Donnerstag, 21. November 2019

100 Tage ohne Chef Sturmfreie Bude

4. Teil: Alcatraz statt Chefentscheidung

Der Australier ist in den Flitterwochen, aber alle paar Stunden checkt er seine E-Mails oder telefoniert. Es schockiert ihn, dass Glemser überhaupt keinen Kontakt zu seiner Firma hat. "Come on, wir schauen mal im Netz, ob deine Leute den Laden nicht längst verkauft haben", sagt er und klappt den Laptop auf. Glemser verzichtet. Er geht auch nicht ans Handy, auf SMS von Kunden antwortet er knapp, sie sollten sich an Spanjersberg wenden.

Freiräume: Andreas Glemser posiert vor der Golden Gate Bridge in San Francisco ...
Dabei sind in Leinfelden-Echterdingen gerade klassische Chefentscheidungen gefragt. Den Post-Auftrag hat Spanjersberg zwar bekommen, aber jetzt funktioniert die Software nicht. Cocomin trifft keine Schuld, die Technik kommt von einem Post-Zulieferer, aber der Stellvertreter entscheidet trotzdem, das Projekt vorerst auf Eis zu legen.

Im Februar gibt es auch noch Probleme mit zwei Trainern. Einer hatte einen Unfall, mit dem anderen herrscht "Unstimmigkeit über die gemeinsame Strategie". Ersatz muss her, Spanjersberg führt Bewerbungsgespräche.

Februar 2005, Kalifornien: Glemser ist glücklich. Gerade war er mit seinen Söhnen in Disneyland, er hat ihnen die einarmigen Banditen in Las Vegas gezeigt und die Gefängnisinsel Alcatraz. "In den vergangenen sechs Jahren habe ich viel verpasst, was meine Söhne angeht", sagt Glemser, "jetzt haben wir ein richtig tolles Verhältnis."

... und zeigt Sohn Sohn Alan-Lou die Glitzerreklame in den USA
Während Glemser mit dem Cable Car durch San Francisco gondelt, erntet Spanjersberg die ersten Akquiseerfolge. In den vergangenen Wochen hat das Team neue Strategien entwickelt: Statt potenzielle Kunden nur anzuschreiben, werden sie jetzt von einem Callcenter angerufen - allein im Februar 40 Banken und Sparkassen.

Die Cocomin-Leute haben neue Produkte wie Mystery Shopping oder Best-Practice-Workshops entwickelt. Bei Kunden präsentiert Spanjersberg mit Beamer und Powerpoint; Glemser hat immer noch alles auf ein Flipchart gemalt. "Vorher kamen wir gar nicht auf den Gedanken, etwas zu ändern", sagt Spanjersberg, "wenn man aber plötzlich alles allein entscheiden muss, kommen auch neue Ideen." Und neue Kunden: Ende Januar 2005 will die Sparkasse Köln ein laufendes Projekt ausweiten, im Februar bekommt Cocomin den Auftrag einer niederrheinischen Sparkasse.

© manager magazin 9/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung