Berufseinstieg Frühaufsteher gesucht

Die Suche nach der ersten Stelle ist härter denn je. Wer aber früh Erfahrung sammelt und Kontakte knüpft, hat auch ohne Eliteuni und Topnoten beste Aussichten auf seinen Traumjob.
Von Simon Hage und Claus G. Schmalholz

Thomas Filipiak (29) hat Bankkaufmann bei der Sparkasse Göttingen gelernt. Anschließend neun Semester BWL, Diplom mit der Note 2,1. Erster Eindruck: sehr ordentlich - aber auch nicht mehr.

Dennoch musste er keine einzige Bewerbung schreiben, um einen interessanten Job zu bekommen - seit Anfang Juni arbeitet er bei PricewaterhouseCoopers (PwC) als Wirtschaftsprüfungsassistent.

Wie er es geschafft hat, aus der großen Masse der Absolventen herauszustechen? Er ist stets bestens präpariert, für den Berufsstart genauso wie für das Gespräch darüber.

Der Diplomkaufmann sitzt im kleinen Konferenzraum der Hamburger PwC-Niederlassung. Dunkler Anzug, rahmenlose Brille, akkurater Kurzhaarschnitt, die Hände liegen flach auf dem Tisch. Auf seinem Notizblock stehen Stichwörter, damit er nichts vergisst, was ihm wichtig ist.

Foto: manager magazin
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Die attraktivsten Arbeitgeber
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Filipiak erzählt, dass er in den Jahren vor und während des Studiums nicht nur Berufserfahrung gesammelt hat, sondern auch stapelweise Visitenkarten. "Man muss möglichst viele Leute kennen lernen", beschreibt er sein Karriererezept.

Mag sein, dass Filipiak zu den besonders dynamischen Berufseinsteigern gehört. Doch sein Beispiel zeigt, dass sich Bewerber heutzutage noch früher und noch umfassender auf den Jobeinstieg vorbereiten müssen, wenn sie nach dem Studium einen guten Karrierestart hinbekommen wollen.

Mehr denn je sind Einsteiger heute gezwungen,

  • rechtzeitig Kontakte zu potenziellen Arbeitgebern zu knüpfen,


  • sich sinnvoll zu spezialisieren und


  • nach jenen Branchen und Arbeitsgebieten Umschau zu halten, in denen überdurchschnittlich viele Jobs entstehen.

Keine Zeit vertrödeln

Denn so viel ist klar: Die Kluft zwischen Nachfrage und Angebot an Hochschulabsolventen wächst weiter. Den 99.000 bei den Arbeitsagenturen registrierten Akademikerstellen standen 2004 rund 231.000 Bewerber gegenüber. Die Zahl der Stellenangebote schrumpfte 2004 um 15.500, während die Zahl der Uni-Abgänger um 13.000 stieg.

In diesen Statistiken tauchen zwar jene Jobs nicht auf, die insbesondere die großen Unternehmen vorzugsweise über eigene Internet-Jobportale oder Online-Stellenbörsen offerieren. Fest steht aber: Der Kampf um die besten Jobs wird noch härter - und zwar vor allem für die Masse der Absolventen, die nicht zu jenen Überfliegern zählen, die aus vielen Angeboten wählen können.

Wer heute seinen Traumjob ergattern will, darf nicht erst nach der Diplomarbeit mit der Suche beginnen. Studenten wie Karim Fraiss (29) blicken daher früh über die Campus-Grenzen hinaus. 15 Semester studierte der Wirtschaftsingenieur an der TU Darmstadt. "Normalerweise ist eine solche Semesterzahl ein Killerkriterium", weiß Fraiss.

Gerettet hat ihn, dass er seine Zeit nicht vertrödelte. Immer wieder musste der angehende Wirtschaftsingenieur Prüfungstermine verschieben, weil die Arbeit in einer studentischen Unternehmensberatung sehr viel Zeit beanspruchte. Sein außeruniversitäres Engagement zog die akademische Ausbildung zwar arg in die Länge, doch letztlich, so Fraiss, "war der Nebenjob für mich die Eintrittskarte ins Berufsleben".

