Standort Deutschland Die Mutprobe

Die Wirtschaft gewinnt an Fahrt - doch die meisten Bürger, Manager und Politiker glauben nicht an den großen Aufschwung. Immerhin: Einige zeigen, dass gerade jetzt Wachstum möglich ist.

Der Satz klingt wie ein Mantra: "Wir haben keine Angst." Otto Lithardt (62) wiederholt ihn immer wieder. Wir haben keine Angst - klar, die Aussichten für Deutschland seien mäßig, von der Politik hält er nicht viel. Aber eigentlich interessiert ihn das alles gar nicht. Er habe einfach keine Lust, "ins Gejammere einzustimmen", sagt er. Führt ja doch zu nichts. Lithardt lacht und rutscht unruhig auf seinem Stuhl umher.

Der Mann traut sich was: Lithardt unternimmt - investiert, expandiert, stellt Leute ein.

1996 stieg er ins Schaumwaffelgeschäft ein, übernahm die bankrotten "Grabower Küsschen" in der gleichnamigen mecklenburgischen Kleinstadt, Ostdeutschlands Antwort auf Dickmann's Schokoküsse. Damals machte der Betrieb 7,5 Millionen Euro Umsatz. Inzwischen haben Lithardt und seine Frau Monika (59) eine Firmengruppe aufgebaut, die 135 Millionen Euro umsetzt und 600 Leute beschäftigt.

Dreizehn Firmen haben sie übernommen und in ihr kleines Süßwarenimperium eingegliedert. So soll es weitergehen: eine Firma pro Jahr. Und weil das noch nicht reicht, bauen sie auch bestehende Anlagen aus. Derzeit planen die Lithardts im trüben Grabow eine neue Produktionshalle, 50 Leute wollen sie 2006 dort einstellen.

Wer Angst hat, traut sich so etwas nicht. Otto Lithardt jedenfalls steckt voller Selbstbewusstsein: "Es ist immer noch alles möglich in Deutschland. Man muss nur hart arbeiten."

Leider ist Angst hier zu Lande das bestimmende Lebensgefühl. Aufbruch? Risikofreude? Spaß? Den meisten Deutschen ist nicht danach.

Die Wirtschaft gewinnt zwar allmählich an Fahrt. Deutschland, sagen die Konjunkturforscher, stehe nach langer Zeit endlich mal wieder vor einem spürbaren Aufschwung. Doch obwohl es vielen Unternehmen inzwischen wieder gut geht, bleibt die Stimmung gedämpft.

Beate Uhse und Adi Dassler

Die Krise der vergangenen Jahre hat sich tief eingegraben ins Denken und Handeln. Im Vergleich zu den Wirtschaftsführern in Frankreich und den USA seien deutsche Manager auf kurzfristiges Kostensenken statt auf langfristige Expansion ausgerichtet, ergab eine Studie der Personalberatung Egon Zehnder International für manager magazin.

Das Urteil über die heimische Wirtschaftselite fiel harsch aus: Bei deutschen Managern sei "kein klares Profil auf die Ausrichtung in der Zukunft zu erkennen".

Wie die Manager, so die Bürger: Keine andere europäische Nation ist so von Pessimismus und Mutlosigkeit geplagt wie die Deutschen. Nur ein Viertel der Bundesbürger glaubt, in fünf Jahren werde es ihnen besser gehen als heute, so die letzte Eurobarometer-Umfrage der EU-Kommission - in den meisten EU-Ländern sind die Optimisten in der Mehrheit.

"Mut zum Risiko", sagt der Bamberger Soziologe Richard Münch, "bedeutet das Überschreiten bestehender Grenzen, die Bereitschaft, von geltenden Standards und Normen abzuweichen." Ohne Mut keine Veränderungen, weder in der Politik noch in Wirtschaft oder Wissenschaft. Ohne Mut kein Wagnis, kein Fortschritt, kein Wachstum.

Weil immer besonders viel über das geredet wird, woran gerade Mangel herrscht, erlebt die Berliner Diskursrepublik derzeit einen wahren Tsunami an Mutrhetorik.

Die Werbekampagne "Du bist Deutschland" will die verzagten Bundesrepublikaner zum Aufbrechen animieren. Bevorzugt präsentierte Vorbildfiguren: Unternehmer aus den Gründerjahren ("Du bist Adi Dassler", "Du bist Beate Uhse", "Du bist Porsche").

