Ökotechnik Das grüne Jahrhundert

Die explodierenden Preise für Erdöl und andere Rohstoffe haben auch ihre gute Seite: Die Weltwirtschaft steuert endlich auf einen klima- und ressourcenschonenden Kurs um. Zum Nutzen technologiestarker deutscher Unternehmen.

Die Zukunft kommt auf ganz leisen Sohlen. Kaum jemand hört sie. Nur wer vorn links sitzt, vernimmt ein Wimmern, sobald er mit dem rechten Fuß das Gaspedal durchtritt. Ansonsten: Stille.

Die Zukunft kommt mit Autos, die durch Brennstoffzellen angetrieben werden. Davon ist zumindest Christian Mohrdieck überzeugt. Der Ingenieur leitet das Entwicklungszentrum NuCellSys im schwäbischen Nabern, das DaimlerChrysler  und Ford  gemeinsam vom Brennstoffzellen-Hersteller Ballard  übernommen haben.

Hier werden die Daten aus der Praxiserprobung von 100 "F-Cell"-Autos auf Basis der Mercedes-A-Klasse ausgewertet sowie von ein paar Dutzend Stadtbussen mit Brennstoffzellen-Antrieb. Jedes Mal, wenn so ein Bus anfährt, quellen weiße Schwaden aus dem dicken Auspuffrohr auf seinem Dach. Wie aus den Schloten antiker Dampflokomotiven - doch ohne beißenden Qualm.

Brennstoffzellen-Autos fahren nicht nur geräusch-, sondern auch völlig geruchlos. Sie stoßen keinerlei Schadstoffe aus, weil sie Wasserstoff schonend "verbrennen". Das ist ihr Vorteil. Der Nachteil: Bislang war das Gas schlicht nicht wettbewerbsfähig. Kraftstoff aus Erdöl war einfach unschlagbar billig.

Jetzt brechen neue Zeiten an.

Zwölf Jahre lang mussten sich Entwickler bei DaimlerChrysler den Spott der Kollegen und der Öffentlichkeit anhören. Ihre Brennstoffzellen galten als grüner Spinnkram. Heute, sagt Herbert Kohler, Leiter der Forschungsdirektion Fahrzeugaufbau und Antrieb und Umweltbevollmächtigter bei DaimlerChrysler, müssten "grüne" Technologien wie die Brennstoffzelle "zum Kerngeschäft gehören, wenn ein Unternehmen der Automobilindustrie auch in 20 Jahren noch auf den Weltmärkten mitmischen will".

Schmutzige Technologien sterben aus

Kohler steht längst nicht mehr so allein da wie seine Vorgänger. Nahezu alle großen Autokonzerne forschen an Brennstoffzellen.
Die Rahmenbedingungen haben sich radikal geändert. Der Ölpreis und die Preise für Industrierohstoffe sind nach oben geschossen. Die meisten Experten rechnen für die nächsten Jahrzehnte mit einem weiteren Anstieg. Eine Studie des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts und der Berenberg Bank kommt zu dem Ergebnis, dass bis zum Jahr 2030 sogar eine Verdreifachung des derzeit schon hohen Ölpreises möglich ist.

Weltmeister im Umweltschutz: Fortschritte in der Umwelttechnik bringen Deutschland auf Spitzenplätze in der Rangliste der G7-Staaten

Umwelt-schutz Aus-gaben1 Staats-ausgaben für Umwelt-schutz2 CO2-Emission3 Schwefel-oxid4 Stick-stoff-oxid4 Industrie-abfälle3
Deutschland 2 2 5 1 2 1
Frankreich 1 3 1 3 4 5
Großbritannien 6 5 3 5 5 3
Italien 5 4 2 4 3 1
Japan 3 6 4 1 1 4
Kanada 4 1 6 7 7 k.A.
USA k.A. 7 7 6 6 k.A.
1) Ausgaben zur Verminderung und Kontrolle von Umweltverschmutzung in Prozent des BIP; 2) Anteil am Staatshaushalt; 3) Tonnen je US-Dollar BIP; 4) jährliche Emission in Kilogramm pro Kopf. Datenquelle:OECD

Die auf Dauer hohen Rohstoffpreise stoßen eine weltweite ökonomische Wende an. Ressourcensparen ist kein Luxus der reichen Gesellschaften mehr, sondern handfeste betriebswirtschaftliche Notwendigkeit. Schmutzige Technologien sind zum Aussterben verurteilt. "Cleantech", davon sind viele Experten überzeugt, gehört die Zukunft.

Auch die zunehmenden Umweltprobleme - von der Hurrikan-Katastrophe in New Orleans bis zum verseuchten Trinkwasser in China - erzwingen den verstärkten Einsatz grüner Technologien. Selbst Chinas Regierung reagiert inzwischen mit strengen Gesetzen auf die unübersehbaren Öko-Schäden.

