EZB Die Rätsel des Monsieur T.

Jean-Claude Trichet ist anders. Auch nach knapp zwei Jahren an der EZB-Spitze wirkt der Notenbankchef wie ein französischer Elitebeamter - tadellos in der Form, aber schwammig im Inhalt. Das wird zum Problem für den Euro.

Der Mann ist ernst und angespannt. Hochgezogene Augenbrauen, verschränkte Arme vor der Brust, so sitzt er auf dem Podium. Er lächelt fast nie. Jean-Claude Trichet sieht nicht gerade aus, als mache ihm sein großer Auftritt Spaß.

Dabei ist dies ein entscheidender Moment: Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) - Herr des Euro und einer der wichtigsten Institutionen der Erde - richtet sich an die internationale Öffentlichkeit.

Die Welt dürstet danach zu erfahren, wie die EZB die wacklige ökonomische Lage sieht, wie es mit der europäischen und der globalen Wirtschaft weitergeht, wohin sich die Zinsen entwickeln werden. Das ist der Sinn der allmonatlichen Pressekonferenz im Frankfurter Euro-Tower. Eigentlich.

Tatsächlich aber erzählt Trichet jedes Mal ziemlich genau das Gleiche - gleicher Aufbau, gleiche Formulierungen. In technokratischem Ökonomen-Englisch lässt er die versammelte Journaille wissen, dass die EZB die Entwicklungen "aufmerksam verfolgt", dass die Banker sich an ihr "Mandat" halten und "glaubwürdig" die "Inflationserwartungen" im Griff haben, dass die Zinsen so niedrig sind "wie seit 100 Jahren nicht", dass die Regierungen der zwölf Euro-Staaten weniger ausgeben und "strukturelle Reformen" angehen müssten. Alles längst bekannt, immer wieder gehört.

Auf konkrete Fragen antwortet Trichet gern, indem er minutenlang über grundlegende Prinzipien der Geldpolitik redet - um am Ende die konkrete Antwort schuldig zu bleiben. "Pädagogisch" nennen seine Mitarbeiter Trichets Stil. Ein wohlwollendes Urteil.

Sein Vorgänger, der kürzlich verstorbene Wim Duisenberg, war witzig, spontan, manchmal charmant, manchmal bissig. Er liebte das Spiel mit der Öffentlichkeit. Gelegentlich sagte er zu viel oder das Falsche - dann fielen alle über ihn her. Man konnte ihn mögen oder nicht, aber langweilig war er nie.

Trichet ist anders. Auch nach knapp zwei Jahren an der EZB-Spitze wirkt er wie ein französischer Elitebeamter - tadellos in der Form, aber undefinierbar im Inhalt. Das wird zum Problem.

Eine öffentliche Ohrfeige

In letzter Zeit muss sich der oberste Euro-Hüter einiges anhören. Da spottet beispielsweise der Geldpolitik-Professor Charles Goodhart, Trichet sehe bei seinen Pressekonferenzen immer so müde und gestresst aus. "In meinen Augen würde es sich auszahlen", riet Goodhart dem EZB-Präsidenten kürzlich in einem offenen Brief, "wenn Sie sich Zeit nähmen, zu entspannen, aufzutanken und sich auf einen der wichtigsten Momente der Kommunikation vorzubereiten." Eine öffentliche Ohrfeige.

Niemand wisse eigentlich mehr genau, weshalb die EZB wann was entscheide, kritisiert Karsten Junius, Notenbankbeobachter von der Dekabank. "Die Märkte tappen im Dunkeln.

Trichet müsste der Öffentlichkeit viel mehr über die Gedankenwelt, Theorien und Diskussionen innerhalb der EZB erzählen - er muss erklären, wie er die Welt sieht und welche geldpolitischen Entscheidungen daraus folgen." Der Notenbankbeobachter Angel Ubide fragt sich gar, ob die EZB überhaupt "ihrer Aufgabe gewachsen ist".

Eine paradoxe Situation. Die allermeisten Fachleute attestieren der EZB, sie habe seit Beginn der Währungsunion 1999 gut und verantwortungsvoll agiert. Der Euro ist eine stabile Währung, Inflation und Zinsen sind stabil und niedrig, niedriger als in den USA oder Großbritannien.

Aber es wird nicht honoriert. "Niemand redet darüber außer uns", schimpft Trichet. Stattdessen muss er sich im Europäischen Parlament anhören, die Zinsen müssten noch weiter runter. Im Juli verweigerte erstmals eine Mehrheit der Abgeordneten der Notenbank die Gefolgschaft: Der Jahresbericht der EZB fand keine Zustimmung. Trichet, der dafür im Plenum geworben hatte, stand düpiert da.

"Bisher gab es einen großen Konsens über den richtigen Weg in der Wirtschafts- und Währungspolitik", sagt der deutsche Abgeordnete Kurt Joachim Lauk (CDU). "Dieser Konsens ist zerbrochen." Plötzlich tun sich tiefe Gräben auf - zwischen Nord und Süd, Ost und West, links und rechts.

Der Euro, so wollten es seine Gründerväter, sollte ein Symbol werden. Aus dem gemeinsamen Geld sollte eine gemeinsame europäische Identität erwachsen. Ein Traum, der bislang nicht in Erfüllung gegangen ist. Nach fast sieben Jahren Währungsunion läuft in Europa mehr auseinander als zusammen.

