Mittwoch, 13. November 2019

Psychologie Riskante Gefühle

5. Teil: Macht der Gefühle

Aber was genau spielt sich im Kopf ab, wenn sich das Gehirn vor einer kniffligen Entscheidung drückt? Und vor allem: Welche Rolle spielt Stress? Ist der Mensch noch zu vernünftigen Entscheidungen in der Lage, wenn er zum Beispiel unter Zeitdruck gerät, wie er im Börsengeschäft üblich ist?

Macht der Gefühle: Im Gehirn sämtlicher Probanden, die sich zwischen sechs Kaffeesorten entscheiden sollten, schaltete sich die für rationales Abwägen zuständige Region ab, sobald die Lieblingsmarke auftauchte - die Wahl fiel rein emotional.
Siegmar Münk
Macht der Gefühle:
Im Gehirn sämtlicher Probanden, die sich zwischen sechs Kaffeesorten entscheiden sollten, schaltete sich die für rationales Abwägen zuständige Region ab, sobald die Lieblingsmarke auftauchte - die Wahl fiel rein emotional.
Neuroökonomen meinen: nein. Sie vermuten, dass unter Stress die Ratio aus dem Gleis gerät - und der Mensch Emotionen zu Hilfe nehmen muss.

Den experimentellen Nachweis führte kürzlich ein interdisziplinäres Team der Universität Münster. Die Forscher um den Wirtschaftswissenschaftler Peter Kenning, den Neurophysiker Michael Deppe und den Radiologen Harald Kugel präsentierten ihren Probanden diverse Kaffee- und Biersorten und baten sie, sich für eine Marke zu entscheiden.

Die Auswertung der Daten aus dem Kernspintomografen ließ deutlich erkennen, wie die für kognitive Prozesse zuständigen Hirnteile jeder Testperson angestrengt arbeiteten. Sobald aber ein Kandidat seine Lieblingsmarke entdeckt hatte, reduzierte sich schlagartig die Aktivität in diesen Regionen. Stattdessen leuchteten Gefühlsareale auf. "Der Verstand setzte aus und überließ den Emotionen die Wahl", so Kenning: "Die Probanden entschieden buchstäblich aus dem Bauch heraus."

Wer Gefühle sprechen lässt, wenn es um Kaffee oder Bier geht, schadet sich nicht. Doch was, wenn der Mensch in Finanzfragen genauso emotional vorginge, um die als anstrengend empfundene Komplexität zu reduzieren?

Kenning vermutet, dass genau dies der Fall ist - und will das demnächst in einem neuen Experiment überprüfen. Es könnte sich lohnen. Denn Masse und Struktur der meisten Finanzprodukte durchschauen viele Anleger wohl nicht. Fast 6000 Investmentfonds und über 20.000 Zertifikate stehen zur Auswahl. Zudem sind an deutschen Börsen über 4000 Anleihen und rund 10.000 Aktien notiert. Dazu kommen noch die Angebote aus London, New York und von anderen Weltbörsen. Wie soll jemand angesichts dieser Vielfalt das richtige, das beste Investment auswählen?

Offenbar geht es an der Börse nicht viel anders zu als bei Tchibo um die Ecke. So haben zahlreiche Studien belegt, dass deutsche Anleger ihre Depots überwiegend mit heimischen Titeln bestücken. In Befragungen gaben Anleger häufig an, dass ihnen heimische Aktien einfach "sicherer" erschienen.

Ein fataler Trugschluss. Denn mit den realen Chancen und Risiken der Aktieninvestments haben diese Bauchurteile meist nichts zu tun. Im Gegenteil: Übertrieben risikoaverses Verhalten kann hohe Verluste zur Folge haben und die langfristige Rendite leiden lassen, wie eine Studie des Aachener Forschungsinstituts für Asset Management ergeben hat: Stärker international gestreute Portfolios bringen im Durchschnitt ein Prozent mehr Rendite im Jahr - wenn es gelingt, eine durchdachte Anlagestrategie konsequent zu verfolgen. Doch genau an dieser Hürde sind schon viele Vorsorgepläne gescheitert. Denn allzu leicht lassen sich Anleger von ihren jüngsten Investmenterfahrungen in die Irre führen.

© manager magazin 1/2006
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