Es sieht so aus, als würde das 21. Jahrhundert eine grüne Epoche.

Deutschlands Wirtschaft startet von einer Art Pole-Position in diese Ära. Ihren Vorsprung bei der Entwicklung ressourcenschonender Technologien und beim Vermarkten solcher Produkte verdanken hiesige Unternehmen der "ökoteutonischen" Mischung: einer umweltbewussten Öffentlichkeit plus strengen staatlichen Auflagen - und teils üppigen Subventionen.

Vom 'nice to have' zum 'must have'

Das deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz fördert zum Beispiel Strom aus Windkraft so stark, dass die hiesigen Anlagenbauer zum Weltmarktführer aufstiegen. Das 100.000-Dächer-Programm der ehemaligen rot-grünen Bundesregierung begünstigte den Absatz von Photovoltaik-Anlagen - und den Aufstieg von Solartechnik-Herstellern wie Conergy oder Q-Cells, die im vergangenen Jahr spektakuläre Börsengänge hinlegten.
Von diesem Umfeld wollen jetzt auch ausländische Unternehmen profitieren. General Electric (GE)  eröffnete im Juni 2004 ein neues Forschungszentrum in Garching bei München. Derzeit entwickeln dort gut 100 Wissenschaftler und Ingenieure vor allem Technologien für erneuerbare Energien. Ende dieses Jahres sollen es schon 200 sein.

"Jahrzehnte lang waren 'grüne' Technologien zwar gut fürs Image, aber strategisch eher 'nice to have'", sagt Georg Knoth, seit September GEs CEO für Deutschland, Österreich und die Schweiz. "Heute sind sie in jeder Hinsicht ein 'must have'."

Das weltgrößte Industrieunternehmen hat sich den Aufbruch ins "grüne Jahrhundert" förmlich verordnet. Die Strategieinitiative "Ecomagination" sieht zum Beispiel vor, dass GE seine Investitionen in die Erforschung umweltfreundlicher Technologien verdoppelt. Bis zum Jahr 2010 will der Mischkonzern dafür jährlich 1,5 Milliarden Dollar ausgeben - im Vergleich zu 700 Millionen im Jahr 2004.

Der Umsatz mit Produkten aus diesem Segment soll im selben Zeitraum ebenfalls verdoppelt werden - und auf jährlich 20 Milliarden Dollar steigen.

Das bislang beste grüne Geschäft macht GE nicht etwa mit Windkraftanlagen, seit vielen Jahren ein Schwerpunkt des Mischkonzerns, sondern mit spritsparenden Flugzeugturbinen. Die riesige GE 90 verbraucht etwa 22 Prozent weniger Kerosin als die Modelle des Wettbewerbs. Was einerseits das Treibstoffbudget der Fluggesellschaften entlastet. Und zugleich den Ausstoß an klimaschädlichem Kohlendioxid (CO2) erheblich senkt.

Boeings "Ecoliner" 787 (Verkaufsstart: 2008) und der "Super-Airbus" A380 (Beginn des Flugbetriebs in diesem Jahr) werden mit Varianten des umweltfreundlichen Triebwerks ausgerüstet.

Generell gilt der Verkehr als wichtigster Sektor für Cleantech. Die Steigerungen von Energieverbrauch und Schadstoffausstoß resultieren vor allem aus dem zukünftig immer weiter zunehmenden Transport von Gütern und Menschen.

Wie Südzucker aus Korn Sprit herstellt

Die europäischen Erdölkonzerne BP  und Shell  fördern deshalb die Entwicklung alternativer Treibstoffe. Etwa von "Sunfuels": Diese Kraftstoffe, so genannter Biodiesel aus Raps zum Beispiel, gelten als klimaneutral, weil sie bei der Verbrennung nur das CO2 freisetzen, das sie zuvor beim Aufbau der Pflanzenbiomasse aus der Atmosphäre gefiltert und somit quasi als Sonnenenergie gespeichert haben.
Bislang waren Sunfuels wegen der niedrigen Ölpreise nur konkurrenzfähig, wenn sie - wie in Deutschland - geringer besteuert wurden. Doch diese Verhältnisse ändern sich nun.

Auch für "Synfuels". Diese Kraftstoffe gelten als besonders rein, weil sie in der Retorte synthetisiert werden, etwa aus Erdgas. Die weltweit größte Fabrik entsteht derzeit ausgerechnet im Ölscheichtum Katar am persischen Golf.