"Reformen mutig voranbringen", betitelte der Wirtschafts-Sachverständigenrat sein aktuelles Jahresgutachten.

"Mit Mut und Menschlichkeit" verspricht denn auch die neue Bundesregierung zu Werke zu gehen. Aber wer SPD-Finanzminister Peer Steinbrück (58), den Chefökonomen des schwarz-roten Projekts, nach den langfristigen Aussichten für die deutsche Wirtschaft fragt, erhält nicht gerade überschwängliche Antworten.

Skepsis gegenüber der Zukunft - das ist das tragende Motiv der Bundesrepublik im frühen 21. Jahrhundert.

"Deutschland hat die falschen Werte"

Es sieht so aus, als pflege die deutsche Gesellschaft Wertvorstellungen, die ihr in einer globalisierten Ökonomie im Weg stehen. In Zeiten raschen Wandels müssen Entscheidungen schnell fallen, auch wenn dabei Fehler passieren. Wer zu lange zögert, verliert - Marktanteile, Gewinne, Jobs, Steuereinnahmen.

"Deutschland", findet David Audretsch, Professor am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena, "hat die falschen Werte und die falsche Kultur. Wenn diese Gesellschaft ihren Wohlstand behalten will, muss sie sich grundlegend ändern."

Aber wie geht das? Kann man Mut und Risikofreude lernen? Wie dreht man das Wertesystem einer ganzen Nation?

Keine leichte Aufgabe, so viel ist klar. Aber auch nicht unmöglich. Deutschland erinnere ihn heute an das Amerika seiner Jugend, erzählt Audretsch. Damals, Mitte der 70er Jahre, steckten die USA in einer tiefen ökonomischen und kulturellen Krise. Japaner und Deutsche brachten die industrielle Basis der USA in Bedrängnis. Arbeitslosigkeit und Staatsschulden stiegen.

Dann wurde Ronald Reagan US-Präsident und trat eine gigantische Liberalisierungswelle los. Eine neue Generation von Unternehmern ging an den Start. Einige wurden fantastisch erfolgreich - Bill Gates mit Microsoft , Steve Jobs mit Apple  -, sie avancierten zu neuen Nationalhelden, zu Vorbildern.

Es bedürfe einer vielköpfigen Avantgarde, um neue Verhaltensmuster in der Breite zu verwurzeln, glaubt der Soziologe Richard Münch. Risikofreudiges Verhalten werde "tagtäglich von all denjenigen wach gehalten, die irgendeine Führungsrolle innehaben, von Kindergärtnerinnen, Lehrern, Teamleitern in den Betrieben, Managern".

Leadership - quer durch die Gesellschaft.

Leadership? Der Begriff passt zu Joachim Gauck (65) wie ein Disney-Stand auf den Rostocker Weihnachtsmarkt.

Viel zu aufgesetzt, viel zu modern. Im Grunde hat der DDR-Bürgerrechtler in den glorreichen Wendetagen von 1989 vor allem eines getan: im richtigen Moment die passenden, couragierten Worte gefunden.

"Jochen, du musst jetzt reden"

Zum Beispiel an jenem 19. Oktober 1989, einem klirrend kalten Spätherbsttag. Es ist der Tag eins nach Erich Honeckers Rücktritt vom Amt des Staatschefs, der Anfang vom Ende des DDR-Regimes. "Jochen, du musst jetzt reden", fordern seine Freunde ihn, den Pfarrer der Rostocker Marienkirche, auf. Und Gauck redet, vor tausenden, die sich in und um die Rostocker Gotteshäuser versammelt haben. Auch die Stasi hört zu. Er spricht von der Welt der herrschenden Parteischicht und der des Volkes: "Wir wollen nicht mehr unser Leben in Schizophrenie verbringen", sagt Gauck, "sondern Recht Recht und Unrecht Unrecht nennen." Und er wirbt für das Dableiben, den Kampf um Veränderungen, statt die Flucht nach Westen.

Der Funke zündet. Ruhig, aber entschlossen ziehen die Leute auf die Straße, zur ersten Demonstration ihres Lebens. "Demokratie - jetzt oder nie", rufen sie. Einige blicken suchend umher, wo die Stasi bleibt. Die Stasi bleibt fern.

"Selten ist Widerstand, meist wird Widerstand", sagt Joachim Gauck heute, hunderte Reden und Vorträge später: "Mut wirkt ansteckend." Den Bazillus des Beherzten müssten "kraftvolle Führungskräfte" verbreiten, "nur so entsteht eine Dynamik des Aufbruchs".

Stimmt. Aber deutsche Führungskräfte sind bislang auf solche Verhaltensweisen nicht geeicht. Sie sind selten furchtlose Gestalter, sondern eher von dem Willen getrieben, ihr Ziel der schönen Zahl (mein Milliarden-Cashflow, mein Rekordgewinn, meine Superrendite) zu erreichen.

Etliche Konzerne horten Milliardengewinne, wissen aber nichts Rechtes damit anzufangen. Mal geben sie ihr Geld an die Aktionäre in Form von Sonderausschüttungen. Oder sie kaufen eigene Aktien zurück, um den Kurs künstlich hochzutreiben. Beides ein Eingeständnis strategischer Leere.

Besonders risikobehaftete Unternehmensteile werden abgespalten: Der Industriekonzern Bayer  hat seine kränkelnde Chemietochter (als neue Firma Lanxess ) separiert, der Stromriese RWE  will sich vom schwierigen Wassergeschäft trennen, der Halbleiterhersteller Infineon  von seiner Speicherchipsparte. Alles nach dem Motto: zerlegen statt zulegen, unterlassen statt unternehmen.

Die Reserviertheit hat vor allem damit zu tun, dass viele deutsche Manager ihre berufliche Sozialisation in der vergangenen Krisendekade erfahren haben: mit null Wachstum und null Bock. Jetzt fällt es vielen schwer, auf Fast Forward umzuschalten.

Zumal die Furcht vor Karriereknick und Jobverlust permanent mitschwingt. Das Risiko für einen Topmanager, wegen schlechter Leistungen hinausgeworfen zu werden, ist in den vergangenen Jahren ständig gestiegen. Deutschland hat nach Erkenntnissen der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton in dieser Disziplin mittlerweile sogar das Hire-and-Fire-Land USA überflügelt.

Bernhards mutentbrannte Darbietung

Umso auffälliger ist es in dieser teutonischen Sicherheitsgurt-Ökonomie, wenn mal einige Großmanager mit Courage gegen den lethargischen Strich bürsten.

Adidas-Chef Herbert Hainer (51) kaufte den US-Wettbewerber Reebok ; Allianz-Vormann Michael Diekmann (50) baut den urdeutschen Versicherer zur Europa AG um .

Und als Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller (61) Mitte November die spektakuläre Übernahme der größten deutschen Immobilienbank Eurohypo  bekannt gab, war er selbst überrascht, wie positiv die Börsianer tags darauf den Deal bewerteten: mit einem Kursanstieg von rund 3 Prozent. Die Anleger waren offenbar froh, dass überhaupt mal einer etwas unternahm, obendrein auf dem so rüde gescholtenen Heimatmarkt.

Der Wagnisfinanzierer Müller ("Wer die Hitze nicht erträgt, darf sich nicht in die Küche stellen") empfand den Börsenbeifall denn auch als Ansporn für weitere Großtaten: "Dies war nicht der letzte Schritt."

Für einige Topmanager ist sogar der Erhalt des eigenen Arbeitsplatzes zweitrangig. Als der Daimler-Vorstand Wolfgang Bernhard (45) mutentbrannt die Wahrheit sprach ("Mercedes ist ein Sanierungsfall") und anschließend auch noch in einer entscheidenden Abstimmung gegen seinen Boss Jürgen Schrempp (61) votierte, kostete ihn die furchtlose Darbietung den Posten als Mercedes-Chef, den er so gut wie sicher hatte.

Oder werfen wir einmal einen Blick nach Mittelfranken, in die deutsche Wirtschaftsprovinz.

Man kann ja Jürgen Geißinger (46), Chef des größten deutschen Familienkonzerns INA-Schaeffler in Herzogenaurach, vieles nachsagen, mangelnder Schneid gehört nicht dazu. Ende 2001 überraschte er den börsennotierten Konkurrenten FAG Kugelfischer mit einem feindlichen Übernahmeangebot; die Wirtschaftswelt war perplex ob des kecken Coups.

Rudelbildung und Wurfgeschosse

Viel nachhaltiger war jedoch die Irritation, als sich Geißinger flugs anschickte, die Verkrustungen des deutschen Tarifsystems aufzubrechen.

Im INA-Werk im badischen Lahr lässt Geißinger mit dem Okay der Mitarbeiter heute 40 statt 35 Stunden arbeiten, ohne Lohnausgleich. Andernfalls, so die Drohung, hätte INA Produktion ins Ausland verlagern müssen. "Verbohrter Klassenkämpfer" war noch der harmloseste Anwurf auf diesen aus Sicht der IG Metall dreisten Akt. "Erpresser" schimpften sie ihn auch.

Doch Geißinger, im American Way of Management erzogen, lässt nicht locker. Der promovierte Maschinenbauingenieur sieht sich als "Streiter für den Standort"; mehrere hundert Leute hat er im vergangenen Jahr netto in Deutschland eingestellt, die meisten für die Entwicklung neuer Produkte. Geißinger möchte ähnliche Abkommen wie in Lahr für den Gesamtkonzern und möglichst auch für Gesamtdeutschland. Dass er mit dieser fordernden Haltung massive Proteste provozieren könnte, nimmt Geißinger in Kauf: "Natürlich macht man sich da nicht zum Freund der Gewerkschaften."

Wie es sich anfühlt, wenn die Hütte brennt, im sportjournalistisch hochgejazzten Wortsinn, das weiß Markus Merk (43) genau. Deutschlands bekanntester Fußballschiedsrichter muss regelmäßig unpopuläre Entscheidungen treffen, im Schnitt eine Hand voll in anderthalb Stunden.

Und er muss mit den Konsequenzen umgehen können wie: Rudelbildung, Wurfgeschossen oder - nach seinem umstrittenen Pro-Bayern-Meisterschaftspfiff von 2001 - mit einem De-facto-Einreiseverbot für einen Gelsenkirchener Ortsteil namens Schalke.

Merk hält das aus, gibt seine Weisheiten mittlerweile an Manager weiter. Man müsse die Reaktion der anderen vorweg denken, rät er. "Wenn Sie überrascht sind, haben Sie eine wahnsinnig schlechte Außenwirkung." Immer schön sicher wirken, das sei wichtig. Denn: "Was du abstrahlst, bekommst du zurück."

Monsterwerk der Bürokratie

Ob Angela Merkel das weiß?

Zum großen mutigen Auftritt jedenfalls hat es bei den schwarz-roten Verbündeten bislang nicht gereicht. Keiner der Beteiligten behauptet, das Programm der "Koalition der neuen Möglichkeiten" sei ein großer Wurf. Logisch, dass die neue Kanzlerin und ihr Team schon hart angegangen wurden, bevor sie überhaupt im Amt waren.

Dass auch in der Politik zuweilen ganz überraschende Durchbrüche möglich sind, hat Erich Pipa (57) vorexerziert. Der Landrat des hessischen Main-Kinzig-Kreises, ein rundgesichtiger Mann mit tief liegenden Augen, weiß, wo die Verhinderer des Aufbruchs sitzen. "Unser Land wird nicht von Politikern regiert, sondern von Bürokratie und Gruppeninteressen", sagt Pipa, dessen Redefluss ausreichte, das zwölfbändige Sozialgesetzbuch beim Nachmittagstee komplett zum Vortrage zu bringen.

Pipa hat sich schon vor knapp zehn Jahren gegen diese Mechanismen der Machtverteilung zur Wehr gesetzt. Lange vor Hartz IV hat er Hartz IV in seiner Kommune angewendet, allerdings ohne ein solches Gesetz, das er für ein "Monsterwerk der Bürokratie" hält.

Pipa hat zusammenwachsen lassen, was eigentlich nicht zusammengehen durfte: Sozial- und Jugendamt (kommunal) mit der Bundesbehörde Arbeitsamt. Und er hat ein regionales Bündnis für Arbeit geschaffen, aus Kommune, Gewerkschaften, Parteien, Verbänden und 1400 Betrieben. Mit dem Ziel, arbeitsfähige Sozialhilfeempfänger in Lohn und Brot zu bringen. Mit dem Nebeneffekt, kommunale Finanzmittel zu sparen. Unter der Nebenbedingung: Wer arbeiten kann und nicht will, der bekommt weniger oder gar keine Hilfeleistungen mehr.

Gleich zu Beginn seines Vorstoßes hatte Pipa eine große Koalition vereint - gegen sich und seine Pläne. Mal war er als "Sozialromantiker" abgestempelt, mal wurde er als "Unsozialdezernent" betitelt. "Anfangs war ich froh, wenn ich auf Parteitagen 50 Prozent Zustimmung bekam", erinnert sich Pipa. Heute geben ihm die SPD-Genossen platzeckverdächtige 99 Prozent.

Weil Pipas Zahlen stimmen: Von 1996 bis 2004 hat er die Anzahl arbeitsfähiger Sozialhilfeempfänger um 15 Prozent reduziert. So viel Reformeifer macht Schule.

Lieber bleiben, wo man ist

67 Landkreise und die Stadt Wiesbaden haben mittlerweile ein ähnliches Modell eingeführt. Man könne es auch anders formulieren, findet Pipa: "69 Unzuständige nehmen Verantwortung für die Gesellschaft wahr."

Ob sie diese Hinwendung verdient, die Gesellschaft, da ist sich Pipa nicht mehr ganz sicher. Bequem geworden sei sie jedenfalls im Laufe der Jahre: "Kaum einer geht noch ein Risiko ein, schon gar nicht zum Wohle anderer."

Deutschland - das Land der Beharrer und Bewahrer. So ist die Lage. Nicht nur den Eliten in Wirtschaft und Politik fehlt der Mut zum Aufbruch, erst recht den Normalbürgern. Ängstlich halten sie ihr Geld zusammen. Der Konsum lahmt, die Sparquote steigt seit Jahren.

Sogar an ihre Karriereplanung gehen viele Deutsche eher defensiv heran. Es passiere ihm ständig, erzählt der Deutschland-Chef eines multinationalen Konsumgüterkonzerns, dass er Leute auf höhere Positionen befördern wolle, die aber ablehnten: "Ich dachte erst, die erlauben sich einen Scherz. Aber es war voller Ernst. Das habe ich noch nirgendwo auf der Welt erlebt."

Lieber bleiben, wo man ist, als einen großen Sprung nach vorn zu wagen - so denkt immer noch der Mainstream. Längst hat sich die Zurückhaltung der Millionen von Individuen zum Stillstand der Gesellschaft summiert.

Immerhin: Es gibt Anzeichen der Besserung. So könnten die allmählich steigenden Investitionen der Unternehmen der Beginn eines längerfristigen Trends sein. Schließlich ist die Bundesrepublik - vor allem dank stagnierender Löhne und längerer Arbeitszeiten - wieder ein attraktiverer Standort geworden.

Immer mehr Deutsche wagen den Sprung in die Selbstständigkeit. Die Zahl der Unternehmensgründungen liegt so hoch wie seit über einem Jahrzehnt nicht mehr - und das sind längst nicht nur staatlich geförderte Ich-AG.

Generation von zuckerfreien Küssen

Inzwischen müht sich auch SAP-Gründer Hasso Plattner (61), der wohl erfolgreichste deutsche Entrepreneur der vergangenen drei Jahrzehnte, um den unternehmerischen Nachwuchs.

Brillante Jungwissenschaftler will er zur Gründung eigener Firmen animieren und mit Risikokapital ausstatten. Gerade hat er sein Gründerzentrum "Hasso Plattner Ventures" in Potsdam vorgestellt und 25 Millionen Euro aus seiner Privatschatulle zugesagt.

Otto Lithardt, Gründerjahrgang 1996, ist jedenfalls um seine Zukunft nicht bange. Beherzt beißt er in ein Grabower Küsschen. "Zuckerfrei!" - da sei seinen Entwicklern eine Superinnovation gelungen. Mit dieser "neuen Generation von Schaumküssen" will er nun den Markt aufrollen.

Dass viele seiner Konkurrenten von der schlechten allgemeinen Stimmung wie gelähmt seien, betrachtet er als Riesenvorteil für sich selbst. Weil sich sonst keiner traue, könne er für kleines Geld interessante Firmen übernehmen: "In diesen schwierigen Zeiten können sich mutige Leute besser entfalten als in guten Zeiten - dann schafft es ja jeder."

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.