Seit gut einem Jahr arbeitet Fraiss nun in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung des Automobilzulieferers Continental  in Hannover - von der Bewerbung bis zur Zusage vergingen gerade mal sechs Wochen.

Sein Erfolgsrezept: Der Bewerber Fraiss hatte wegen seines Beratungsnebenjobs etwas zu bieten, was Studenten in keiner Vorlesung und in keinem Seminar lernen, einen Added Value gewissermaßen. Immer mehr achten Unternehmenschefs und Personalmanager bei der Fülle der Bewerber auf solche Farbtupfer im Lebenslauf.

Den Einstieg vorbereiten

Wer hier punkten kann, hat auch als Student einer relativ exotischen Fachrichtung mit einem erklärungsbedürftigen akademischen Grad beste Chancen, bei einem attraktiven Arbeitgeber unterzukommen. Und das selbst bei einem Unternehmen wie BMW , das seit Generationen zu den Traumzielen ganzer Absolventenjahrgänge gehört.

Lorenz Makeschin (24) hat dieses Kunststück geschafft, obwohl er sich nach dem Abitur für den damals frisch aufgelegten und damit für die Personalabteilungen völlig unerprobten Studiengang "Informatik und E-Commerce" an der Universität Augsburg eingeschrieben hatte. Sein großes Plus war, dass er sein Lieblingsunternehmen bereits in- und auswendig kannte. Schon während des Studiums hatte Makeschin als Praktikant in einer Testabteilung von BMW gearbeitet, in der etwa das reibungslose Zusammenspiel von Handy und Navigationssystem geprüft wird.

Makeschins Direkteinstieg ist einer der beiden Wege, die Bewerbern bei BMW offen stehen. Und ist der Einstieg erst einmal geschafft, hat jeder Neuling auch die gleichen Chancen, sagt Tobias Nickel, Leiter des Recruitings. Das Leben vor BMW spielt dann keine Rolle mehr: Der gewöhnliche Hochschulstudent kann genauso weit kommen wie der elitäre Privatschüler, der beflissene Werkstudent ebenso durchstarten wie der begabte Einser-Absolvent.

Die höchste Hürde ist der Einstieg. Wer nicht wie Makeschin schon früh Kontakte geknüpft hat, muss bei Konzernen wie BMW standardisierte Online-Fragebogen ausfüllen, die wenige Möglichkeiten bieten, sich individuell zu präsentieren.

Zwar gibt es vor jeder Einstellung ein persönliches Gespräch, weil das Auswahlverfahren nicht rein maschinell vonstatten gehen soll, doch gilt es, in einer Flut von rund 230.000 Bewerbungen pro Jahr auf sich aufmerksam zu machen.

BMW-Personalexperte Nickel kanalisiert den Andrang mittels einer Datenbank, in der die via Web eingegangenen Profile gespeichert sind. Aus diesem Pool suchen sich Personalmanager und Fachbereichsleiter ihre Wunschkandidaten heraus. Ein Verfahren wie bei einem Internetautomarkt, bei dem der Kunde das Angebot mittels unterschiedlicher Kriterien wie Marke, Baujahr und Motorleistung eingrenzen kann.

Durch Mobilität punkten

Die Diplomnote ist bei BMW nur eines von insgesamt 1600 Kriterien, dessen Gewichtung der Personaler oder Abteilungsleiter selbst festlegen kann "Leistung zählt - nicht der Titel". Legt ein Vorgesetzter Wert auf spezielle Kenntnisse, kann er sich die passenden Bewerber per Mausklick herausfiltern. Der klangvolle Name einer elitären Privatuniversität kann so durchaus an Strahlkraft verlieren.

Punkte macht, wer rasch reagiert, denn "auch Schnelligkeit ist eine Bewerberqualität", sagt BMW-Personaler Nickel. Wichtig ist nach wie vor das Foto. Ein sympathisches Aussehen wirkt oft stärker als die Stelle hinter dem Komma bei der Abschlussnote.