Den pfiffigsten Ansatz für alternative Treibstoffe verfolgt jedoch abermals ein deutsches Unternehmen, obendrein ein branchenfremdes: Im sachsen-anhaltinischen Zeitz betreibt die Südzucker AG  seit vergangenem Frühjahr eine Anlage zur Herstellung von Bioethanol. Der Kraftstoff für Ottomotoren - Brasilien deckt mit Sprit aus Zuckerrohr rund 30 Prozent seines Benzinbedarfs - ist chemisch identisch mit dem Wirkstoff aus Bier, Rum, Whisky oder Brennspiritus.

Rund 200 Millionen Euro hat Südzucker investiert und damit zunächst Europas größte Kornmühle gebaut. Denn in Zeitz wird der Sprit aus Weizen vergoren. Dazu müssen jährlich 700.000 Tonnen Getreide zunächst geschrotet werden. Die Anlieferung besorgen ein riesiger Güterzug und ein paar Dutzend Lkw - werktags wie sonntags.

Über der Anlage liegt nicht etwa der Dunst einer Weißbierbrauerei oder gar einer Schnapsbrennerei, sondern ein zarter Duft wie von geröstetem Brot. Denn das Getreide enthält auch Proteine, die beim Vergärungsprozess im Korn bleiben. Die Rückstände werden in Form gepresst und als Proteinlieferant an Rinder verfüttert. Beim Trocknen der Pellets entsteht der Geruch.

Jährlich verlassen 200.000 Tonnen Treibstoff und 260.000 Tonnen Viehfutter die Großanlage. Aus ökologischer Sicht liegt der Clou darin, dass das Ethanolwerk keine schädlichen Rückstände in die Umwelt entlässt. Die Differenz von 240.000 Tonnen zwischen der angelieferten Rohstoffmenge und der Produktmasse entweicht als unschädlicher Wasserdampf und Kohlendioxid. "Völlig klimaneutral", betont Geschäftsführer Lutz Guderjahn. "Schließlich stammt das CO2 aus Biomasse."

Bioethanol in der deutschen Ölbranche

Rund 20 Prozent des deutschen Benzinbedarfs ließen sich mit Bio-Ethanol decken, würden die Weizenüberproduktion vergoren und jene Flächen wieder mit Getreide bebaut, die derzeit brachliegen, weil die EU diesen Nutzungsverzicht als Naturschutz subventioniert. Freilich fehlten dann immer noch die entsprechenden Kapazitäten zur Ethanolproduktion.
Und die Vertriebswege. Denn anders als etwa in Schweden, wo ein Gemisch (E85) aus Bioethanol und Benzin längst auf dem Markt etabliert ist, haben sich die deutschen Mineralölkonzerne und die Autofahrer noch nicht mit Bioethanol angefreundet. Erlaubt ist lediglich ein Zusatz von 5 Prozent zum handelsüblichen Benzin.

Billiger als der fossile Brennstoff ist das Biobenzin ab einem Rohölpreis von 70 Dollar je Fass. Im August vergangenen Jahres war die Ethanolfabrik somit kurz aus eigener Kraft wettbewerbsfähig. "Bei den zu erwartenden Preisentwicklungen auf dem Ölmarkt wird das schon bald dauerhaft so sein", sagt Guderjahn. Sein Mutterkonzern will deshalb schnellstmöglich ähnliche Anlagen wie in Zeitz errichten. Als Nächstes wird ein Standort in Belgien geprüft.

Langfristig könnte Südzucker so ein zweites Standbein außerhalb der Lebensmittelindustrie aufbauen - vielleicht sogar die rettende Strategie, wenn demnächst die Zuckermärkte globalisiert und die Protektion der heimischen Rübenverarbeitung beendet sein wird.

Ein ähnlicher Coup ist der Norddeutschen Affinerie (NA)  bereits gelungen: Die Kupferhütte profitiert heute doppelt von ihrem Technologievorsprung. Denn seit in Europa immer strengere Regeln für die Entsorgung von Elektronikschrott gelten, hat sich das Unternehmen eingeklinkt in die aufwändige Logistik für das Sammeln und Aufbereiten der gigantischen Müllberge. Parallel dazu hat die Norddeutsche Affi im westfälischen Lünen ein Hüttenwerk für modernes Kupferrecycling renoviert.

Dort produziert die NA jährlich 200.000 Tonnen Kupfer - mehr als ein Drittel der deutschen Gesamtproduktion. Das Recycling wird somit "zur größten Kupfermine der Welt", wie es in der Branche heißt - und die NA ist mit ihrer Hütte in Lünen zum Weltmarktführer für die Wiedergewinnung des Metalls aufgestiegen.

