Montag, 22. April 2019

Deutschland Bedrohte Mitte

Der Rückzug des Staates wird das Leben in Deutschland grundlegend verändern. Der aktuelle Streit um die Rente ist nur eines von vielen Beispielen dafür. Eine Studie, über die manager magazin exklusiv berichtet, zeigt, wie sich der Kern unserer Gesellschaft zu Lasten der bürgerlichen Mitte verschiebt.

Deutschlands Mitte hat eine Adresse. Am Schulgarten 7 in 37170 Uslar-Eschershausen. Ein neues Energiesparhaus mit einem noch etwas pubertären Garten. Hier lebt Familie Liedtke.

Schrumpfende Absicherung: Wenn die Unterstützung für ihren Lebensstil ausbleibt, wird die bürgerliche Mitte ihre führende Rolle einbüßen.
DDP
Schrumpfende Absicherung: Wenn die Unterstützung für ihren Lebensstil ausbleibt, wird die bürgerliche Mitte ihre führende Rolle einbüßen.
Auf dem Naturholz-Sideboard in ihrer Wohnküche stehen nebeneinander der "Was ist was"-Band "Hunde", ein Lebkuchenhaus, je ein Foto der Söhne Florian (5) und Frederik (3) und schließlich, ganz rechts, das Hochzeitsbild der Eltern: Sandra und Jens, beide 36.

Morgens steigt Jens Liedtke auf sein Fahrrad und radelt die zehn Minuten hinüber zur Kanzlei seines Vaters. Dort arbeiten Liedtke senior und junior zusammen als Steuerberater. Gattin Sandra, gelernte Bankkauffrau, unterstützt sie halbtags.

Nach Feierabend kümmert sich Jens um seinen Vorstandsjob bei der Spielgemeinschaft Schoningen-Uslar-Wiensen. Jenem Handballverein, bei dem er früher in der D-Jugend spielte.

Auf die Frage, welche Ziele er fürs Leben hat, muss Jens Liedtke erst einmal nachdenken. Schließlich sagt er: "dass unsere Kinder zu glücklichen Menschen heranwachsen". Und, nach einem weiteren Moment des Zögerns: "dass ich hier am Ort weiterhin als Steuerberater unseren Lebensunterhalt verdienen kann".

Eine Familie, ein Haus, ein Beruf, ein Auskommen, eine Heimat. Solch klare Erwartungen kennzeichnen jenen Teil der deutschen Gesellschaft, den Sozialforscher als "bürgerliche Mitte" bezeichnen. Etwa 16 Prozent der Deutschen gehören zu dieser Gruppe.

Über Jahrzehnte hinweg haben die Bedürfnisse der bürgerlichen Mitte die politische Agenda in Deutschland bestimmt. Die Eigenheimförderung machte die eigenen vier Wände auch bei niedrigerem Einkommen erschwinglich. Wer seinen Job verlor, den bewahrte die Arbeitslosenhilfe über viele Jahre vor dem sozialen Abstieg. Und schließlich sorgte der Staat auch in kleinen Städten, dort, wo die bürgerliche Mitte oft zu Hause ist, für eine erstklassige Infrastruktur - vom Freibad bis zum Fahrradweg.

Doch die Idylle der Liedtkes ist bedroht. Eine bislang unveröffentlichte Studie des Forschungsinstituts Sinus Sociovision zeigt: Wenn die Unterstützung für ihren Lebensstil ausbleibt, wird die bürgerliche Mitte ihre führende Rolle einbüßen. Andere Gruppen werden dann in Deutschland die politische Agenda bestimmen (siehe: "Welche Milieus künftig den Ton angeben werden"). Schreitet der Abbau des Sozialstaats weiter voran, wird sich die deutsche Gesellschaft innerhalb der nächsten 15 Jahre grundlegend wandeln - mit weit reichenden Folgen auch für die Wirtschaft.

© manager magazin 2/2006
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