Freitag, 22. November 2019

100 Tage ohne Chef Sturmfreie Bude

5. Teil: "Jahr der Gelassenheit"

März 2005, Leinfelden-Echterdingen: An normalen Tagen hat Glemser mindestens 15 Anrufe auf der Mailbox. Als er nach der Landung in Frankfurt das Handy anschaltet, ist die Box leer. Im Büro, immerhin, wird er mit Umarmungen begrüßt. Trotzdem weiß er zunächst nichts mit sich anzufangen.

Ein Herr von der Sparkasse Sigmaringen - "zwei Jahre war ich an denen dran" - meldet sich, will aber einen Mitarbeiter sprechen. Die Kollegen, die zwischen Dezember und April ein halbes Dutzend größerer Kunden geworben haben, lächeln nachsichtig, als Glemser eine Volksbank akquiriert: kleiner Fisch. Glemser ist erst sauer, "dann fiel mir auf, dass ich genau das erreichen wollte".

Anfangs bringt Glemser die Söhne zum Kindergarten, räumt die Spülmaschine aus, joggt. Sein Akquiseanteil liegt bei 30 Prozent, er arbeitet kaum noch als Trainer, geht öfter mit Kunden essen, einfach so. "Dafür fehlte mir früher die Zeit." Er kümmert sich wieder mehr um die Strategie. Im Finanzsektor ist Cocomin eine feste Größe, jetzt hat Glemser Pharma- und Autoindustrie im Visier. "Es war gut, mal neben das Hamsterrad zu treten", sagt der Unternehmer, "und für die Firma war es gut, dass der Alte mal weg war."

Mehr Kreativität, neue Ideen, Eigenverantwortung - Glemsers Abwesenheit habe der Firma gut getan, sagen die Mitarbeiter - und der Chef stimmt zu: "Ökonomisch haben uns die drei Monate deutlich weitergebracht." Die Anzahl der Termine bei potenziellen Kunden hat sich verdreifacht, "wir trauen uns zu, den Umsatz zu verdoppeln".

Und das nur, weil Glemser hundert Tage nicht geführt und entschieden, sondern dies seinen Leuten zugetraut hat. "Das hört man nicht gern als Chef, aber ich würde es wieder tun." Glemsers Arbeitstag hat nicht mehr 16, sondern 8 Stunden, und 2005 hat er für sich zum "Jahr der Gelassenheit" ausgerufen. Die drei Worte hat er ausgedruckt und auf seinen Schreibtisch gelegt. Dorthin, wo sonst das Blatt mit den Umsatzzielen liegt.

© manager magazin 9/2005
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