Märklin Lokruf aus Schwaben

Der schwäbische Modellbahnbauer Märklin braucht Hilfe. Das Traditionsunternehmen ist der Billigkonkurrenz aus Fernost nahezu schutzlos ausgeliefert. Und der Verkauf der angeschlagenen Kultmarke gestaltet sich mühsam.
Von Klaus Boldt

Der Niedergang der schwäbischen Traditionsfirma Märklin setzt sich unvermindert, ja schwunghaft fort und ähnelt immer mehr den traurigen Stadien des Welkens und Vergehens. So bleibt auch die Neujahrsansprache von Firmenchef Paul Adams (47) ohne jeden Überraschungseffekt: "Unser Umsatz ist 2005 gesunken."

In der Tat, das ist nichts Neues, sondern, wie Statistiker berichten, schon das dritte Mal in Folge: Es steht schlecht um die einstige Ikone des bundesdeutschen Freizeit- und Spielverhaltens.

Über die genaue Höhe des Schwunds verweigert Adams die Aussage: Er habe noch nicht nachgerechnet. Doch seine Stimme klingt, als seien ihm die Einnahmen bis auf die Knöchel gerutscht. Ortskundige Zahlenmenschen wollen etwas von "115 Millionen Euro" (Vorjahr: 143 Millionen Euro) erahnen und von einer Bilanz, die möglicherweise von ein paar knallroten Zahlen verunziert wird.

Wenn es so weitergeht - 2002 lag der Umsatz noch bei 170 Millionen Euro -, dann ist vom weltgrößten Modelleisenbahn-Hersteller bald nichts mehr übrig.

Königlich mit Anhang: Modell der Schnellzuglokomotive 54562

Königlich mit Anhang: Modell der Schnellzuglokomotive 54562

Foto: DPA
Knuffig: Nebenbahnlokomotive Baureihe E 69 der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft (DRG)

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Foto: Märklin
Nützlich: Hochbordwagen E 040 der Deutschen Bundesbahn (DB), eingesetzt für Schrott-Transporte

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Foto: Märklin
Gewaltig: Dampflokomotive

Gewaltig: Dampflokomotive

Foto: Märklin


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In den nächsten zwei Jahren, heißt es, komme Märklin nicht umhin, weitere 70 Stellen zu streichen, im schlimmsten Fall sogar doppelt so viele. Seit Anfang 2004 wurde die Zahl der Beschäftigten bereits um 670 auf 1350 gesenkt.

Nach Ermittlungen der Beratungsfirma Wieselhuber & Partner, auf Drängen der Gläubigerbanken alarmiert, käme es dem Allgemeinbefinden Märklins auch unbedingt entgegen, wenn weitere Teile der Fertigung vom Stammsitz Göppingen nach Ungarn und die Logistik aus dem thüringischen Sonneberg nach Nürnberg wanderten.

Kreditlinien wie Stacheldraht

Ende 2005 schickten die Eignerfamilien den früheren WMF-Chef und heutigen Märklin-Beirat Rolf Allmendinger (65) auf die Suche nach Geldgebern: Die Weltmarke Märklin, 1859 gegründet, ein Mythos der deutschen Industriegeschichte, steht seither zum Verkauf.

Die Landesbank Baden-Württemberg (BW Bank) und die Kreissparkasse Göppingen haben ihre Kreditlinien wie einen Stacheldraht bei 25 beziehungsweise 20 Millionen Euro gezogen, die Volksbank Göppingen, die DZ Bank und die Commerzbank  bei jeweils rund fünf Millionen Euro. Der Schuldenstand schwankte zuletzt im Jahresverlauf zwischen 35 und 57 Millionen Euro; Märklin betreibt halt ein Saisongeschäft.

Doch in jüngster Zeit kommt Einsatzleiter Adams den finanziellen Grenzen seiner Schaffenskraft bedrohlich nahe: Für die bis 2008 laufende Restrukturierung reichen die Mittel kaum aus.

BW Bank und Kreissparkasse Göppingen hätten nun, wie ein Bankkaufmann unter Seufzern verlauten lässt, den Bitten ihres Schuldners stattgegeben und "eine weitere Restrukturierungslinie von zehn Millionen Euro in Aussicht gestellt" - doch offenbar wurde diese Zusage an die Bedingung geknüpft, dass es Märklin endlich gelingt, frisches Kapital aufzutreiben.

Bei der Stuttgarter Kanzlei Gleiss Lutz richtete der klamme Eisenbahnbauer einen Datenraum ein, in dem Interessenten die Bücher einer prüfenden Wälzung unterziehen konnten; während in Göppingen Betriebsleiter Adams den Finanzinvestoren die prekäre Lage mit aufmunternden Worten beschrieb.

"Belegschaft in großer Sorge"

Adams, der sich zugute halten kann, mit einigen trickreichen, wenngleich nicht immer rechtzeitig ergriffenen Wendemanövern im Vertrieb das Schlimmste verhindert zu haben, behauptet zwar: "Wir stehen derzeit nicht zum Verkauf", fügt aber Sekunden später hinzu, "dass man in so einer Phase auch über einen Verkauf nachdenkt". Das sei doch nur "logisch".

Niedlich: Rangierlok mit Lorenkipper für Einsteiger

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Foto: Märklin
Modern: Güterlok der Reihe 659 der Österreichischen Bundesbahnen für die Spur HO

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Foto: DPA
Märklin ferngesteuert: Die 55003-Schlepptender-Dampflok gibt es mit drahtloser Fernbedienung

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Foto: Märklin
Fasziniert: Besucher der Kölner Modellbahn-Ausstellung

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Foto: DPA


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Die magnetische Wirkung indes, die die Kultmarke auf Firmenjäger ausübt, ist relativ schwach. Der Verkauf gestaltet sich mühsamer als befürchtet. Auch eine Gesellschafterversammlung, die Mitte Januar stattgefunden haben soll, hat offenbar daran nichts geändert.

Internen Berechnungen zufolge liegt der Firmenwert bei 90 bis 100 Millionen Euro. Doch so viel will kein Finanzier springen lassen. Bei HG Capital heißt es: "Die Marke Märklin hat einen gewissen Reiz. Aber wo ist ihr Wachstum? Und ein Börsengang erscheint auch unmöglich."

Das Schwabenhaus, das jahrelang einem Modell-Etepetismus gefrönt hatte, mit einer Neigung zu teuren Kinkerlitzchen, ist der Billigkonkurrenz aus Fernost nahezu schutzlos ausgeliefert. Zu schweigen von einer Kundschaft, die statt auf Lokomotiven ganz versessen ist auf Spielekonsolen. Märklin-Betriebsrat Jan Kosak meldet: "Die Belegschaft ist in großer Sorge."

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