Dennoch scheint die Notwendigkeit des Selbstmarketings vielen Bewerbern noch nicht klar zu sein - ansonsten würde Nickel von reichlich merkwürdigen Schnappschüssen verschont bleiben: "Ich bekomme immer wieder Bilder von Frauen im Bikini oder Bewerbern, die freundlich aus der Hängematte grüßen."

Zusatzqualifikationen und Praktika sind nur ein Weg, die Chancen für den Berufseinstieg zu verbessern, Flexibilität und Mobilität ein anderer. Und viele nutzen ihn.

Olaf Hofmann (28) etwa, der an der TU Dresden sein Medieninformatik-Studium mit der Note 1,7 abschloss. Doch Hofmann machte schnell die Erfahrung, "dass man in Deutschland als Bachelor nichts ist". So versuchte er es in England, wo er innerhalb von ein paar Wochen einen Job bekam.

Seit Juni arbeitet er beim Computergerätehersteller Belkin in Northampton als Technical Support Representative. Acht Stunden sitzt er täglich am Telefon und erklärt den Kunden, wie sie eine drahtlose Internetverbindung installieren können. Sein Jahressalär: rund 31.000 Euro.

Der Job ist ein Kompromiss, nicht nur wegen der Arbeitsplatzbeschreibung. Hofmann wohnt in einer kleinen Studentenbude, die er sich mit vier Mitbewohnern teilen muss.

Mehr als eine Durchgangsstation ist Belkin also nicht für Hofmann. Er bewirbt sich parallel weiter und hat auch schon eine Zusage für eine Stelle als Web-Entwickler in der Tasche. Später will er auf jeden Fall an der Uni seinen Bachelor zum Master aufwerten, um anschließend auch in Deutschland bessere Chancen zu haben.

Auf klarem Kurs bleiben

Ohne diese Zusatzqualifikation, glaubt Hofmann, würde er sich in Deutschland von Praktikum zu Praktikum hangeln, um auf dieser Ochsentour irgendwann vielleicht doch noch zu einem akzeptablen Job zu kommen.

Tausende von Hochschulabsolventen teilen dieses Schicksal. Für die meisten Studenten zählen die oft mager bezahlten Hospitanzen bereits zum Pflichtprogramm - und für viele bleiben sie danach die einzige Möglichkeit, einen Weg ins Berufsleben zu finden.

Doch der Praktika-Boom birgt große Risiken: Wer zu oft zu Billiglohnkonditionen arbeitet, läuft Gefahr, von den Personalern als Dauerpraktikant eingeschätzt zu werden, der womöglich untauglich ist für einen festen Job.

Der Weg von Berthold Denzel (29) zeigt, wie sich die Praktikaspirale vermeiden lässt: Schon bevor er sich zum BWL-Studium in Mannheim einschrieb, wusste er, wohin es nach dem Diplom gehen sollte: ins Gesundheitswesen. Die Idee setzte er konsequent um.

Als Werkstudent arbeitete er für die Siemens-Betriebskrankenkasse und für die AOK. Seine Diplomarbeit schrieb er über die Wettbewerbschancen der Krankenkassen. Denzels stringenter Lebenslauf beeindruckte. Schon vor dem Diplom hatte er eine Zusage vom Verband Deutscher Alten- und Behindertenhilfe, die Abschlussnote 2,1 war eher zweitrangig.

Denzel weiß, dass dieser Arbeitgeber für die meisten seiner Kommilitonen keinen Sexappeal hat: "Die wollen alle zu Konzernen wie Lufthansa oder BMW, aber ich könnte mir zurzeit nichts Besseres vorstellen."

Denzels Beispiel zeigt, dass Absolventen auch ohne Einser-Examen eine ansprechende Stelle bekommen können - ebenso wie der Wirtschaftsprüfungsassistent Thomas Filipiak. Nie hat er es bereut, keine Elitehochschule besucht zu haben. "Ich habe meinen eigenen Weg gefunden", sagt er.

Beide Berufseinsteiger stehen stellvertretend für die neuen Anforderungen der Arbeitsplatzsuche von Akademikern. Die Bewerbungsphase steht nicht mehr am Ende des Studiums, sie beginnt im Prinzip mit dem ersten Tag auf dem Campus.

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