Eleganter Wohnen Trautes Heim

Der Trend geht zum verschärften Rückzug in die eigenen vier Wände. Eine Reihe Inneneinrichter haben manager magazin ins Haus gelassen und gezeigt, wie sie wohnen - qualitätsvoll, aber karg.

Es ist einer dieser hirschhorngeknöpften Voralpenkurorte, am See gelegen und von Bergen umrahmt. Die Häuser sind mit Schnitzwerk und Geschnörkel verziert, Fensterbänke und Balkone schmücken rot blühende Geranien. Und in der Ferne leuchten die Türme einer barocken Klosterkirche. Bad Wiessee, eine Kitschpostkarte, gemütvoll bis zum Gotterbarmen.

Wie eine Gralsburg der reinen Vernunft inmitten dieser Gegenreformationsidylle liegt hinter hohen Hecken verborgen das Anwesen von Jochen Holy.

Der ranke Hausherr, einst Inhaber des Textilhauses Hugo Boss, heute Miteigentümer der Modeunternehmen Windsor und Strellson, führt in ein fast 500 Jahre altes Bauernhaus, von dem er wenig mehr als die Hülle übrig gelassen hat. Dem Bau fehlt jeglicher Zierrat, er wird gehalten von blankem Gebälk und ist versehen mit einem neuen Innenleben aus Stahl, Glas und hellen Holzfußböden.

Die Möblierung ist sparsam, beinahe asketisch. Zu sehen sind allein Designobjekte aus der Bauhaus-Schule. An den Wänden hängen riesige nahezu inhaltsfreie Leinwände der amerikanischen Maler Agnes Martin und Cy Twombly. Dazu ein paar Skulpturen: eine Riesenspinne von Louise Bourgeois, ein Altblechgeklump von John Chamberlain, ein Kupferregal von Donald Judd. Jochen Holy lebt Minimalismus in Reinkultur.

Die Reduktion auf das Wesentliche ist - so will es der Trend - derzeit schwer angesagt in den Behausungen der Betuchten. Wo in den Zeiten des rheinischen Kapitalismus zwischen dunklen Holzpaneelen blumengemusterte Plüschsessel auf ornamentreichen Orientteppichen unter trüber Kristalllüster-Beleuchtung vornehme Sitzgelegenheit boten, ist heute lichte Klarheit eingezogen.

Nacktes Holz, grobe Stoffbezüge, derbes Lederpolster, gleißendes Stahlrohr, fingerdicke Glasplatten - allesamt Materialien, die von den Bauhaus-Gestaltern der 20er Jahre als Grundstoffe funktioneller Möbel für proletarische Massen entdeckt wurden und die nun ihren Aufstieg in die Beletage vollzogen haben. Wer auf sich hält, lebt in der kargen Welt der Dessauer Klassik.

Die Klassiker der 20er Jahre sind der Dreh- und Angelpunkt des allerjüngsten Lifestyle-Schubs, den die Trendauguren als neue Wohnbewegung ausgemacht haben. Plüschiges Cocooning war gestern, heute heißt es: Homing.

"Was gibt es Schöneres, als in seinem Wohnzimmer zu sitzen und das Leben zu genießen?", fragte jüngst Boris Becker in einer breit gestreuten Bierwerbung. Und seriöse Blätter landauf, landab predigen die frohe Botschaft: "Jetzt wird aber gewohnt" ("Berliner Zeitung"), "Das traute Heim ist doch zum Wohlfühlen da" ("Handelsblatt").

Die Gralshüter der großen Wohnidee

"Das Homing, also der Rückzug ins eigene Nest", verkündete bereits auf der letztjährigen Kölner Möbelmesse im vergangenen Frühjahr der Verbandschef der Einrichtungsindustrie, Dirk-Uwe Klaas, "hat seinen Höhepunkt noch nicht erreicht."

