explizites Inflationsziel festlegen. Aber das ist eher eine technische Angelegenheit. Wichtiger sind die Unterschiede im Stil: Der Neue ist kein wolkig formulierender Erzlangweiler, sondern ein witziger Kopf, der vor Ideen sprüht - klare Worte, kühne Thesen. Ein Stil, der sich nicht ziemt für einen Notenbanker. In Bernankes neuem Job ist verbale Disziplin Pflicht. Andernfalls untergräbt er seine Glaubwürdigkeit.

Geldpolitik, schreibt Bernanke, sei sowohl "Wissenschaft" als auch "Kunst". Für den ersten Teil ist er hervorragend gerüstet - den zweiten muss er noch lernen.