Die Perspektive hoher Energiepreise 

"Ein doppeltes Geschäft", frohlockt der Vorstandsvorsitzende Werner Marnette, der sein hochreines Recyclingkupfer teuer verkaufen kann an Elektronikhersteller und andere industrielle Kunden. Kupfererz ist derzeit äußerst knapp auf dem Weltmarkt. Der Preis ist in den vergangenen drei Jahren um 160 Prozent gestiegen - durch Spekulationen auf den Warenterminmärkten und durch den Rohstoffhunger Chinas. Ein Wachstum, das viele Jahre anhalten dürfte: Die Elektrifizierung einer einspurigen Eisenbahnstrecke verschlingt pro Kilometer Oberleitung rund eine Tonne Kupferdraht.
Schon heute wachsen die deutschen Cleantech-Branchen zum Teil dreimal stärker als die Gesamtökonomie. Und es kann noch besser kommen: Im Weltmarkt für Windenergie, die deutschen Anlagenbauer sind hier führend, sagen die Branchenexperten zum Beispiel ein Wachstum um 80 Prozent bis zum Jahr 2012 voraus.

Eine reizvolle Perspektive - auch im Hinblick auf den Klimaschutz. Im Kioto-Protokoll haben sich weltweit 155 Nationen verpflichtet, ihren Kohlendioxid-Ausstoß bis zum Jahr 2012 um 5,2 Prozent zu senken - verglichen mit dem Niveau von 1990.

Mit spärlichem Erfolg, zumal Industrienationen wie Spanien, aber auch Schwellenländer wie China den Ausstoß weiter nach oben treiben. Die USA, weltweit der größte CO2-Emittent, weigern sich beharrlich, das Kioto-Protokoll zu ratifizieren.

Nun könnten die auf Dauer hohen Energiepreise auch den Klimaschutz voranbringen; der Marktmechanismus könnte besorgen, was die globale Umweltpolitik bislang nicht schaffte.

Die Nachfrage nach energiesparenden Produkten dürfte explodieren. Der Chemiegigant BASF  setzt dabei auf Neopor. Dieser Baustoff, eine Weiterentwicklung des altbekannten Styropor, dämmt so gut Wärme, dass sich allein durch die Verwendung von Neopor-Mauerelementen die Heizkosten um bis zu 80 Prozent senken lassen.

Im Ludwigshafener Brunckviertel, in direkter Nachbarschaft zum Werksgelände der BASF, steht eine neue Musterhaussiedlung, gebaut aus Neopor-Elementen, mit Isolierglasfenstern und vielen anderen Energiesparmaßnahmen.

Deren Heizungen verbrauchen jährlich nur einen Liter Öl je Quadratmeter Wohnfläche. So kommt eine Familie mit 70 Euro Heizkosten pro Jahr aus - und das bei einem Ölpreis von 50 Cent je Liter.

China begibt sich auf den Ökotrip

Schlüsselfertig kosteten die Ludwigshafener Ein-Liter-Häuser kaum mehr als vergleichbare Reihenhäuser aus herkömmlichen Materialien. Bei BASF rechnet man deshalb in den nächsten Jahren mit kontinuierlich zweistelligen Wachstumsraten für die Neopor-Umsätze.
Natürlich wird die Öko-Wende nicht abrupt, sondern allmählich vonstatten gehen. Die Weltwirtschaft steht am Beginn eines Prozesses, der sich noch über weitere Jahrzehnte fortsetzen muss.

Je schneller der Umbau geschieht, desto größer sind unsere Chancen, den gewohnten Lebenskomfort weiter zu genießen.

So rechnet Lester Brown vom Earth Policy Institute vor: Würden die USA in den nächsten zehn Jahren die Pkw-Flotte allmählich ersetzen durch Hybrid-Fahrzeuge, die eine Kombination von Elektro- und Benzinmotoren einsetzen, ließe sich damit der Spritverbrauch halbieren, "ohne dass weniger gefahren werden müsste".

Hehre Ziele, profitable Cleantech-Produkte, ökonomisch angefeuertes Umweltbewusstsein beim Kunden - regelt sich nun alles wie von selbst?

Tatsächlich wird die Gesetzgebung der Staaten weiter eine große Rolle spielen. Denn je größer die Anreize für Umwelt- und Ressourcenschonung, desto schneller gelingt die grüne Wende.

Peter Hennicke, Präsident des Wuppertaler Instituts für Klima, Umwelt, Energie, fordert ein "Leap Frogging" - ein Ansetzen zu großen Technologiesprüngen, um nach dem Vorbild der Frösche mühselige Streckenabschnitte zu überwinden.

Unterstützung erhält diese Forderung ausgerechnet vom chinesischen Staat. Die größte Wachstumsregion für Massenmotorisierung hat sich auf den Ökotrip begeben. Alle drei Jahre gelten verschärfte Schadstoffklassen für neu zugelassene Pkw.

Die EU, deren Regelwerke hierzu weit gehend übernommen wurden, ließ sich für jeden dieser Fortschritte bis zu fünf Jahre Zeit.

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