Denn, so die Mutmaßung, je rauer und aufreibender der Alltag werde, desto größer der Hang zum Daheimbleiben in einer stilvoll gestalteten Wohnung, in der man bequem abhängen, neudeutsch "chillen", kann, oder Freunde und Gäste empfängt. Und dafür seien, so Klaas, "schlichte Eleganz" und "fast asketische Einfachheit" angesagt, es wachse der Wunsch nach dem "puristisch eingerichteten Raum".

Wer könnte dem Hang zur Klarheit besser dienen als die seit den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts bewährten Einrichtungsobjekte der kühl kalkulierenden Dessauer Modernisten und deren Nachfahren?

Die industriellen Gralshüter der großen Wohnidee aus Deutschland, Italien und der Schweiz sind in der Gesellschaft Creative Inneneinrichter (CI) vereinigt, eine Liste illustrer Namen, die Wohnkulturgeschichte geschrieben haben, von Cassina über Walter Knoll und Thonet bis zu Vitra.

Eine Reihe ihrer Inhaber und Chefs hat dem manager magazin Einblick ins private Wohnzimmer gewährt, darunter Jochen Holy und Sohn Oliver, Inhaber und Geschäftsführer des Münchener CI-Mitstreiters Classicon. In Bad Wiessee eben, wo sie ihren Familiensitz haben.

"Wir lieben gerade Linien und eine gewisse Leere", erklärt Holy und setzt in breitem Schwabendialekt nach: "Dass du net in em Raum bischt, wo du enge, bedrängte Gefühle bekommscht, des ischt halt e Mentalitätsfrage."

Seit seiner Erziehung in einem reformpädagogisch orientierten protestantischen Internat ohnehin mit der Affinität zum Bescheidenen und Minimalen behaftet, verheiratet zudem mit einer Innenarchitektin und mit einem designinteressierten jungen Mann als Sohn - was lag da näher als der Kauf des 1990 gegründeten Münchener Einrichtungsunternehmens Classicon?

Ein Haus, das genau diese Art Möbel anbietet: kantige Hocker von Eckart Muthesius (1904 bis 1989) etwa oder Sessel, Sofas und Anrichten von Eileen Gray (1878 bis 1976), Stühle von Norman Cherner (1920 bis 1987). Aber auch - Classicon bedeutet Classic plus Contemporary - bauhausnahe Ausstattungsstücke von jungen, um 1970 geborenen Nachwuchsgestaltern wie den drei Herren des 2001 gegründeten norwegischen Kollektivs "Norway Says". Von denen stammt das ausladende, lichtgraue Sofa mit Namen "Juno", das nun das Zentrum des beinahe sakral inszenierten Wohnraumes in Holys Anwesen beherrscht.

Wallfahrt ins schwäbische Herrenberg

"Man baut sich sein Leben um diese Dinge herum auf", sagt Holy. Der schwarz gelockte Oliver, seit seinem achten Lebensjahr durch einen Skiunfall an den Rollstuhl gefesselt und heute Geschäftsführer bei Classicon, pflichtet ihm bei. "Wohnen wird immer wichtiger. Zum Beispiel in der Küche, in der man gemeinsam mit Freunden auch samstagabends zusammensitzt. Es hat keine Priorität mehr, bis morgens irgendwo in einer Bar zu hocken."

Der neue Hang zu gehobener Häuslichkeit lässt sich mittlerweile auch an den Umsatzzahlen der lange Zeit gebeutelten deutschen Möbelindustrie ablesen. Wo es 2003 noch ein Minus von 2,1 Prozent gab, konnten die Einrichter für 2004 ein Wachstum von 1,4 Prozent und einen Gesamtumsatz von mehr als 20 Milliarden Euro vermelden. Und überdies Exportzahlen, so lobte unlängst die "Frankfurter Allgemeine", die "seit Jahren kontinuierlich um rund 6 Prozent pro Jahr" steigen.

Wer's nicht glaubt, der möge eine Wallfahrt ins mittelalterliche schwäbische Herrenberg unternehmen, überragt von der trutzigen gotischen Stadtkirche. Gleich am Bahnhof trifft der Besucher dort auf Kräne und Werkstatt-Container einer gewaltigen Baustelle. Hier errichtet das Möbelunternehmen Walter Knoll neben der frisch renovierten stattlichen Produktionsstätte aus dem 19. Jahrhundert einen Neubau von vergleichsweise gigantischen Ausmaßen. Einen gläsernen Kubus mit vier Stockwerken und 6000 Quadratmetern Fläche. Architekt ist Hansulrich Benz, der Bruder des Inhabers Markus Benz, beides Söhne des legendären Möbelbauers Rolf Benz.

Der hatte, calvinistisch-mennonitisch aufgewachsen, in der Nachkriegszeit aus dem Geist seiner Glaubensherkunft einen puristischen Einrichtungsstil entwickelt und zu großen Erfolgen geführt, war dann aber in den 80ern mit dem eigenen Unternehmen in eine Krise geraten. In die Neuzeit gerettet hat sich die Dynastie Anfang der 90er Jahre mit dem Kauf der darnieder liegenden Traditionsfirma Walter Knoll, die einst die Luxusbestuhlung des Reisezeppelins besorgte. Und die Benz-Sohn Markus nun zu neuer Höhe führt.

Im vergangenen Jahr stieg der Umsatz um 15 Prozent, seit seinem Antritt hat Markus Benz die Mitarbeiterzahl verdoppelt und den Umsatz versechsfacht - Zahlen, von denen die landläufige Möbelindustrie nur träumen mag.

Freilich, ein guter Teil dieses Erfolgs verdankt sich dem so genannten Objektbereich, der Ausstattung öffentlicher Bauten. So zieren die schlichten luxuriösen Ledersitzgelegenheiten aus Herrenberg nicht nur Reichstag und Bundesrat in Berlin, sondern auch die Hauptquartiere von Ernst & Young in London, der Commercial Bank of Dubai, der Van Nelle Ontwerpfabriek in Rotterdam. Hinzu kommen die VIP-Lounges der neuen Fußballstadien, Grandhotels von Berlin bis Sydney. Aber auch das Maybach Center of Excellence in Sindelfingen. Chapeau.

"Der Trend zum hochwertigen Wohnen ist ungebrochen", sagt Markus Benz, "ob ich 3000, 4000 oder 5000 Euro für ein Sofa verlangen kann, hängt allerdings davon ab, ob ich das Grundverständnis für den Mehrwert des Produkts wecken kann."

Kein richtiges Leben im falschen

Voller Stolz führt er den Besucher durch die Halle, in der aus kräftigen Rinderhäuten, alle aus süddeutschen Ställen, mit modernstem Gerät die Bezüge für Sofas, Sessel, Stühle geschnitten werden. Von Näherinnen akkurat zusammengefügt, von Polsterern über die mal schlanken, mal bombastischen Möbelkörper gezogen.

Sein Verhältnis zum Wohnen formuliert der 44-jährige Jurist gestochen scharf: "Die Wohnung ist der intimste Bereich, den ein Mensch hat, insofern soll er Ausdruck seiner eigenen Individualität sein. Auf keinen Fall ist das Zuhause der Platz eines Designdogmas, sondern ein Ort, an dem gelebt wird."

Markus Benz lebt im nahen Nagold, umgeben von Klassikern der Designgeschichte, aber auch mit Erinnerungsstücken, Sportgerät und dem Spielzeug seiner zwei Kinder. "Auf den richtigen Mix kommt es an", sagt er. "Wo kämen wir hin, wenn wir plötzlich darüber nachdenken wollten, ob ein durchaus gut gestalteter Heimtrainer in die Wohnung passt oder nicht?"

Es geht auch anders, wie das Beispiel des schweizerischen Möbelbauers Willi Glaeser lehrt, der zusammen mit seinem Cousin Otto 1983 das Unternehmen Wogg gegründet hat. Glaeser lebt mit seiner Frau in einer Doppelhaushälfte von acht mal neun Metern Grundfläche auf drei Geschossen in Baden bei Zürich.

"Das Reduzierteste, was man sich vorstellen kann", freut sich der joviale Schreinermeister und Designer, der es mit überraschenden Einrichtungsinnovationen zu internationalem Ansehen gebracht hat. "Wir sagen: Eine zwinglianische Architektur, zurückgehend auf den Reformator, der die Schweizer Bescheidenheit lehrte."

Alles erstrahlt in Weiß, außer einer blauen Wand. Darin verlieren sich ein paar karge Stücke der schweizerischen Gestalter Trix und Robert Haussmann, ein einfacher Tisch aus der eigenen Kollektion, ein paar Grafiken vom malenden Bruder. Mehr nicht.

Glaeser, einst an der berühmten Stuttgarter Hochschule für Gestaltung im Design unterwiesen, übt diese Zurückhaltung bei Farben und Formen, weil er glaubt, dass es die Menschen sind, die das Leben und die Farbe in die Wohnung bringen.

"Dieses protestantische Zürcherische, fast Zenhafte ist uns eigen", sagt Glaeser. Und entwickelt knapp und bündig seine Philosophie des Interieurs. "Eine barocke Einrichtung - die macht ja eher scheu, oder? Da kriegt man Angst vor der Einrichtung. Die soll aber den Gast nicht mit Ängsten empfangen, sondern signalisieren: Hier kannst du dich entfalten."

Das hatte ein anderer Klassiker der Moderne bereits 1944 erkannt und knapp auf den Punkt gebracht: "Wer sich in echte, aber zusammengekaufte Stilwohnungen flüchtet", notierte der Philosoph Theodor W. Adorno in seiner 18. "Reflexion aus dem beschädigten Leben" der "Minima Moralia", "balsamiert sich bei lebendigem Leibe ein."

Am Ende der Reflexion, die vom Wohnen handelt, steht dann der mittlerweile berühmte Satz: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen."

Geheimbund für cooles Wohnen

Geheimbund für cooles Wohnen: Oliver Jokoszies über Design-Klassiker in den Möbelhäusern

mm: Was bedeutet bei Möbeln modernes Design?

Jokoszies: Gute Form, Ästhetik, Zeitlosigkeit. Im Gegensatz zur trendigen, immer wieder neu erfundenen Gestaltung ist modernes Design - fast ein Paradoxon - das, was Jahrzehnte überdauert und nie an Aktualität verliert.

mm: Die Kooperation Creative Inneneinrichter vereint die feinsten Adressen der Zunft. Ein Geheimbund für cooles Wohnen?

Jokoszies: Wir sind jedenfalls keine laute Billigkette mit Standardangebot. Jedes der 43 Häuser hat seinen eigenen Stil.

mm: Keine Mode scheint den schlicht hochwertigen Bauhaus-Formen etwas anhaben zu können. Warum?

Jokoszies: Ich glaube, wir erleben da eine Renaissance. Es gibt eine große Fangemeinde von modernen Klassikern. Sie sind aber auch eine Investition fürs Leben, eine Art Geldanlage. Wenn ich einen Sessel von Le Corbusier kaufe, wird der an Wert nicht verlieren, im Gegenteil.

mm: Anbieter moderner Klassiker können mit deutlich besseren Umsatzzahlen aufwarten als der Rest der Branche. Haben Sie eine Erklärung?

Jokoszies: Es gibt vergleichbare Erfolge im Billigsegment der Mitnahmemöbel. Der Markt ist extrem polarisiert, das mittlere Segment hat es schwer. Billiganbieter und Firmen, deren Produkte super verarbeitet und in der Form zeitlos sind, deren Möbel aus besten Materialien gefertigt sind und ein größeres Investitionsvolumen erfordern, gehören zu den Gewinnern.

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