Die Euro-Bürger sind gespalten

Politisch steckt die EU in einer Verfassungskrise, seit Franzosen und Niederländer im Frühjahr den neuen Vertrag per Referendum ablehnten. Auch auf einen neuen Haushalt konnten die nationalen Regierungen sich nicht einigen. Die finanzpolitischen Regeln des Stabilitäts- und Wachstumspakts nehmen viele nicht mehr ernst.

Wirtschaftlich entwickelt sich der Euro-Raum immer noch mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten: Solide wachsende Volkswirtschaften wie Irland und Spanien stehen stagnierenden wie Deutschland und den Niederlanden gegenüber. Einige gewinnen an Wettbewerbsfähigkeit, wie Deutschland und Österreich, andere verlieren, wie Italien und Griechenland (siehe: "EU-Standortstudie: Deutschland kriegt die Kurve"). Entsprechend unterschiedlich sind die wirtschaftspolitischen Bedürfnisse.

Die Unterstützung für die Gemeinschaftswährung sinkt, wie Umfragen im Auftrag der Europäischen Kommission zeigen. Besonders kritisch sind die Deutschen, von denen mehr als 40 Prozent den Euro ablehnen.

So kommt es, dass seit Monaten die Debatte über ein Auseinanderbrechen der Währungsunion schwelt. Trichet kontert solche Ideen schroff: "Kompletter Nonsens." Wie so häufig, vergleicht er dann die Euro-Zone mit den USA, wo ja auch niemand fordere, dass "Kalifornien, Alaska oder Florida ihre eigenen Währungen haben sollen".

Das stimmt einerseits, andererseits aber auch nicht. Rein ökonomisch betrachtet, lassen sich die USA und das Euro-Land sehr wohl vergleichen. Der Unterschied ist nur: Amerikaner empfinden sich als eine Nation, die Euro-Bürger hingegen sind gespalten in (mindestens) zwölf Nationen.

Immer noch starren die Europäer auf ihre jeweiligen nationalen Daten. Die EZB aber ist verpflichtet, sich an eurolandweiten Durchschnittswerten zu orientieren. So kommunizieren Trichet und Co. auch nach außen: Auf nationale Entwicklungen und Befindlichkeiten gehen sie höchst ungern ein. Sie sehen sich als Währungshüter eines geeinten Europas - eines Europas, das es so bislang nicht gibt, das es vielleicht niemals geben wird.

Trichet geriert sich wie ein normaler Zentralbanker, der sein Handwerk versteht. Das Problem ist nur, dass der Euro keine normale Währung ist.

Der EZB-Präsident, meint der liberale Europa-Abgeordnete Jules Maaten, müsste für die gemeinsame Währung werben. "Trichet sollte lernen, so zu reden, dass die Bürger ihn verstehen. Er muss sie von den Vorteilen des Euro überzeugen." Wer sonst, fragt der Niederländer, sollte es denn tun?

"Wir können einiges verbessern"

"Wir können einiges verbessern"

Gertrude Tumpel-Gugerell über die Kommunikation der EZB

mm: Haben Sie eine Erklärung dafür, warum die EZB so hart kritisiert wird?

Tumpel-Gugerell: Viele Bürger sorgen sich um ihre Zukunft, weil die Wirtschaft mäßig wächst. Da ist es verständlich, dass sie einen Schuldigen suchen. Tatsächlich trifft die EZB aber keine Schuld: Unsere Geldpolitik hat äußerst günstige Bedingungen geschaffen. In der Euro-Zone sind die Zinsen deutlich niedriger als in den USA oder in Großbritannien. Wer in Euro-Land investieren will, kann sich äußerst günstig finanzieren.

mm: Vielleicht liegt's an der Kommunikation. Muss die EZB für den Euro werben?

Tumpel-Gugerell: Nicht werben, sondern informieren. Das tun wir intensiv, und wir können sicher noch einiges verbessern. Die EZB ist eine junge Institution. Die Öffentlichkeit muss erst lernen, sie zu verstehen - genauso wie wir lernen müssen, uns verständlich zu machen. Klar ist aber auch: Es gibt ein Grundvertrauen in die Stabilität des Euro. Andernfalls wären die Zinsen viel höher.

mm: Europa steckt in einer tiefen Krise. Kann der Euro auf Dauer ohne europäische Identität überleben?

Tumpel-Gugerell: Langfristig ist es essenziell, die europäische Identität zu stärken. Die Regierungen der EU-Mitgliedsstaaten müssen deutlicher machen, wie viel schon erreicht ist - nicht zuletzt in der Wirtschafts- und Währungspolitik: Ich weiß, dass viele Bürger verunsichert sind angesichts der Globalisierung, der Terrorbedrohung und der Schwankungen auf den Finanzmärkten. Aber ohne den Euro hätte Europa viel größere Probleme. Das vergessen viele.

mm: Die politische Debatte findet nach wie vor auf nationaler Ebene statt. Sollte die EZB nicht stärker auf die jeweiligen Bedürfnisse der Mitgliedsstaaten eingehen?

Tumpel-Gugerell: Natürlich debattieren wir auch die Entwicklungen und Probleme der einzelnen Länder und Regionen. Ich denke, wir müssen uns jedoch eher noch mehr bemühen, eine einheitliche ökonomische Sichtweise zu kommunizieren. Deshalb hat der Rat der Europäischen Zentralbank gerade beschlossen, dass die EZB und die zwölf nationalen Zentralbanken im Euro-System einheitlicher auftreten werden. Europa braucht mehr Platz, auch in den Debatten der Mitgliedsstaaten.

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